Washington. Die Metamorphose vollzieht sich in Bruchteilen von Sekunden. Das Gesicht der blühenden jungen Frau auf der Veranda verwandelt sich in das schrumpelige, von Sorgenfalten zerfurchte einer älteren Dame, ihre wallende Mähne weicht einem grauen Haarschopf. „Ich habe Präsident Obama unterstützt, weil er so schön gesprochen hat. Er versprach Wandel, doch die Dinge haben sich zum Schlechteren verändert.“
So raffiniert kommt ein Werbespot der Republikaner daher, dass er der groben Werbeschlacht im US-Wahlkampf eine beinahe subtile Note verleiht. Dabei stammt er aus der Werkstatt eines Teams, das bisher eher durch Denunziation aufgefallen ist. Karl Rove, der Wahlstratege George W. Bushs und Gründer des Unterstützerkomitees „Crossroads GPS“, hat den Ruf einer politischen Bulldogge.
Meuchelpropaganda
Im Wahlkampf 2004 lancierte er eine Kampagne, die den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry diskreditierte, ihn als unzuverlässigen Vietnam-Veteranen und Kanonenbootkapitän, als „Flip-Flopper“ und mondänen „Softie“ porträtierte. Vier Jahre zuvor war er nicht davor zurückgeschreckt, eine Meuchelpropaganda gegen Bushs republikanischen Gegenkandidaten John McCain in die Welt zu setzen. Er dichtete ihm ein uneheliches schwarzes Baby an und erreichte sein Ziel: Er stellte beide Politiker bloß – und kalt.
Gegen Obama verfangen derlei Methoden indes nicht. Neulich enthüllte die „New York Times“ den Schlachtplan republikanischer Strategen, den Präsidenten in Verbindung mit den Brandreden des kontroversiellen schwarzen Predigers Jeremiah Wright aus Chicago zu bringen. „Die Niederlage des Barack Hussein Obama“, lautete die Parole der Gruppe um den Milliardär Joe Ricketts.
Obama hatte sich vor vier Jahren von dem Pastor distanziert, der ihn getraut hatte. Schon damals lag die Anti-Obama-Kampagne fix und fertig in der Schublade, doch der republikanische Kandidat John McCain lehnte sie ab. Nun sollte sie vor dem Parteitag der Demokraten im Spätsommer zum Einsatz kommen, der Bericht durchkreuzte freilich die Strategie.
In mehr als einem Dutzend Fokus-Gruppen ließen die Rove-Leute bereits vor einem halben Jahr in sogenannten „Swing States“ wie Florida Slogans gegen Obama abtesten. Die Mehrheit der unabhängigen Wähler, so das Ergebnis, bringt dem Präsidenten nach wie vor Sympathie entgegen, obgleich sie seine Politik kritisiert. Eine scharfe Polemik würde eher nach hinten losgehen. Also sammelten Rove & Co. die sachlichen Argumente und verschmolzen sie zu einem TV-Spot, der den Nerv vieler Amerikaner trifft.
Denn viele wissen von erwachsenen Kindern und College-Absolventen zu erzählen, die wegen der tristen Wirtschaftslage zurück zu den Eltern gezogen sind; von Kreditkartenschulden und Hypotheken; und von ihrer Sorge um die Schuldenspirale in Washington. Ronald Reagans Schlüsselfrage, ob es ihnen besser ergehe als vor vier Jahren, stößt großteils auf eine negative Antwort. Und das Versprechen, dass die jüngere Generation es einmal besser haben sollte als ihre Eltern, ist vielfach Makulatur.
Feldzug gegen Finanzhaie
Das Obama-Lager reagierte auf die düstere Stimmung mit einem Feldzug gegen Finanzhaie à la Mitt Romney. Die Demokraten versuchen so, den latenten Missmut gegen die Machenschaften der Wall Street auf ihre Mühlen zu leiten. Ein TV-Spot attackiert Romneys Ex-Investmentfirma Bain Capital wegen der Schließung einer Stahlfabrik in Kansas City. Das Video lässt aufgebrachte ehemalige Stahlarbeiter auftreten. Jack Webb wettert: „Bain war wie ein Vampir, der alles Leben aus uns saugte.“
Der Vorwurf begleitet Romney seit seinem Senatswahlkampf gegen Ted Kennedy 1994 in Massachusetts. Bei den republikanischen Vorwahlen desavouierten ihn seine Gegner als „Aasgeier-Kapitalisten“. Die grobklotzige Strategie geht indes selbst Demokraten zu weit. Newarks Bürgermeister Cory Booker, eine Nachwuchshoffnung der Partei, findet das Treiben auf beiden Seiten nur „widerlich“.