Gestern war wieder einmal der 7.November. Der Tag, an dem Spitzenkoch Tommy Möbius jedes Jahr essen geht. Nicht, um der Konkurrenz unter die Haube zu schauen. Wenn Tommy Möbius am 7. November gut isst, dann ganz, ganz privat: im Andenken an seinen Vater – und an die Nacht, die für die beiden Männer zur härtesten, aber auch zur aufregendsten ihres Lebens wurde. Denn in der Nacht zum 7. November sind der damals 14-jährige Tommy Möbius und sein Vater Hans-Joachim aus der DDR geflohen – und gehörten damit zu den letzten Flüchtlingen. 48 Stunden später hätten sie legal über die Grenze gehen können.
Den Mann, der seinem Vater und ihm klarmachte, dass die Geschichte manchmal auch diejenigen bestraft, die zu früh kommen, sieht Tommy Möbius noch heute vor sich: „Er war sicher 2,10 Meter groß, der Generalleutnant Kaiser.“ Er steckte den Kopf in das Zugabteil, in dem Möbius Junior und Senior mit acht anderen ostdeutschen Flüchtlingen in Richtung Köln schaukelten. Einige waren nur mit der Zahnbürste aus der DDR geflohen. „Ihr seid ganz schön bescheuert“, sagte Kaiser zu den verdutzten Ossis. „Habt ihr keine Nachrichten gehört? Die anderen fahren jetzt schon mit dem Trabi über die Mauer.“ Totenstill sei es gewesen, erinnert sich Möbius. Dann seien seinem Vater die Tränen gekommen, im Bewusstsein, alles nicht nur zurückgelassen, sondern auch verloren zu haben. Denn ihr ostdeutscher Pass war entwertet, ein Zurück gab es nicht.
Der Preis für die Familie war hoch. Tommy Möbius' Eltern waren bereits in der DDR in der gehobenen Gastronomie tätig, mit Gaststätten in Leipzig und einem Ferienheim. Die Patchworkfamilie bestand aus vier Kindern aus ersten Ehen und Tommy, dem 1975 geborenen gemeinsamen Sohn von Hans-Joachim und Monika Möbius. Der Vater war ein „Alphatier“, sagt sein Sohn, und hatte ein bisschen zu laut gebrüllt in der DDR. Er wurde überwacht, abgehört, bekam keine Ausreisegenehmigungen in den Westen und verbrachte viele Jahre ohne Personalausweis. „Er hat einfach immer gesagt, was er denkt“, meint Tommy Möbius.
Der Sohn weiß, wovon er spricht. „Von 100 Leuten komm ich vielleicht mit fünf zurecht, mit denen aber dann auch wirklich gut“, sagt der Spitzenkoch über sich selbst. Je höher er die Karriereleiter in der Wiener Gastronomie hinaufkletterte – zuerst als Souschef bei Fabios, dann als Kochnewcomer 2004, jetzt als Küchenchef im Innenstadtrestaurant Walter Bauer –, desto mehr rieb sich sein forscher Ton an der Wiener Art, die irgendwo zwischen Geschmeidigkeit und Hinterfotzigkeit liegt. Tommy Möbius versucht, damit umzugehen. Und sich zu erklären: „Ich bin kein zweiter Mann, ich bin ein ehrgeiziger Mensch, ich bin ein Deutscher in Österreich, ich bin ein Getriebener. Und ich hab in meinem Leben viel verloren. Wo andere sich ins Hemd machen, da fang ich erst an.“
Bei minus 22 Grad durch den Wald. Ins Hemd gemacht hat sich Tommy Möbius vielleicht das letzte Mal in der Nacht zum 7. November 1989. „Mein Vater hat mich geweckt, mit einer Decke über dem Kopf und einer Kerze. Ich musste durch die Wohnung kriechen, um nicht gesehen zu werden. Ein befreundeter Taxifahrer brachte uns an die tschechische Grenze.“
Von da an heißt es bei minus 22 Grad durch den Wald robben, stundenlang zu Fuß gehen und schließlich „zwei Kilometer rennen wie die Blöden“. Zur Belohnung warten auf westdeutscher Seite ein Lunchpaket, 100 Mark Begrüßungsgeld und ein Bett in einer Kaserne in Marktredwitz.
Da die Mutter bereits in Köln bei ihrem Bruder ist, können Vater und Sohn Möbius schon am nächsten Tag weiterreisen. Nach Frankfurt. „Meine erste große Stadt im Westen“, erinnert sich Tommy Möbius. „Ich dachte, da laufen alle mit Schubkarren voller Geld herum.“ Das Bild rückt sich erst langsam zurecht. Den Junkies vor dem Bahnhof rät der 14-Jährige „Stehen Sie auf, es friert doch“; bei den Prostituierten wundert er sich ebenfalls, dass Frauen bei der Kälte nicht mehr anhaben, wenn sie auf den Bus warten. In Köln gönnt sich die Familie ein Taxi, bis neun Uhr in der Früh wird Wiedersehen gefeiert. „Junge, das Geld liegt auf der Straße. Du musst dich nur bücken“, sagt Tommys Onkel.
Schwerer Verlust. Und der Bursch bückt sich. Zur Freude der Eltern macht Tommy, der sich davor als „dumm wie Konsumbrot“ einschätzt, einen guten Realschulabschluss und beendet seine Lehre in Rekordzeit. Dann 1999 die Tragödie. Die Energien der Familie sind auf die Mutter konzentriert, die schwer herzkrank im künstlichen Tiefschlaf liegt. Da stirbt plötzlich der umtriebige Vater, der im Westen bereits wieder drei Lokale geführt hat.
Für Tommy Möbius war das der schwerste Verlust überhaupt. Einer, der ihn bis heute antreibt. Sein großes Interesse an der Wende erklärt sich daher nicht nur aus seiner Herkunft. Es geht um die gemeinsame Geschichte mit seinem Vater, die in der Flucht aus der DDR gipfelte. Möbius hat mittlerweile die Stasiakten angefordert, präsentiert Überwachungsbilder und will Personen aufgedeckt haben.
Und jetzt, nach 20 Jahren im „Goldenen Westen“? Hat er, der „noch immer in Fünfjahresplänen denkt“, Heimweh? „Ich fühl mich in Wien sehr wohl, aber ich muss nicht im 11. Bezirk begraben werden“, meint er. Irgendwann möchte er vielleicht nach Leipzig zurück. Sehr eilig hat Tommy Möbius es damit offenbar nicht. Ausnahmsweise.