„Der Sieg ist nahe. Die Schlacht zur Befreiung von Damaskus hat begonnen“, kündigten Syriens Rebellen am Dienstag an. Mit einer „Operation „Erdbeben“ soll die syrische Hauptstadt befreit werden. Seit drei Tagen dehnen sich die heftigen Kämpfe auf immer mehr Stadtteile aus und drohen nach Homs, Hama und Deraa nun auch die syrische Hauptstadt in Gewalt und Zerstörung zu stürzen. Im diplomatischen Ringen um eine Syrien-Resolution des UN-Sicherheitsrates hingegen ist weiterhin keine Einigung in Sicht. „Wir haben nur leichte Waffen, aber einen Plan, wie wir ganz Damaskus in unsere Hand bekommen können“, erklärte der Sprecher der „Freien Syrischen Armee“, Oberst Kassem Saadeddine, und kündigte für die kommenden Tage „Überraschungen“ an. Nach israelischen Erkenntnissen verlegte das Regime Einheiten aus den nahe gelegenen Golanhöhen nach Damaskus, ein Indiz, wie prekär die Lage ist.
Wohnblocks unter Feuer
In Damaskus patrouillierten am Dienstag zum ersten Mal Kampfhubschrauber im Tiefflug über den südlichen und östlichen Trabantenstädten Hajar al-Aswad und Qaboon. Die Armee nahm mit Raketenwerfern und schweren Maschinengewehren wahllos Wohnblocks unter Beschuss. Tausende Bewohner versuchten in Panik, aus den Kampfzonen zu fliehen und ihr Leben zu retten. Selbst auf Plätzen und Straßen nahe der weltberühmten Altstadt soll es erstmals Schusswechsel gegeben haben. Augenzeugen berichteten, regimetreue Kämpfer seien mit Kalaschnikows im Anschlag über den Sabaa-Bahrat-Platz nahe der syrischen Zentralbank gerannt. Auch aus anderen Teilen des Landes meldeten die Rebellen militärische Erfolge. In der Provinz Homs haben sie nach eigenen Angaben die Armee von zahlreichen Straßensperren vertrieben. Assads Elitetruppen nahmen den Stadtteil Hamidiyeh in Hama unter Beschuss, wo bereits am Vortag mehr als 30 Menschen durch Raketen und Granaten umgekommen waren.
Nawaf Fares, der abtrünnige syrische Botschafter im Irak, warnte im britischen Sender BBC davor, das bedrängte Baath-Regime könnte demnächst auch chemische Waffen einsetzen. „Ich bin überzeugt, wenn Bashar al-Assad von seinem Volk noch weiter in die Ecke gedrängt wird, wird er zu diesen Waffen greifen“, sagte der Diplomat, der sich inzwischen in der Golfmonarchie Katar aufhält. Den Diktator nannte er „einen verwundeten Wolf“, der entschlossen sei, die ganze Bevölkerung auszuradieren, um seine Macht zu retten.
Neue Flüchtlingswelle
Als Folge der eskalierenden Gewalt suchen immer mehr Syrer in Nachbarländern Schutz. Seit April habe sich die Zahl der im Ausland offiziell registrierten syrischen Flüchtlinge auf 112.000 Personen nahezu verdreifacht, teilte die UNO in Genf mit. Drei Viertel von ihnen seien Frauen und Kinder, erläuterte Adrian Edwards, Sprecher des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR). Die Organisation geht davon aus, dass tatsächlich wesentlich mehr Syrer über die Grenzen geflohen sind. Viele der Flüchtlinge in der Türkei, in Jordanien, im Libanon und im Irak würden sich erst dann offiziell registrieren und um Unterstützung bitten, wenn ihre eigenen Vorräte aufgebraucht seien, sagte Edwards.
