„Die Presse am Sonntag“: Wie erinnern Sie sich heute an den November 1989?
Wolfgang Schäuble: Mit dem Fall der Mauer hat das aufregende Jahr 1989, das ja an der ungarisch-österreichischen Grenze begonnen hat, seinen Höhepunkt gefunden. Bundeskanzler Kohl beschrieb das einmal im Gespräch mit Generalsekretär Gorbatschow so: Wenn eine Mauer bricht, dann strömen die Wassermassen, dann läuft es zusammen. So war dann auch der Fluss der Ereignisse, es ging immer schneller. Der Druck gegen die Mauer war ja schon so stark, erst am Eisernen Vorhang, dann in der Botschaft in Budapest, am Ende in Prag, und dann ist die Mauer gebrochen.
Hatten Sie so schnell mit der Wiedervereinigung gerechnet?
Das war nicht mehr aufzuhalten, es dauerte nicht einmal ein Jahr, bis Deutschland wieder vereinigt war. Am 9. November konnte sich noch keiner vorstellen, dass es so schnell gehen würde. Als ich das vor Weihnachten mal leichtsinnigerweise halblaut gesagt habe, hat's geheißen, das sei nun völlig gesponnen. Aber so beschleunigen sich die historischen Entwicklungen. Die Triebkraft dieser Beschleunigung, das waren die Menschen. Die Freiheitsidee für die Menschen, die nicht mehr unter einer bevormundenden Diktatur leben wollten. Natürlich bricht sich das auch immer in dem Wunsch nach besseren Lebensverhältnissen Bahn. Das ist ja nichts Negatives.
Umfragen zeigen, dass sich etliche Menschen die Mauer zurückwünschen. Wie erklären Sie sich das?
Ach, das sind nur wenige, je nachdem, wie man Umfragen formuliert. Natürlich gibt's nach wie vor Verletzungen, das ist aber in der Geschichte ganz zwangsläufig. Bedenken Sie, wie lange man nach dem Zweiten Weltkrieg gebraucht hat, den Nazi-Verbrechen ins Auge zu sehen. Nun kann man das nicht so vergleichen, aber solche historischen Perioden wirken immer lange nach. In Deutschland ist das spezifische Problem, dass die Menschen in der DDR anders als in den anderen Staaten des Warschauer Paktes die Hoffnung hatten: Wenn wir nicht mehr geteilt sind, dann werden wir gleich so leben, wie wir das aus der Bundesrepublik kennen. Hinzu kam die Globalisierung, die unabhängig von der Überwindung der europäischen und deutschen Teilung die Welt neu geordnet hat.
Was ist in den 20 Jahren seit dem Mauerfall erreicht worden?
20 Jahre danach ist das Gröbste geschafft. Wir haben zum Beispiel im Vergleich zu anderen Staaten oder Teilen des früheren sowjetischen Imperiums weniger Stimmen für postkommunistische Parteien in Deutschland. Natürlich haben wir zu viel, wie man an der relativen Stärke der Linkspartei sieht. Zweitens haben wir weniger Ausländerfeindlichkeit, viel weniger Rechtsextreme. Das heißt, wir haben eine Menge von möglichen Gefahren ganz gut verhindert. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in der früheren DDR in 20 Jahren um sechs Jahre gestiegen, das ist in so kurzer Zeit eine unglaubliche Verlängerung.
Und wo sehen Sie noch Defizite?
Der Lebensstandard der Menschen in den neuen Bundesländern ist immer noch nicht so hoch wie in anderen Gebieten Deutschlands. Das sehen Sie an den Preisen: Wenn Sie in ein normales Restaurant gehen, ist das halt in Leipzig 20 Prozent billiger als in Saarbrücken. Oder nehmen Sie eine Stadt wie Potsdam: tolle Lagen, tolle Villen. Dort wohnen inzwischen viele Westdeutsche. Die Alteingesessenen sitzen dagegen manchmal noch in weniger sanierten Häusern. Da entstehen nicht nur Freundschaften.
Gibt es die viel zitierte Mauer in den Köpfen also noch?
Die Jungen haben diese Probleme nicht. Aber es gibt eine Generation, die einen Großteil ihres aktiven Lebens in sehr getrennten Welten gelebt hat – das bleibt ein Stück weit. Manche dieser Menschen fühlen sich als Verlierer, sie haben ihre gewohnten Sicherheiten verloren. Natürlich haben sie einen höheren Lebensstandard, können überall hinreisen. Früher hat man gesagt: Einmal nach Österreich, einmal in die Alpen zum Skifahren, das wär' doch toll. Aber wenn man's jedes Jahr machen kann, dann hat man plötzlich nicht das Geld, um zweimal im Jahr zu fahren, und fühlt sich schon wieder benachteiligt.
Wie geht Deutschland mit den politischen Altlasten der DDR um?
Man muss sich das klarmachen: Wir hatten eine friedliche Revolution. Das heißt, die Revolution ging nur mit der Tolerierung derjenigen, gegen die sie sich gerichtet hat. Der Preis dafür war, dass sie gleich weiter mitmachen konnten. In Polen, Tschechien, Ungarn, der Slowakei haben in den 20 Jahren immer schon mal postkommunistische Parteien regiert. Bei uns in den Bundesländern sind sie auch schon beteiligt. Nicht alle kommunistischen Anhänger haben von sich selbst das Verständnis, dass sie Übles getan haben. Natürlich gibt es die Debatten zwischen Opfern und Tätern. Wer in den Gefängnissen war, hat Grund, sich darüber aufzuregen, dass diejenigen, die ihn dorthin gebracht haben – wenn sie geschickt waren –, heute gut weiterleben können.
Wie stehen Sie zu der Debatte, ob die DDR ein Unrechtsstaat war?
Diese Debatte ist von den Sozialdemokraten begonnen worden. Dass die Linkspartei dabei die Opposition bezieht, ist klar, denn sie hat ja vor allem Mitglieder, die früher in der SED waren. Die wollten den Menschen, die in der DDR gelebt haben, sagen: Ihr wart doch keine Verbrecher. Die Zielrichtung war, über eine Systemdebatte in Wahrheit eine Nostalgiedebatte auszulösen, um Stimmen zu fangen. Mit Absicht wurde zu wenig differenziert zwischen dem System und der Lebenswelt des Einzelnen. Ich glaube, dass das mit der Bundestagswahl beendet ist.
Hätte man die Leistungen der Ostdeutschen mehr herausstreichen sollen?
Die Revolution haben die Ostdeutschen gemacht. Und im Übrigen haben sie 40 Jahre in der DDR gelebt, und sie haben versucht, anständig zu leben. Sie waren nicht weniger fleißig, nicht weniger intelligent, nicht weniger anständig. Sie sind durch ein schlechtes System um den Erfolg ihrer Arbeit gekommen. Der Bundestag hat das übrigens schon vor 15 Jahren festgestellt: „Die Verurteilung der Diktatur bedeutet keine Verurteilung der ihr unterworfenen Menschen, im Gegenteil!“ Das muss man immer wieder deutlich sagen. Inzwischen nimmt die Beteiligung an den Feiern zum 3. Oktober von Jahr zu Jahr zu. Die Trennung wird langsam überwunden.