Washington D. C. Ob die oft so hämisch kritisierten Abgeordneten einen Sonntagszuschlag erhalten würden, war ungewiss. Sie leisteten jedenfalls Schwerarbeit an diesem ersten Frühlingssonntag in Washington, während die Kirschblüte erste Keime trieb und Müßiggänger und Freizeitsportler den Prachtboulevard der Mall bevölkerten. Nancy Pelosi, die „Madam Speaker“, strahlte übers ganze Gesicht, als sie in den Saal des Repräsentantenhauses schritt.
Sie ging in der Nacht zum Montag mit einer gut abgepolsterten Mehrheit in die Abstimmungsschlacht über die Gesundheitsreform. Sie hatte die notwendigen Stimmen in der Tasche und die Hürde von 216 Stimmen übersprungen. Als am Sonntagmittag die Front der Abtreibungsgegner in den demokratischen Reihen bröckelte und ihr Wortführer Bart Stupak ins Ja-Lager schwenkte, zeichnete sich der Sieg ab. Nach Marathon-Verhandlungen, parteipolitischem Hickhack und zahlreichen Rückschlägen standen die Demokraten vor einem Triumph und Präsident Barack Obama vor dem ersten großen Erfolg seiner Amtszeit.
Mit Hilfe von Verfahrenstricks versuchten die Republikaner zwar die Abstimmung in die Länge zu ziehen. Sie wollten sich nicht dem Vorwurf aussetzen, nicht alle Hebeln in Bewegung gesetzt zu haben. Die fundamentalistische Tea-Party-Bewegung hatte sie in Bedrängnis gebracht. Und außerdem möchte die Grand Old Party bei den Kongress-Wahlen im Herbst die demokratischen Konkurrenten vor sich hertreiben.
Die Frühlingssonne hat Laurel Dixons Gesicht gerötet. Mehr noch bringt sie aber die Gesundheitsreform in Wallung. Sie brandmarkt „Obamacare“ als „korrupt“ und verteufelt Obama als „Sozialist“, was in der Terminologie der US-Politik einem Dämon gleichkommt. „Er sieht sich als neuer Franklin D. Roosevelt, wird aber noch vor dem Amtsenthebungsausschuss enden.“
Sechs Stunden sind sie und ihre Freundin Connie Gianurcos im Zug aus Milford in Connecticut angereist, um vor den Stufen des Kapitols in Washington ihrer Empörung Luft zu machen. „Es ist überhaupt das erste Mal, dass ich an einer Demonstration teilnehme“, sagt Gianurcos. „Wir brauchen eine Gesundheitsreform. Aber nicht so eine.“ Und Laurel Dixon pflichtet ihr bei: „Sie reißen ja auch nicht das ganze Haus nieder, nur um die Küche zu streichen.“
Vor ein paar Tagen sind die Elefanten des „Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus“ in einer Parade vor dem Kapitol entlang getrampelt. Am Wochenende haben die Republikaner, deren Symboltier der Elefant ist, vor der imposanten Trutzburg der US-Demokratie in letzter Minute die radikalen Gegner der Gesundheitsreform mobilisiert, während drinnen die Demokraten um jede Stimmen rangen.
Entfesselter Mob
Es waren turbulente Stunden rings um das Kongressgebäude, in dem in der Nacht zum Montag die entscheidende Abstimmung über die Gesundheitsreform über die Bühne ging: eine Zitterpartie nach Marathon-Verhandlungen. Bei einem Dinner scherzte Bill Clinton: „Vielleicht werden ich und Dick Cheney es nicht mehr erleben, aber hoffentlich geht das Gesetz noch vor Ostern durch.“
Wie römische Senatoren stellten sich republikanische Abgeordnete auf die Stufen des Kapitols, um unter Trommelwirbel die Plebs aufzustacheln. Doch die Demonstranten waren schon entfesselt – einige gerieten außer Rand und Band. Viel hätte nicht gefehlt, und es wäre handgreiflich geworden. In übler rassistischer Manier wurden afro-amerikanische Abgeordnete beschimpft und einer sogar angespuckt. Immer wieder skandierte die Menge „Kill the bill“. Transparente verhöhnten „Oba-Mao“ und seine „Vodoo-Medizin“, und in einer Wortverdrehung verfluchten sie ihn: „Buck Ofama“.
Vor der demokratischen Fraktion des Repräsentantenhauses hielt derweil der Präsident einen „Pep-Talk“. Dies sei ein historischer Moment. In einem aufmunternden Appell zitierte er wieder einmal sein Leitbild Abraham Lincoln: „Ich bin nicht verpflichtet, zu gewinnen, sondern mir treu zu sein.“ Er fragte die schwankenden Gefolgsleuten: „Ist das das wichtigste Gesetz seit der Einführung von Medicare?“ Und gab gleich selbst die Antwort: „Absolut.“
Seit 100 Jahren, seit der Präsidentschaft Theodore Roosevelts, plagen sich die USA mit einer Gesundheitsreform herum. Alle Präsidenten sind daran gescheitert. Für Historiker ist klar: Obama könnte in die Geschichte eingehen. Es hat ihm zuletzt alle Kraft abgefordert, das Gesetz wiederzubeleben, das bereits so kurz vor dem Abschluss gestanden war. Für andere Themen war kaum Platz.
Die Kriegsgegner haben Obama indes an den Einsatz im Irak und in Afghanistan erinnert. Vor dem Obelisken des Washington Monument pflanzten sie mit weißen Tafeln einen Friedhof der Zivilopfer, vor dem Zaun des Weißen Hauses legten sie Särge nieder. Cindy Sheehan, die George W. Bush wie ein Racheengel für ihren gefallenen Sohn verfolgt hatte, schimpfte Obama einen „Kriegsverbrecher“. In ihrem Urteil über den Präsidenten waren sich Ultralinke und Ultrarechte, die extremen Pole der US-Politik, ausnahmsweise einig.
