diepresse.com

Textversion
Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur & Medien | Tech & Science | Sport      Vollansicht

Artikel drucken

Serbien: Wahlsieg gegen das schlechte Image

12.05.2008 | 18:17 | HELMAR DUMBS (Die Presse)

Dass in Belgrad ein „Landesverräter“ fast 40Prozent schaffen kann, ist eine ziemlich gute Nachricht.

Auf die Serben ist Verlass: Sie sind immer für eine Überraschung gut. „Das ist Serbien, alles ist möglich“, lautet ein gerne als ultimative Erklärung angebotener Spruch. Doch bei der vorgezogenen Parlamentswahl am Sonntag haben sie sich selbst übertroffen: Bis zuletzt hatten Meinungsumfragen der ultranationalistischen Radikalen Partei den Wahlsieg prophezeit, hatten Analytiker und Beobachter mit einem komfortablen Vorsprung des nationalistischen Lagers gerechnet. Doch als um halb zehn am Abend erste Ergebnisse präsentiert wurden, war plötzlich alles anders.

Die proeuropäischen Demokraten von Präsident Boris Tadic haben den Radikalen nicht nur die Rückseite ihres Trikots gezeigt, die knapp zehn Prozentpunkte Vorsprung kommen fast einer Demütigung für die lange Zeit unangefochten stärkste Partei Serbiens gleich. Obwohl auch die Radikalen leichte Zugewinne verbuchen konnten: Sie wurden mit Wucht von der obersten Stufe des „Stockerls“ gestoßen.

Nicht vom Tisch ist hingegen eine nationalistische Koalition. Doch selbst ein solches Bündnis würde die Bedeutung des Wahlergebnisses kaum mindern: Sie besteht darin, dass man im heutigen Serbien fast 40 Prozent schaffen kann, auch wenn man wüst als „Landesverräter“ beschimpft wird, der das Assoziierungsabkommen mit der EU unterschrieben hat. Trotz dieser nationalistischen Nebelgranaten ist die Karte, die am meisten gestochen hat, die europäische. Dass die Kräfteverhältnisse zwischen Nationalisten und Proeuropäern im Wesentlichen gleichgeblieben sind und Serbien nach wie vor in der Mitte gespalten ist, muss kein Widerspruch dazu sein.

Wertvoll ist auch das Signal nach außen: Das Serben-Bild in der (west-)europäischen Öffentlichkeit hat sich seit den jugoslawischen Zerfallskriegen nicht wesentlich geändert: blutrünstige Halbwilde, für die Kriegsverbrechen so alltäglich sind wie für andere Leute die Nahrungsaufnahme; die Löffel vor allem dazu benutzen, ihren Feinden die Augen auszukratzen. Perfekt ins Bild passten da einige Randalierer, die in den Tagen nach der einseitigen Abspaltung des Kosovo von Serbien in Belgrad westliche Botschaften und Geschäfte abfackelten. Dass die Krawalle offensichtlich organisiert waren, ging dabei unter – ebenso wie die Tatsache, dass gleichzeitig 300.000Serben friedlich gegen die Unabhängigkeit des Kosovo demonstrierten. Wer sich die Mühe machte, Land und Leute kennen zu lernen, machte freilich andere Erfahrungen: Gastfreundschaft und Offenheit, auch während der bleiernen Jahre der Milosevic-Diktatur, oder Jugendliche, die – dank fehlender Synchronisation der Hollywood-Fabrikationen – oft besser Englisch sprechen als Altersgenossen in Österreich.

Dass die Serben dieses Bild mit der jüngsten Wahl vom Sockel gestürzt haben, ist vor allem dem viel gescholtenen Boris Tadic zu danken. Im Präsidentschaftswahlkampf zu Jahresbeginn ließ er sich noch vom nationalistischen Premier Vojislav Kostunica und dessen Fixierung auf das Kosovo-Thema vor sich hertreiben. Als sein Intimfeind nach der Abspaltung des Kosovo de facto forderte, die EU-Annäherung per Regierungsbeschluss zu beenden, war Tadic zum ersten Mal in seinem politischen Leben wirklich mutig. Er ließ die von Anfang an auf Sand gebaute Koalition seiner Demokratischen Partei mit Kostunicas Nationalkonservativen mit Getöse platzen.


Obwohl die Mehrheit der EU-Staaten die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt hat, trommelte Tadic im Wahlkampf monothematisch sein klares Bekenntnis zu Europa, schrie es sich in seinen exaltierten Wahlkampfauftritten förmlich aus dem Leibe. Alle Umfragen waren gegen ihn – bis auf eine: Konstant zwei Drittel der Serben sind für den Beitritt zur EU. Und dann beging Premier Kostunica einen vielleicht entscheidenden Fehler: Nachdem Tadic die EU fast auf Knien angefleht hatte, das Assoziierungsabkommen zu unterschreiben, und der Vertrag tatsächlich fixiert war, meinte Kostunica nur lapidar, er werde das Abkommen in den Papierkorb werfen. Das vertrieb die letzten Proeuropäer aus seinen Reihen.

Wie gesagt, Regierung ist mit diesem Kantersieg noch keine gebildet, auch mit allen Minderheitenparteien geht sich eine proeuropäische Mehrheit knapp nicht aus. Treppenwitz der Geschichte: Das Zünglein an der Waage sind ausgerechnet die Milosevic-Sozialisten. Deren „natürlicher“ Partner wären Kostunica und die Radikalen. Ausgemacht ist das aber noch lange nicht. Die Sozialisten werden den Preis hochtreiben und sich für das bessere Angebot entscheiden. Aufs Feilschen hat man sich auf dem Balkan schon immer verstanden.

Berichte Seite 1


helmar.dumbs@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2008)


Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur & Medien | Tech & Science | Sport      Vollansicht

© DiePresse.com