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Jörg Haiders Tod: Noch immer brennen Kerzen

03.11.2008 | 18:36 | OLIVER PINK (Die Presse)

Viele Fragen sind geklärt – aber nicht alle. Die 1,77 Promille lassen der Familie keine Ruhe. Manche seiner Anhänger erhoffen sich Antworten am Unglücksort.

Allerseelen in Lambichl. Im Schritttempo fahren die Autos an den Häusern mit den Nummern 4 bis 8 vorbei, die Insassen blicken gebannt auf die Andachtsstätte. Viele bleiben stehen, legen Kerzen nieder, erzählen einander ihre Theorien. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Da, wo nun ein „Danke für alles“-Plakat des Austria-Kärnten-Fanklubs „The Tigers“ prangt und ein Blumengesteck mit der Aufschrift „In ehrendem Andenken! Aufrechte Berliner“ neben den Kränzen mit den Schriftzügen „Claudia“, „Neli“ und „Ulli“ liegt, ist Jörg Haider in der Nacht des 11. Oktober 2008 tödlich verunglückt.

„Ah, wie konn denn dos sein, ha?“ – das ist der Standardsatz an der Unglücksstelle im Süden von Klagenfurt. Jörg Haiders Anhänger wollen sich mit der banalen Unfallversion nicht zufrieden geben. Nicht wenige tippen auf Mord. „Die Schuldigen sind weiter südlich zu suchen“, glaubt ein Steirer. Ob er damit die Slowenen meint, oder gar die Israelis, lässt er offen.

 

Mysterium Hydrant

„Der Jörg hat so viel für uns getan, deshalb hat er weg müssen“, vermutet ein Villacher, der schon viele Tage an der Unfallstelle zugebracht hat, bereits am frühen Morgen des 11. Oktobers schoss er erste Bilder mit seiner Digitalkamera. „Wie konn denn dos sein, ha?“, sagt er und deutet auf die am Asphalt markierte Stelle, an der jener Hydrant lag, gegen den Jörg Haider geprallt war. Rund 80 Meter von seiner ursprünglichen Position entfernt, an der Haiders Wagen ihn aus dem Boden gerissen hatte. In der Tat eine weite Strecke.

Ein anderer Haider-Fan hat jedoch eine Erklärung dafür: Er habe einen Freund bei der örtlichen Feuerwehr und dieser habe ihm erzählt, dass ein Feuerwehrmann den Hydranten dorthin gelegt habe, da er bei den Aufräumungsarbeiten im Weg war. Der Klagenfurter Polizeidirektor Ernst Frießnegger verweist jedenfalls darauf, dass die Gegenstände so vorgefunden wurden, wie auf der Straße eingezeichnet.

„Die Leit san nit deppat“, sagt ein Asphaltierer, der ebenfalls nicht an einen simplen Unfall mit überhöhter Geschwindigkeit im alkoholisierten Zustand glauben will. Deshalb kämen nach wie vor so viele Leute hierher nach Lambichl, um sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. „Selbst wenn i mit mein billigen Auto do einefohr, steig' i wieder aus.“ Und zudem hält er noch fest: „Da Jörg, dos wor echt a supa Freind.“

 

Mutmaßungen sonder Zahl

Es sind viele Mutmaßungen im Umlauf – an der Unfallstelle, in den Gasthäusern, in den Internetforen. Eine lautet: Nirgends sei Blut zu sehen – wie kann das sein? Die einfache Erklärung: Viele Zeitungen haben aus Pietätsgründen die Fotos so geschnitten, dass die große Blutlache auf der Straße neben der Fahrerseite nicht zu sehen ist. Eine andere lautet: Ein Wagen sei Haider entgegengekommen, dieser beim Ausweichen von der Straße abgekommen. Die Straße ist allerdings doppelspurig, mit einer Überholspur. Ein Straßenstück, das – von der Klagenfurter Stadtgrenze bis nach Lambichl – also förmlich zum Rasen einlädt.

Bei der Staatsanwaltschaft Klagenfurt gibt es mittlerweile eine Mappe mit diversen anonymen Anzeigen. Doch nicht nur Haiders Verehrer wollen sich mit der offiziellen Version nicht abfinden. Auch Haiders Familie recherchiert.

 

Der Ablauf des 10./11. Oktober

Weitgehend rekonstruiert ist der Ablauf des 10. Oktober. Nach den Festakten zum Landesfeiertag am Vormittag und einer Lehrlingsehrung ließ sich Jörg Haider bei der Geburtstagsfeier von Konzerthausdirektor Franz Widrich blicken. Danach ging es um 14Uhr zum Interview mit den Chefredakteuren der „Kleinen Zeitung“ ins Café des Hotels Moser-Verdino. Dort empfing Haider um 17Uhr auch die Geschäftsführer der in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Auer-von-Welsbach-Gruppe. Gegen 18Uhr war der Landeshauptmann dann bei der Eröffnung des portugiesischen Lokals „Bem Vindo“ am Kardinalsplatz, das ebenfalls Hans-Peter Grasser, dem Inhaber des mittlerweile europaweit berühmt gewordenen „Stadtkrämer“ gehört. Um 19Uhr gab Haider seinem Chauffeur frei, ging nach Hause, um sich umzuziehen. Laut diversen Magazinberichten soll Haider danach bei einem jungen Mann, einem Kellner, in der Wohnung gewesen sein.

Um 21.15Uhr tauchte Haider dann im „Le Cabaret“ in Velden auf, bei der Launch-Party des „Blitzlicht“-Magazins. Haider soll aufgekratzt gewesen sein, aber auch ein wenig nachdenklich. Lange unterhielt er sich mit der früheren Kärntner ÖVP-Chefin Elisabeth Scheucher. Von einem kolportierten Streit mit Stefan Petzner haben Augenzeugen nichts mitbekommen. Auch Alkohol habe er keinen getrunken. Tagsüber war Haider aber nicht abstinent gewesen. Nach dem „Kleine“-Interview gönnte er sich ein Achterl, auch zuvor soll er nicht ganz nüchtern gewesen sein.

Gegen 22.20Uhr verließ Haider dann die „Blitzlicht“-Party im „Le Cabaret“ Richtung Tiefgarage. Stefan Petzner schloss sich ihm an, um mit ihm – laut eigener Aussage – Details einer drohenden Firmenpleite abzuklären. Rund zehn Minuten später kehrte Petzner ins „Le Cabaret“ zurück.

 

Weißwein statt Wodka?

Haider fuhr nach Klagenfurt, kurz nach 23Uhr traf er im „Stadtkrämer“ ein. Und leerte angeblich mit einem jungen Gast eine Flasche Wodka. Doch dieser, mittlerweile untergetaucht, hat gegenüber BZÖ-Funktionären zuvor noch angegeben, mit Haider lediglich gespritzten Weißwein, vielleicht noch den einen oder anderen „Averna“, einen italienischen Kräuterbitter, getrunken zu haben. Das kann jedoch auch eine Schutzbehauptung sein, schließlich will keiner schuld an Haiders Tod sein. Der Wirt kann nicht sagen, ob und was Haider getrunken hat. Bezahlt habe er jedenfalls nicht. Ein Stammgast bot Haider dann an, ihn nach Hause zu bringen – da er offensichtlich doch stark alkoholisiert war.

Doch Jörg Haider fuhr selbst – mit 1,77 Promille im Blut. Fünf bis zehn Minuten braucht man vom „Stadtkrämer“ bis nach Lambichl, wo Haiders VW Phaeton am 11. Oktober gegen 1.15 Uhr im Nebel ein Auto überholte – die Zeugin wollte auf „Presse“-Anfrage nicht Stellung nehmen –, wenig später von der Fahrbahn abkam, eine 50er-Tafel umfuhr, sich an der Böschung eine Rampe grub, abhob, sich aufs Dach drehte, einen thujenbedeckten Gartenzaun niedermähte, mit der Fahrerseite gegen den Hydranten prallte und danach durch die Luft wirbelte.

Ein Teil der mit großer Wucht weggeschleuderten Fahrertüre hing bis gestern noch in den Wipfeln eines Obstbaumes im Garten eines Anrainers.

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