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Stenzel: „Einige Radfahrer sind Anarchisten“

28.08.2012 | 18:53 | Von Martin Stuhlpfarrer (Die Presse)

City-Bezirkschefin Stenzel schießt sich im Interview mit der "Presse" auf undisziplinierte Radfahrer ein, kann sich eine Citymaut vorstellen und hält eine Bewerbung Wiens für Olympische Spiele für überlegenswert.

Die Presse: Was haben Sie eigentlich gegen Ihren VP-Parteiobmann Manfred Juraczka?

Ursula Stenzel: Nichts.

Er lehnt Nummerntafeln für Radfahrer ab. Seine Ablehnung haben Sie wörtlich als Blödsinn bezeichnet.

Das heißt nicht, dass ich etwas gegen Juraczka habe. Ich agiere als Bezirksvorsteherin des ersten Bezirks und habe hautnah erlebt, was sich abspielt. Ich sehe nicht ein, dass man den Boykott von Verkehrsregeln derart hinnehmen muss.

Sie reden von den Radfahrern?

Ich bin gerade durch die Fußgängerzone am Graben gegangen. Wenn zügig, mit einem gewissen Triumph im Blick, von mehreren Radfahrern illegal durchgefahren wird, dann gehören Nummerntafeln her. Es geht nicht, dass ich mich an nichts halte.

Sie fühlen sich von diesen Radfahrern belästigt?

Ich fühle mich gefährdet. Die fahren ja auch schnell. Die wollen die Fußgängerzone zum Kippen bringen. Die wollen Shared Space durchsetzen, damit sie durchfahren können. Es gibt aber noch wichtigere Dinge, wie das Anrainerparken. Hier tut Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou aber nichts.

Sie wollen Rad-Nummerntafeln?

Wenn ein Rad keine Nummerntafel braucht, braucht ein Moped auch keine. Ein Moped ist auch ein relativ langsames Verkehrsmittel. Jetzt kommen auch immer mehr Elektroräder dazu. Dadurch wird ein Rad schneller und auch weniger beherrschbar – ich sehe das nicht mehr ein. Die Landespartei soll sich diese Aspekte überlegen.

Hat sich die Situation durch die Radfahrer in Wien so verschlimmert?

Ja, absolut! Letztes Mal ist einer mit Schwung an mir vorbeigefahren, direkt in die Fußgängerzone, und hat mich dabei angesehen, nach dem Motto: „Siehst du, so mach ich es einfach.“ Diese Haltung gehört gestoppt. Die Fußgänger werden bedrängt. Das ist Anarchie, und die erlebe ich täglich im ersten Bezirk. Einige Radfahrer sind Anarchisten.

Bei der Wiener Volksbefragung könnten laut Bürgermeister Michael Häupl Rad-Nummerntafeln eine Frage sein.

Nur um den Koalitionspartner zu ärgern, muss ich nicht alles einem Volksvotum unterwerfen. Die Volksbefragung in Wien hat Schule gemacht, da haben sie leider die Citymaut-Debatte abgewürgt, was unvernünftig ist.

Sie wären für eine Citymaut?

Ich wäre dafür, dass man dieses Thema abseits von Politikern, nur von Experten beraten lässt. Dass man es so schnell vom Tisch fegt, hat die Folge, die wir jetzt haben: Wir haben eine Not an Parkraum für die Anrainer, wir haben viele Touristenbusse, Räder in allen Varianten und Autos. Irgendwann kommt man an ein Limit. Die Grünen sollen klar sagen, dass sie den motorisierten Individualverkehr in der Stadt verunmöglichen wollen, indem andere Verkehrsmittel forciert werden – nicht nur der öffentliche, sondern auch der Radverkehr. Die Grünen vermiesen den Wienern das Autofahren. Die wesentlichen Dinge werden aber nicht angegangen: Bewohnerparken, eine Touristenbus-Lösung usw. Da sollen sie ihre Energie darauf verwenden.

Sie sympathisieren mit der Citymaut?

Ich habe früher gesagt, dass ich mir das vorstellen kann. Ich wurde eines Besseren belehrt, weil sich die Wirtschaft das nicht vorstellen kann. Unabhängig davon sollte man das Modell einer Citymaut nicht völlig vom Tisch wischen, aber das wäre die letzte Rückzugsmöglichkeit.

Experten sollen ein Citymaut-Modell entwickeln?

Sie sollen Empfehlungen und verschiedene Modelle ausarbeiten, Analysen machen, wie es sich wirklich bewährt.

Welche Alternative zur Citymaut könnte es geben?

Das deutsche Modell. Parken dürfen dort nur Bewohner, aber alle anderen dürfen zufahren und 30 Minuten halten. Das könnte sofort umgesetzt werden. Diese Lösung könnte die Wirtschaft mittragen. Ich habe das Vassilakou vorgeschlagen, höre aber davon nichts mehr. Stattdessen wird noch ein Radweg gemacht, und nach der Reihe werden Bäume am Radringweg schwach. Sie werden immer dort schwach, wo der Radweg verschwenkt wird. Man will einen geraden Radweg haben.

Die Grünen fordern auch die dritte Ringspur für Radfahrer.

Das ist ausgeschlossen. Wir können uns nicht zurückwünschen in die Zeiten der Mao-Revolution, wo alle nur mit dem Rad gefahren sind. Das geht nicht.

Sie wollen keine Radwege mehr im ersten Bezirk?

Sicher nicht auf Kosten von Parkplätzen.

Die VP forderte bessere Sportstätten anlässlich von Olympia. Soll es künftig Olympische Spiele in Wien geben?

Das ist überlegenswert. Das wäre ein Impuls für zumindest einen Teil der Wirtschaft, warum nicht? Da bin ich absolut offen – vor allem nach der Erfahrung mit der Fußball-EM 2008.

Faktbox (555c54e8)


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