Zugegeben: Noch ist der Vergleich nicht ganz angebracht. Doch was sich seit Wochen und Monaten rund ums Südchinesische Meer abspielt, ruft schön langsam Erinnerungen an die imperialistischen Muskelspiele des frühen 20. Jahrhunderts wach.
Damals war das Deutsche Reich auf der Suche nach seinem „Platz an der Sonne“, wie es Reichskanzler Bernhard von Bülow formulierte, und es legte sich im Zuge dieser Suche mit den Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich an. Wie dieser Konflikt ausging, kann in Geschichtsbüchern nachgelesen werden – es ist keine angenehme Lektüre.
Die Rollen Deutschlands und Großbritanniens nehmen hundert Jahre später China und die USA ein, und der Schauplatz ist nicht mehr Afrika, sondern Südostasien. Für Washington geht es bei dem Konflikt, der mithilfe von regionalen Stellvertretern ausgetragen wird, um die Absicherung der globalen Vormachtstellung. China wiederum will seine – aus Pekings Perspektive rechtmäßige – Position als asiatisches Gravitationszentrum wiedererlangen, die es über Jahrhunderte hatte.
Zum Glück wiederholt sich Geschichte nicht einfach so: Beide Seiten wissen, dass eine Eskalation verheerende Folgen hätte. Und in Washington ist man sich der Tatsache bewusst, dass sich Chinas ökonomisches Gewicht auch politisch widerspiegeln muss. Problematisch sind allerdings die Unübersichtlichkeit der Streitfälle und die Zahl der Beteiligten – und wie jeder Konfliktforscher weiß, steigt mit der Anzahl der Streitparteien die Gefahr einer Fehlkalkulation.