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Berlin, 1989: Der machtvolle Marsch der Ohnmächtigen

03.11.2009 | 18:47 | EIN AUGENZEUGENBERICHT VON PAUL SCHULMEISTER (Die Presse)

Alexanderplatz, 4. November 1989: Fünf Tage vor dem Mauerfall trotzte das „Staatsvolk der DDR“ dem Regime und der Angst. Hunderttausende strömten zu einer Demonstration zusammen.

Ein trüber Novembersamstag beginnt. Wieder einmal sind meine Frau und ich in die Stadt hinter der Mauer gekommen. Müde und still die Straßen im Prenzlauer Berg. Nur vereinzelt Schritte oder das Zuschlagen einer Autotür. Durch das Fenster zieht der Braunkohlengeruch beheizter Kachelöfen. Wir fühlen uns angespannt; politisch beginnt es in der DDR immer stärker zu brodeln.

Wir gehen zur Humboldt-Universität. Auf den Fluren Wandzeitungen, Plakate, Hinweise; so auf die Kundgebung beim Fernsehturm. Ostberlin steht vor einer Premiere: Erstmals ließen die Machthaber eine gegen sie gerichtete Demonstration zu, erstmals darf der Protestzug die Amtssitze der Mächtigen und das Vorfeld der Mauer berühren. In den vergangenen Wochen ist die Zahl der Demonstrationen sprunghaft gestiegen. Scherzhaft spricht man von DDR als „Deutscher Demonstrierender Republik“. Unglaublich, wie das Regime von Tag zu Tag mehr in die Defensive gerät. Doch noch ist es Herr eines Furcht einflößenden Macht- und Überwachungsapparats.

Die Kundgebung soll zu Mittag auf dem Alexanderplatz stattfinden. Dass sogar das DDR-Fernsehen live dabei sein wird (eine Entscheidung von Mitarbeitern in letzter Minute!), wissen wir nicht.

 

Die Wende, eine Täuschung?

Es war Egon Krenz, der als neuer SED-Generalsekretär vor zwei Wochen eine „Wende“ versprach. Seine Wortprägung ist erkennbar verlogen, doch wird historisch werden. Honeckers „Kronprinz“, der seinen Vorgänger am 18. Oktober gestürzt hatte, ist sattsam bekannt: als Wahlfälscher der Kommunalwahlen vom Mai, Lobredner des Massakers der chinesischen Kommunisten am Platz des Himmlischen Friedens. In seiner „Wende“ sehen viele ein Täuschungsmanöver.

Mitte Oktober hatten Schauspieler der Ostberliner Theater, Künstler und Vertrauensleute der Staatsgewerkschaft für 4. November die Kundgebung auf dem „Alex“ beschlossen. Der Antrag wird bei den Behörden gestellt. Die Stasi neigte zum Nein, erkannte aber, dass es trotzdem zur Demo kommen würde. So schwenkten die Machthaber um, versuchten, teils mit Erfolg, durch die Hintertür Rednerliste und Themen der Reden mitzubestimmen.

Offiziell geht es um die Durchsetzung der Verfassungsartikel 27 und 28 über Meinungs- und Versammlungsfreiheit. In der Realität gibt es die Freiheiten nicht. Also ist eigentliches Thema die Lügenherrschaft der SED. Ziel ist eine Manifestation für Freiheit und Demokratie – keineswegs eine Abkehr vom Sozialismus. Doch die Urgewalt einer Befreiungsdynamik folgt am Ende oft anderen Zielen.

 

Marsch durch den Niedergang

Um halb zehn machen wir uns auf den Weg Richtung „Alex“. Kaputte Fassaden, schäbige Eckkneipen, da und dort noch Einschusslöcher aus der Zeit des Krieges – Bilder des Niedergangs. Wenn im Frühsommer die Linden blühen, nimmt man sie weniger wahr. Wir biegen links ab zur Prenzlauer Allee, der einzigen Straße mit halbwegs erneuerten Häusern. Es sind fast Potemkinsche Fassaden.

In der Prenzlauer Allee sind es schon mehr Menschen, die zum Alex gehen. Die Temperatur ist gestiegen, der Himmel aufgehellt. Noch vor zehn sind wir an der Kreuzung Wilhelm-Pieck-/Karl-Liebknecht-Straße. Es ist eine sehr heterogene Masse: Regimekritiker und Menschen, die noch vor Kurzem Regimeanhänger waren. Sie stehen herum, schweigen.

 

Und plötzlich Plakate

Aus den Straßen, die aus Nord und Ost auf den Alexanderplatz zulaufen, kommen immer mehr Menschen. Volkspolizisten sehen wir kaum. Auffallend die Ruhe und der gespannte Ausdruck auf vielen Gesichtern. Langsam setzt sich der ungeformte Zug Richtung Palast der Republik in Bewegung. Dann geschieht es: Immer mehr Menschen holen bemalte Bettlaken oder Kartontafeln aus ihren Taschen. Sie spannen Transparente auf. Man sieht, wie Pappschilder auf Stangen montiert werden. Nur die unregelmäßigen Schritte Zehntausender sind neben gedämpftem Reden zu hören. Auf den Dächern Polizisten, am Straßenrand Vopos, immer noch wenige.

Erste Losungen werden gerufen: „Freie Wahlen statt falsche Zahlen“, „SED in die Opposition!“, „Stasi in die Produktion!“ Als die Sonne durchbricht, erschallen Rufe: „Reisewetter! Reisewetter!“ Losungen werden zu Sprechchören. Beim Vorbeiziehen am Haus der Nachrichtenagentur ADN schrillen Pfeifkonzerte empor. In nicht einmal 30 Minuten ist aus einer unsicheren Masse ein Demonstrationskörper mit einer Stimme geworden. Was Jahrzehnte zurückgezwängt war, bricht sich Bahn. Dank TV-Übertragung flutet stundenlang Regimekritik in die Wohnzimmer der DDR.

Man spricht von einer halben Million Teilnehmer, andere nennen eine Million (Kowalczuk vermutet nur 200.000). Auf der einen Seite ein ins Wanken geratenes Regime, auf der anderen keinerlei Ansätze des aufbegehrenden Volkes zu physischer Gewalt oder Rache, lediglich Pfeifkonzerte und laute Parolen, wenn in Seitenstraßen größere Vopo-Einheiten bemerkt werden.

Es ist halb zwölf, als die Spitze des Zuges den Palast der Republik, „Honeckers Lampenladen“, passiert, rechts den Dom in seiner wilhelminischen Steinpracht. Vor Schloßbrücke und Zeughaus massive Polizeisperren. Mannschaftswagen und Lkw in den Seitenstraßen. Hier darf der Zug nicht mehr gerade weiterziehen auf die Straße Unter den Linden. Die Grenztruppen sind in erhöhter Alarmbereitschaft. Über im Stadtzentrum versteckt installierte Kameras beobachten die Armee-, Polizei- und Geheimdienstchefs das Geschehen.

Ordner des „Neuen Forum“ stehen beim Dom, auf ihren Schärpen steht „Keine Gewalt“. Es gibt die Sorge, dass Agents provocateurs ausbrechen und andere mitziehen, um der Polizei den Vorwand zum Eingreifen zu geben.

 

Der Volkskörper atmet

Als wir auf die Terrasse vor dem bronzefarben verglasten Gebäude der Volkskammer steigen, sieht man die endlose Marschsäule, die nach links über den Marx-Engels-Platz und nochmal 90 Grad zurück zum Alexanderplatz schwenkt. Der geheimnisvolle Körper der Massendemonstration atmet in den Sprechchören und seinem ebenmäßigen Dahinziehen beschwingt und selbstbewusst.

Als wir unter den ersten Zehntausenden den Alexanderplatz erreichen, können wir nach vorn zu jener Lkw-Ladefläche gehen, auf der das Mikrofon für die Redner aufgestellt ist. Um halb zwölf beginnen die Reden: Schauspieler, Schriftsteller, Reformkommunisten, Oppositionelle. In der illusionären Erwartung, die Entwicklung steuern zu können, haben die Stasi-Drahtzieher dafür gesorgt, dass auch Funktionsträger des Regimes ans Mikrofon dürfen. Sie werden gnadenlos ausgepfiffen. Als Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros, „Reformen des Sozialismus“ verspricht, erntet er Hohn. „Aufhören! Aufhören!“, schreit die Menge. Schabowski erbleicht. Gregor Gysi, SED-Mitglied und wendiger Anwalt, stellt es schlauer an. Er kritisiert die Stasi, spart nicht mit Attacken auf die Machthaber. Doch die Nomenklatura hat keine Chance.

 

Furcht vor den „Krallen“

Als erste Oppositionsrednerin spricht Marianne Birthler, in der evangelischen Jugendarbeit tätig, von „hunderttausendfacher Hoffnung, die sich versammelt hat“. Immer wieder kommt, so von den Schauspielern Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers, der Ruf nach Demokratisierung. Der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer hält den Wandel nicht für unumkehrbar. Noch gebe es kein Vertrauen. „Wer gestern die scharfe Kralle der Macht zeigte und heute das weiche Pfötchen des Dialogs hinhält, darf sich nicht wundern, dass viele noch die Kralle darunter fürchten.“

Noch kommt es nicht zur großen Abrechnung. In den Reden, gesamt 22, erlebe ich das gedankliche Schwanken in dieser Metamorphose der DDR. Jeder spürt das Offene und Magmatische des Prozesses. Am sensibelsten scheint mir die Rede von Christa Wolf. Die berühmte Autorin spricht von ihrem Staunen über die „revolutionäre Befreiung der Sprache“: „Die Sprache springt aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus, in das sie eingewickelt war, und erinnert sich ihrer Gefühlswörter. Eines davon ist ,Traum‘.“

Gleich zu Anfang stellt Wolf das Modewort „Wende“ in Frage: „Ich sehe da ein Segelboot, der Kapitän ruft: ,Klar zur Wende!‘, weil der Wind sich gedreht hat, die Mannschaft duckt sich, weil der Segelbaum übers Boot fegt. (...) Das nennt sich nun ,Dialog‘: Wir haben ihn gefordert, nun können wir das Wort fast nicht mehr hören.“

 

„Wir sind das Volk“

Der Beifall, den die kritische DDR-Anhängerin erntet, steigert sich zur Begeisterung, als sie endet: „Das Staatsvolk der DDR geht auf die Straße, um sich als ,Volk‘ zu erkennen. Dies ist für mich der wichtigste Satz der letzten Wochen: der tausendfache Ruf ,Wir sind das Volk‘. Eine schlichte Feststellung, die wollen wir nicht vergessen.“

Nein, diesen Tag wird niemand vergessen. Fünf Nächte noch, dann fällt die Mauer.

 

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(Stark gekürzte Fassung aus dem Buch „Wendezeiten“ von Paul Schulmeister)


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