Die Presse: Die Lebensmittelpreise haben sich im vergangenen Jahr zum Teil mehr als verdoppelt. Die UNO nennt 37 Länder, die von der Krise stark betroffen sind. Auf welche davon sollten wir besonderes achten?
John Powell: Ich ziehe es vor, keine Namen zu nennen. Am meisten gefährdet sind Länder, die hochgradig von Lebensmittel- und Treibstoffimporten abhängig sind und deren Bevölkerung einen hohen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgibt.
Das Welternährungsprogramm WFP steht gleichsam an der Front. Wo könnte es demnächst zu sozialen Unruhen kommen?
Powell: Wir wollen nicht schrill oder alarmistisch sein. Doch wenn wir keine Wege finden, Regierungen zu helfen, mit diesem neuen Hunger umzugehen, besteht eine reelle Gefahr von Unruhen und Revolten. Diese Konstellation wiederum macht es unwahrscheinlich, dass Politiker Entscheidungen treffen, die langfristig vernünftig sind. Viele Maßnahmen, die wir zuletzt als Antwort auf Unruhen gesehen haben, waren kontraproduktiv: Exportverbote, Preiskontrollen oder Subventionen verzerren Preissignale an Bauern, die Anreize sein könnten, mehr zu produzieren. Exportverbote führen zu einem Rückgang des Angebots auf internationalen Märkten, was die Preise weiter hochtreibt. Es geht um nachhaltige Steigerungen der Lebensmittelproduktion, damit wir in 30 Jahren Nahrung für neun Milliarden Menschen auf diesem Planeten haben.
Was könnten schnelle Schritte sein, um Lebensmittelpreise zu senken?
Powell: Wenn wir Glück haben, eskalieren die Preise nicht weiter. Doch kein Experte glaubt, dass sie in naher Zukunft sinken. Es besteht Konsens, dass die Preise hoch bleiben. Wir sind in einer Situation stufenartiger Veränderung – mindestens für die nächsten drei bis vier Jahre. Kurzfristig muss man den am meisten Betroffenen helfen und Regierungen unterstützen, ihr soziales Sicherheitsnetz zu stärken: Teils durch direkte Nahrungsmittelhilfe des WFP, teils durch Zahlungen an Regierungen. Drittens muss man Kleinbauern schnell Zugang zu Saaten und Dünger verschaffen. Sonst versäumen wir die Anbauzeit und sind nächstes Jahr noch schlimmer dran.
Sollte verboten werden, Mais für Biosprit zu verwenden?
Powell: Das WFP steht Biosprit neutral gegenüber. Das erste Mal seit drei Jahrzehnten haben Bauern eine Chance, einen fairen Preis zu erzielen. Was ist daran falsch? Zweitens weiß man nicht nicht, wohin Biosprit-Technologie führen wird. Es wird andere Biomasse als Nahrungsmittel geben, um Treibstoff herzustellen. Es ist wichtig, Biosprit nicht zu dämonisieren.
Es heißt, Nordkorea steuert auf eine neue Hungerkatastrophe zu.
Powell: Nordkorea ist eindeutig gefährdet. Besten Schätzungen zufolge hat es Produktionsausfälle von 1,6 Millionen Tonnen bei einem jährlichen Bedarf von 5 bis 5,2 Millionen Tonnen. Nordkorea hat viel zu wenig Nahrungsmittel und ist nicht in einer Position, auf dem internationalen Markt zuzukaufen. Die Lebensmittelsituation ist sehr hart und wird sich vermutlich noch weiter verschlimmern.
Woher bekommt das WFP zusätzliche Nahrungsmittel?
Powell: Wir arbeiten in enger Partnerschaft mit unseren Mitgliedstaaten. Ungefähr 90 Länder spenden an das WFP, von den USA über Österreich bis Bangladesch und Malawi. Wir rufen die Regierungen auf, Unterstützung zu leisten, entweder finanziell oder in Form von Waren. Derzeit erhalten wir mehr als 50 Prozent in Cash. Und davon nützen wir 80 Prozent, um in Entwicklungsländern einzukaufen.
Das WFP zieht also Cash vor.
Powell: Wir begrüßen Cash sehr, denn es erlaubt uns lokal zu kaufen, erspart uns Transportkosten, sorgt für Essen nach dem Geschmack der lokalen Bevölkerung und unterstützt die Entwicklung lokaler Landwirtschaft.
Wie würden Sie die Gesamtsituation im Moment beschreiben. Weltbank-Chef Robert Zoellick sagte, die nächsten Wochen seien kritisch.
Powell: Aus der Sicht der WFP sind sie insofern kritisch, als wir die Regierungen bis 1.Mai um zusätzliche 750 Millionen Dollar baten, um die Kosten abzudecken, die durch Preissteigerungen bei Nahrungsmittel und Treibstoff entstanden sind. Wir sind zu 60 bis 65 Prozent auf dem Weg dorthin.
Ist das eine gute Rate?
Powell: Das ist eine sehr gute Response. Wir hatten eine großartige Reaktion auf den Tsunami, und das ist vielleicht vergleichbar.
Wie viel Hilfe hat Österreich zugesagt?
Powell: Österreich seit Jahren Partner des WFP. Das Außenministerium hat neulich eine Million Euro zusätzlich genehmigt für generelle Arbeit im Kampf gegen die Lebensmittelkrise. Davon sind 250.000 Euro direkt an WFP vorgesehen. Das Lebensministerium und das Außenministerium in Wien haben mir erklärt, dass sie derzeit noch Bestand aufnehmen, was getan werden muss.
Andere Länder sind hilfsbereiter ...
Powell: Viele andere Mitgliedsstatten haben schnell und dramatisch geantwortet. Die USA oder auch Großbritannien, das 60 Millionen Dollar zusätzlich gibt. Mehr als 20 Geberländer haben geantwortet, von den Großen bis zu den Färöer Inseln.
Das WFP hat die internationale Gemeinschaft um 750 Millionen Dollar zusätzlich gebeten. Wird das bis zum Ende des Jahres ausreichen?
Powell: Die WFP begann 2008 mit dem Plan, 3,5 Milliarden Dollar zu brauchen, um 75 bis 80 Millionen Menschen in 78 Ländern mit Essen zu versorgen. In Folge der Preiserhöhungen hat sich die Rechnung um 750 Millionen Dollar erhöht. Wir brauchen also in Wirklichkeit 4,3 Milliarden Dollar. Die brennendeste Frage lautet: Ist das das Ende der Preiserhöhungen? Die Antwort lautet: Das weiß niemand.
Und was, wenn in Folge der Preiserhöhungen mehr als 80 Millionen Menschen Hilfe benötigen?
Powell: 4,3 Milliarden Dollar braucht man, um die Verpflichtung gegenüber 80 Millionen Menschen zu erfüllen. Und das sind bereits die verwundbarsten Menschen auf unserem Planeten: die Opfer des Konflikts in Darfur, die Flüchtlinge im Tschad, die Verzweifelten in Afghanistan, Nordkorea und Burma. Jetzt sehen wir eines neues Gesicht des Hungers. Es gibt vielleicht genug Lebensmitteln in den Regalen der Geschäfte, doch immer mehr Menschen können sich diese Produkte nicht mehr leisten. Die Weltbank schätzt, dass mindestens 100 Millionen Menschen hoch gefährdet sind, wegen der hohen Lebensmittelpreise in die Armut abzustürzen. Das wirkliche Thema ist, dass wir mit der Weltbank, der Welternährungs-Organisation FAO und anderen Organisationen präziser identifizieren, wer diese 100 Millionen sind und wie ihnen geholfen werden kann.
Hat die internationale Gemeinschaft zu langsam auf die Krise reagiert. Erste Proteste gab es ja schon vor mehr als einem Jahr.
Powell: Das WFP hat seine Sorgen über den perfekten Sturm, den wir wir jetzt sehen, schon vor mehr als zwölf Monaten geäußert. FAO-Chef Diouf hat die Welt sogar noch länger vor dem Mangel an Investitionen in die Landwirtschaft gewarnt. Was uns alle überrascht hat, war die Beschleunigung der Preiserhöhungen. Doch jetzt ist das Thema fest auf der internationalen Agenda: Ende des Monats findet in Tokio die internationale Konferenz über afrikanische Entwicklung statt, von 3. bis 5. Juni eine große UN-Konferenz, und auch beim G8-Gipfel in Tokio wird die Lebensmittelkrise auf jeden Fall im Mittelpunkt stehen.
Viele Menschen befürchten, dass Hilfe für Arme in Afrika strukturelle Abhängigkeit schafft.
Powell: Kein Land, keine Gesellschaft, keine religiöse Gemeinschaft glaubt, dass es eine gute Sache für Frauen und Kinder ist zu verhungern. Welche anderen Optionen haben Flüchtlinge, Vertriebene, Verzweifelte, wenn sie keine Nahrungsmittelhilfe erhalten. Das ist keine Frage von Abhängigkeit, sondern des nackten Überlebens.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2008)