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Terézia Mora: "Man hat aber niemals Ferien von sich"

31.10.2009 | 18:35 | von Harald Klauhs (Die Presse)

Ihr jüngster Roman, "Der einzige Mann auf dem Kontinent", stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Preise hat Autorin und Übersetzerin Terézia Mora schon viele.

Sie sind in Westungarn an der österreichischen Grenze geboren. Wie haben Sie den Sommer 1989 erlebt, als die Trabis die ungarischen Straßen okkupierten?

Terézia Mora: Ich habe mich zur richtigen Zeit am falschen Ort aufgehalten. Ich war nämlich mit meinem damaligen Freund und heutigen Ehemann, der in der DDR aufwuchs, auf einer Fahrradtour in Südungarn; und das war damals ja die falsche Grenze. Wir waren zweieinhalb Wochen unterwegs und haben nichts mitbekommen. Als wir wiederkamen, war das paneuropäische Picknick bereits gelaufen und auf den Straßen, an den Feldrändern und in den Wäldern rund um mein Dorf standen halt diese Trabis.

Wie hat Ihr Freund reagiert?

Er war völlig überrumpelt. Ich musste mit ihm auf einen kleinen Hügel gehen, wo man einen Weg sehen konnte, der nach Österreich führt. Er hat wohl kurz überlegt, ob er rüber will oder nicht, aber ich habe zu ihm gesagt: „Das ist jetzt sinnlos; jetzt ist es ohnehin vorbei, jetzt kannst du das Studium auch zu Ende machen.“ Interessant wurde es ja erst hinterher, also der Rest des Jahres '89 und das Jahr der Wiedervereinigung Deutschlands.

 

Was war daran das Interessante?

Na ja, jedes kleine Ereignis hatte eine historische Dimension. Ich brauchte z.B. kein Visum, um meinen Freund in der DDR zu besuchen, er brauchte aber eines, um mich in Ungarn zu besuchen. Kurz vor dem Fall der Mauer, also Ende Oktober 1989, bekam er kein Visum mehr. Und da das Schreckensmoment von seiner Seite, dass es vielleicht doch nicht gut ausgeht. Ungarn war ursprünglich das verlockendere Land, sodass mein Freund eigentlich zu mir ziehen wollte. Als diese politischen Veränderungen anfingen, sah er sich nicht mehr in der Lage, die DDR zu verlassen, weil er da dabei sein mochte. Da war für mich klar, dass ich das Land wechseln muss.

 

Für mich war als Kind die Grenze zu Ungarn das Ende der Welt. Wie sah das von der anderen Seite der Grenze aus?

Die Welt sah für mich so aus, dass man nicht überall hinkann, wohin man will. Jemand hat Macht über uns, und diese Macht präsentiert sich auch nicht freundlich. Wenn man ein öffentliches Gebäude betrat, dann war man in Feindesland. Das habe ich lange mit mir herumgetragen, noch als ich nach Deutschland übersiedelt bin. Bei der Einwanderung gibt es so bürokratische Abläufe, die man durchlaufen muss. Man war da weder inkorrekt noch besonders unfreundlich zu mir – und ich war dennoch die ganze Zeit in Panik.

 

Wie sehen Sie die Entwicklung der osteuropäischen Staaten seit 1989?

Ich äußere mich nur über Ungarn, weil ich über die anderen Staaten noch weniger weiß: enttäuschend. Ich habe das Gefühl, das Land ist immer noch total unreif, was das demokratische Verhalten anbelangt. Ich bin es von Deutschland gewöhnt, dass sich gewisse Sachen einfach nicht mehr gehören, z. B. rassistische, chauvinistische Äußerungen.

 

Fühlen Sie sich jetzt in Berlin heimisch?

Oh ja, aber das hat natürlich auch mit der Anonymität zu tun, also damit, dass es eine Großstadt ist. In einem kleinen deutschen Dorf wäre ich wohl auch sofort „die Ungarin“.

 

Ist die deutsche Sprache Ihre Heimat oder empfinden Sie auch für Kroisbach, wo Sie aufgewachsen sind, heimatliche Gefühle?

Absolut, Heimat setzt sich ja aus mehreren Aspekten zusammen. Seit ich ein kleines Kind habe, dem ich Ungarisch beibringe, besinne ich mich darauf, was das ist, was ich mitgebracht habe – und ich habe vieles mitgebracht, was mit der ungarischen Sprache zu tun hat, Gedichte, mit denen man aufwächst, Lieder und Geschichten, auch Landeskundliches, was eben ein Nichtungar nicht weiß. Es ist mir wichtig geworden, meiner Tochter das weiterzugeben.

 

Sie haben als Kind mit ihrer Mutter Deutsch gesprochen?

Nein, Ungarisch. Also die Familie hat eigentlich Deutsch gesprochen, aber ich habe das gemacht, was viele zweisprachige Kinder machen, ich habe die Sprache benutzt, die meine Umgebung sprach, weil das mehr das Gefühl der Zugehörigkeit gibt. Man möchte ja nicht isoliert sein. Erst als ich mit 17 meinen jetzigen Mann kennenlernte, habe ich angefangen, Deutsch zu sprechen.

 

In einem Essay für die „NZZ“ haben Sie Ihre Kindheit einmal als geprägt von einer „umfassenden Lebensarmut“ bezeichnet. Inzwischen sind Sie in ganz andere Welten eingetaucht. Die IT-Branche steht im Zentrum Ihres neuen Romans, „Der einzige Mann auf dem Kontinent“. Dass der Held Darius Kopp darin glücklicher ist als die Menschen auf dem Land aus Ihrem ersten Buch, ist aber nicht zu bemerken. Wie kommt das?

Der Darius Kopp ist ja so anders als meine bisherigen Helden. Ich wollte ihn beobachten, was er da eigentlich tut. Und ich muss sagen, Darius Kopp ist ein netter Mensch, aber kein besonders aufrichtiger. Er möchte nicht gern daran erinnert werden, wie er als junger Mann mit dem Rucksack auf irgendwelchen DDR-Bahnsteigen herumgestanden ist und auf Züge wartete, die kamen oder auch nicht, er möchte einfach nicht in der Position des Armen und des Verlierers sein, er möchte unter Freien und Gleichen anerkannt, strahlend und mit einem gewissen Status in Wohlstand leben.


Kann man aus seiner DDR-Vergangenheit doch auch verstehen, oder?

Ja, aber sein Pech ist, dass er zu einem Zeitpunkt so zu leben versucht, zu dem diese Lebensweise gerade zu bröckeln anfängt. Auch für die, die darin geboren worden sind. Es wird langsam klar, ewig kann das so nicht weitergehen mit unserem Lebensstandard. Der wird sich eher auf einem niedrigeren Niveau einpendeln müssen. Und Darius Kopp ist nicht bereit, das zu akzeptieren. Er möchte, dass es immer noch weiter aufwärts geht. Er hat noch nicht aufgegeben, eine richtige Karriere zu machen, richtig reich zu werden.


Sie haben die Welten radikal gewechselt: vom Osten in den Westen, vom bäuerlichen in ein städtisches Milieu, vom katholischen Umfeld in ein areligiöses. Haben Sie hin und wieder Sehnsucht nach der „alten Welt“.

Nein, überhaupt nicht. Das ist ja das Gute an meinem Beruf, dass ich alles betrachten kann, als hätte ich es erfunden. Das geht natürlich nur so lange, als meine wahren Lebensumstände mir diese Freiheit erlauben. Das heißt, würde ich noch in meinem Dorf sitzen, würde mir dieses Dorf so sehr auf die Pelle rücken, dass ich nicht in der Lage wäre, frei zu denken.

 

Aber wenn Sie in den Ferien auf Besuch hinfahren . . .

. . . dann weiß ich, dass es Ferien sind. Trotzdem bin ich jedes Mal aufgewühlt.

Sie haben bisher sehr unterschiedliche Gestalten geschaffen. Abel Nema etwa aus „Alle Tage“ hat mit Darius Kopp gar nichts gemeinsam. Sie können sich also in sehr verschiedene Menschen hineinversetzen. Wären Sie gern Schauspielerin geworden?

Ich wollte das als junges Mädchen, weil ich dachte, da hätte man Ferien von sich. Aber man hat natürlich niemals Ferien von sich. Auf meine Weise sich Figuren anzueignen ist natürlich viel interessanter, weil die Machtfülle viel größer ist und ich meine Haut nicht zu Markte tragen muss.


Ihr neues Buch analysiert in gewisser Weise Strukturen modernen Wirtschaftens. Haben Sie sich mit Ökonomie beschäftigt?

Oh ja, das habe ich. Aber natürlich ist es kein Sachbuch. Ich mag keine erzählende Literatur, die so essayistisch daherkommt, in der mir dann jemand erklärt, wie es ist. Ich habe mich dafür entschieden, alles erzählerisch zu lösen. Also wenn ich da einen habe, der als Einziger in einem winzigen Büro sitzt, aber eigentlich eine weltweit agierende Firma vertritt, die er dann aber nicht erreicht, dann meine ich: Kommunikationsfähigkeit wäre doch das A und O in einer vernetzten Welt, aber es kann an irgendeiner Stelle haken. Und wenn es irgendwo hakt, dann ist es meistens kein technisches Problem, sondern der Grund ist, dass irgendjemand will, dass es hakt.

Waren Sie eigentlich überrascht über das Platzen der Finanzblase?

Ich war näher dran am Platzen der New-Economy-Blase, weil ich da betroffene Leute kenne. Was mich sehr überrascht hat, ist, dass schon sieben Jahre nach der New-Economy die nächste Blase geplatzt ist. Ist das nicht ein bisschen frech? Wurden aus der New-Economy-Geschichte überhaupt keine Lehren gezogen? Das finde ich schockierend, weil es zeigt, dass wir skrupellos und dumm sind.


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