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Lafontaine-Krankheit: Zukunfts-Debatte bei Linkspartei

20.11.2009 | 18:41 | Von unserer Korrespondentin EVA MALE (Die Presse)

Personell hat die Linke keine Reserven, programmatisch ist sie zerrissen. Im Jänner will Lafontaine entscheiden, ob und in welcher Form er seine politische Arbeit weiterführt.

Berlin. Die kritischen Stimmen sind verstummt, ebenso die Spekulationen über politische Strategien und private Affären. Von allen Parteien werden dem sonst so polarisierenden Parteichef der Linken, Oskar Lafontaine (66), nach seiner Prostatakrebs-Operation Genesungswünsche übermittelt. Über seinen Gesundheitszustand nach dem „seit Längerem geplanten“ Eingriff, der am Donnerstag in einer Klinik in Homburg an der Saar durchgeführt wurde, ist derzeit nichts Näheres bekannt.

Erst im Jänner will Lafontaine „unter Berücksichtigung meines Gesundheitszustandes und der ärztlichen Prognosen“ entscheiden, ob und in welcher Form er seine politische Arbeit weiterführt. Hinter den Kulissen hat freilich sofort eine heftige Debatte über seine potenzielle Nachfolge begonnen, programmatisch ist die Linkspartei zerrissen. Wenn ihr Lafontaine als Integrationsfigur und Zugpferd abhanden käme, würden die Flügelkämpfe ungebremst losbrechen. Ihm sind die Erfolge der Linkspartei im Westen zu verdanken, er hat den Zusammenschluss von WASG und PDS, der vor zwei Jahren erfolgte, vorangetrieben.

 

Zwischen Berlin und dem Saarland

Schon vor Bekanntwerden der Krebserkrankung hatte großes Rätselraten über die Zukunftspläne des Parteichefs geherrscht. Bei der Bundestagswahl Ende September triumphierte die Linkspartei mit 11,9 Prozent, ihrem bisher besten Ergebnis. Zehn Tage später erklärte Lafontaine überraschend, dass er künftig auf den Fraktionsvorsitz verzichten wolle, wies jedoch Spekulationen zurück, dass es sich dabei um einen schrittweisen Rückzug aus der Bundespolitik handle. Er ist Abgeordneter im saarländischen Landtag, Mitglied des Bundestags und Parteivorsitzender.

Der „Spiegel“ kolportierte vergangene Woche eine Affäre Lafontaines mit der jungen Marxistin Sahra Wagenknecht und verkündete bereits das Ende seiner Ära. In Berlin rätselte man, ob an den Gerüchten etwas dran sei und ihn seine Ehefrau quasi ins Saarland zurückzitiere. Indem Lafontaine kurz darauf seine Krankheit publik machte, schob er den Spekulationen über sein Privatleben zwar schnell einen Riegel vor; die Frage, wer das Vakuum füllen könnte, wenn Lafontaine tatsächlich ausfällt, bleibt aber brisant: Fraktionschef Gregor Gysi (61) will den Parteivorsitz nicht übernehmen, nicht nur aus Altersgründen, sondern auch wegen der West-Ost-Balance in der derzeitigen Doppelspitze. Lafontaine kommt aus dem Saarland, Gysi aus der ehemaligen DDR.

 

Für Generationswechsel

Brauchbarer Nachwuchs fehlt der Linkspartei jedoch derzeit. Unabhängig von Lafontaines Erkrankung müsse sich die Partei dringend auf die Zeit nach ihm vorbereiten, fordert denn auch der Thüringer Fraktionsvorsitzende Bodo Ramelow. Neben dem personellen hat die Linke aber auch ein massives programmatisches Problem: Die höchst heterogene Partei, in der noch große Unterschiede zwischen Ost und West bestehen, muss sich allmählich entscheiden, ob sie weiterhin bloß Fundamentalopposition betreiben oder à la longue auch auf Bundesebene Regierungsverantwortung übernehmen will. Mit der demonstrativen Geschlossenheit ist es seit der Wahl vorbei. Die Krankheit Lafontaines trägt nun zur Unsicherheit noch bei.

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