Retrospektiver Determinismus – dieser vom Vater des Existenzialismus, Henri Bergson, geprägte Begriff ist heuer, 20 Jahre nach den samtenen Revolutionen, dem Ende des Eisernen Vorhangs und dem Mauerfall wieder groß in Mode. Der Begriff erinnert uns daran, dass wir dazu neigen, den Ausgang von Ereignissen als natürlichen Lauf der Geschichte anzusehen, obwohl zu jedem Zeitpunkt auch ein anderes Ergebnis denkbar gewesen wäre. Timothy Garton Ash, 1989er-Historiker par excellence, hat den Begriff dankenswerterweise wieder in Erinnerung gerufen.
Die Frage nach dem „Was wäre, wenn“ ist verlockend. So war mit der Stürmung der US-Botschaft am 4. November 1979 entschieden, dass die säkularen Kräfte der Revolution verloren hatten. War das wirklich der einzig mögliche Ausgang der Geschichte?
Was wäre gewesen, hätte sich Präsident Mohammed Khatami an die Spitze der Studentenproteste von 1999 gestellt, mit denen er sympathisierte?
Und 2009? Warum wurde der 15. Juni, der Tag, an dem Millionen in Teheran gegen Ahmadinejad auf die Straße gingen, nicht zu einem iranischen Mauerfalltag wie in Berlin der 9. November 1989?
Die Anzeichen für einen Erosionsprozess in Teheran mehren sich, die Opposition flackert immer wieder auf. Vor dem Mauerfall waren Demonstrationen in Leipzig, waren Solidarno??, Prager Frühling und Ungarn-Aufstand. An welcher Stelle der Entwicklung wir im Iran stehen, wissen wir nicht.