Rom. Eine junge, rosige Frau von eher weichlich-unsportlicher Figur, lässig hingeräkelt auf einem Wolkenbett; bekleidet mit einer hauchdünnen, Unterrock-artigen Tunika, bei der irgendjemand die Träger weggestreift hat. Jedenfalls liegen die Brüste frei. Neben ihr das genaue Gegenteil: ein runzliger, verbrauchter, müder, alter Mann, der die junge Gespielin nicht einmal ansieht, die da so lasziv in seinen Armen liegt, sondern traurig zur anderen Seite blickt.
So hat es der venezianische Künstler Giambattista Tiepolo im 18. Jahrhundert gemalt. „Die Wahrheit, enthüllt von der Zeit“ heißt das allegorische Riesengemälde, das Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi seit einigen Wochen als Hintergrund für seine Pressekonferenzen benutzt.
Höchstpersönlich hat er sich diese barocke Dekoration ausgesucht. Die Wahrheit, wollte er damit wohl sagen, solle bei seinen Auftritten – und natürlich: die Moral von der Geschicht' – in den Artikeln über ihn herauskommen. Die Wahrheit, das ist die junge Frau; und als Wahrheit ist sie nackt, wie immer in der Kunstgeschichte. Sie hat nichts zu verbergen. Besser gesagt: hatte. Denn jetzt haben Berlusconis Leute die Wahrheit zugepinselt.
Prüder als der Vatikan
Sie haben die eine, sichtbare Brustwarze mit einem Schleierchen übermalt. Die nackte Wahrheit, die da bei den Pressekonferenzen immer just über Berlusconis Gesicht ins Fernsehen blinkte, hätte beim Publikum „zu Irritationen führen“ können, meinten die Image-Berater.
Jetzt grinst natürlich halb Italien: Zum Beispiel über Berlusconis mehrfach geliftetes Gesicht, über seinen chirurgisch kultivierten Haarwuchs – und über die „Wahrheit“ hinter ihm. Kunsthistoriker und patriotische venezianische Politiker sind empört: Einen Tiepolo fälscht man nicht!
Der Chef der Vatikanischen Museen macht sich lustig: So prüde wie Berlusconi sei man heute nicht mal mehr beim Papst. „In unseren Räumen stehen mehr Nackte als in anderen Museen der Welt.“ Dass man den Figuren auf Michelangelos „Jüngstem Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle jene berühmten „Unterhosen“ verpasste, ach, das sei lange her, 443 Jahre.
Mal sehen, ob in der politischen Denkpause eines heißen römischen Sommers die Hülle wieder fällt. Jedenfalls sollte Berlusconi sich vorsehen, wenn er in Tiepolos Allegorie eingreift. Die Zeit, das ist hier zwar durchaus jener runzlige, alte Mann. Aber wenn er so eng auf die Wahrheit trifft, wenn sich die Wahrheit an ihn schmiegt, dann ist er seiner Potenz beraubt: Das Stundenglas ist ihm genommen, die Sense liegt machtlos auf der Wolke nebenan. Mit anderen Worten: Die Zeit steht still. Pinselt Berlusconi aber die Wahrheit zu, setzt er Tiepolos Gleichnis außer Kraft. Dann verrinnt die Zeit wieder. Berlusconi wird bald 72. Das vergisst er gerne. Und seine Image-Berater wissen offenbar nicht, was sie tun.