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Beirut: Syrien-Konflikt greift auf den Libanon über

16.08.2012 | 18:22 | Von unserem Mitarbeiter MARTIN GEHLEN (Die Presse)

Libanesische Schiiten machen Jagd auf Syrer und Bürger arabischer Golfmonarchien. Sie nahmen Geiseln und blockierten zeitweise die Zufahrtsstraße zum Flughafen der Hauptstadt Beirut

Kairo/Beirut. Die Gewalt in Syrien greift immer stärker auf das Nachbarland Libanon über – und das vier Wochen vor dem geplanten Besuch von Papst Benedikt XVI. Aufgebrachte Schiiten plünderten syrische Geschäfte und zündeten Autos an, nahmen 33 Syrer und einen Türken als Geisel und blockierten zeitweise die Zufahrtsstraße zum Flughafen der Hauptstadt Beirut. „Die Situation ist außer Kontrolle geraten“, meldete die staatliche Nachrichtenagentur NNA. Die Golfstaaten Saudiarabien, Katar, Vereinigte Arabische Emirate und Kuwait riefen ihre Staatsangehörigen auf, sofort auszureisen. Diese Länder unterstützen die Gegner des syrischen Regimes mit Waffen und Geld. Zehntausende Golfaraber machen derzeit an der Mittelmeerküste und in den Bergen des Libanon Urlaub.

 

Riskante Reise des Papstes

Libanons Präsident Michel Suleiman warnte vor einer weiteren Eskalation: „Chaos zu verbreiten bringt keinen Entführten zurück und beendet kein Unrecht. Es zerstört nur die Rechte aller und gefährdet Menschenleben.“

Ob angesichts der wachsenden Spannungen der für den 14. bis 16. September geplante Besuch des Papstes im Libanon stattfinden kann, blieb am Donnerstag unklar. Der Vatikan und die libanesische Regierung hüllten sich in Schweigen. Nach dem bisher bekannten Programm ist unter anderem am 16. September ein großer Freiluftgottesdienst im Zentrum Beiruts geplant.

Benedikt XVI. sieht in der Sorge für die Christen des Nahen Ostens einen Schwerpunkt seines Pontifikats. Im Oktober 2010 berief er zum ersten Mal eine Sondersynode für die Schwesterkirchen des Orients im Vatikan ein – aufgerüttelt durch die Vertreibung der irakischen Christen. Zuvor hatte der Papst im Mai 2009 Israel und die Palästinensergebiete besucht. Die maronitische Kirche im Libanon, der die Mehrheit der örtlichen Christen angehört, ist mit Rom uniert.

 

Entführung als Rache

Ausgelöst wurden die massiven Unruhen im Libanon durch Gerüchte über den Tod von elf im Mai entführten libanesischen Pilgern sowie die Festnahme eines schiitischen Libanesen durch syrische Rebellen. Der Gefangene, der dem mächtigen Mokdad-Clan angehört, wurde in einem Video vorgeführt und gab an, er sei einer von 1500 Scharfschützen, die die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah nach Syrien eingeschleust habe. Die Hisbollah gilt als Verbündete des syrischen Regimes.

Die Mokdad-Familie, die vor allem vom Schmuggel lebt, reagierte mit wüsten Drohungen und veröffentlichte ihrerseits ein Video mit im Libanon gekidnappten Syrern. Man werde alle Geiseln töten, wenn ihr Familienmitglied Hassan Salim al-Mokdad nicht unversehrt freigelassen werde. Jedes Mitglied der aufständischen „Freien Syrischen Armee“ auf libanesischem Boden sei „ein legitimes Ziel“, erklärte ein Bruder des Entführten. Hassan Salim sei nach Damaskus gegangen, um vor seinen Gläubigern zu flüchten. Auch die Hisbollah bestritt, dass der Gekidnappte aus ihren Reihen stammt.

Zu dem Schicksal der elf entführten libanesischen Pilger gab es widersprüchliche Informationen. Der libanesische Fernsehsender LBC meldete, alle elf seien bei den Luftangriffen syrischer Kampfjets am Mittwochnachmittag auf die Rebellen-Enklave von Azaz nahe der türkischen Grenze ums Leben gekommen. Dagegen erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London, einige der elf seien verwundet worden. Nach Angaben der BBC werden vier Gefangene noch vermisst, nachdem ihre Unterkunft von einer Rakete getroffen worden war.

 

Zehntausende Flüchtlinge

Libanons Bevölkerung ist in Hinblick auf den Bürgerkrieg in Syrien tief gespalten. Die schiitische Mehrheit, allen voran die Hisbollah, unterstützen das Regime von Bashar al-Assad. Die Sunniten fühlen sich mehrheitlich der syrischen Opposition verbunden. In der Grenzregion zwischen beiden Staaten, aber auch in der Stadt Tripoli, deren Mehrheit Sunniten sind, hatte es in den vergangenen Monaten immer wieder Schießereien zwischen den beiden Lagern gegeben. Zuletzt starben dabei im Mai acht Menschen. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind offiziell 38.000 syrische Flüchtlinge im Libanon registriert, die wirkliche Zahl liegt wesentlich höher.


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