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Die wahre Front hinter dem Truppenübungsplatz

23.03.2012 | 19:20 | von Iris Bonavida (Die Presse)

Rund 200 Bauern haben Darabos den Kampf angesagt. Sie haben Angst, ihre Felder rund um Allentsteig zu verlieren.

Allentsteig. Zwei Hirsche springen über die Straße und sind im nächsten Moment wieder im Wald verschwunden. Aus der Ferne kann man ein paar Wildschweine beobachten – es ist ein idyllisches Bild, das man vom Waldviertel bekommt, wenn man die Bundesstraße 38 entlangfährt. Allerdings nur auf den ersten Blick. „Lebensgefahr“ steht auf alarmgelben Schildern. „Achtung Panzer“ zeigt ein anderes Schild. Und eine rot-weiß-rote Tonne an der Spitze eines Mastes signalisiert: Vorsicht, hier wird geschossen. Denn die Straße führt durch Österreichs größten Truppenübungsplatz, den „Tüpl“ Allentsteig in Niederösterreich.

Mit einer Fläche von rund 157 Quadratkilometern ist er fast genauso groß wie Liechtenstein. Hier fährt das Bundesheer mit Panzern und schießt mit scharfen Geschossen – über 200 Tage im Jahr. Sogar aus Deutschland kommen Truppen, um auf dem Areal zu üben. Doch das ist alles nur Trockentraining – denn die wahre Front liegt ganz woanders: Rund 200 niederösterreichische Bauern haben Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) den Krieg erklärt.

Grund dafür ist das niedrige Budget des Bundesheeres und Darabos' Plan, die Heeresforste, die für die Land- und Forstwirtschaft am Truppenübungsplatz zuständig sind, an die Bundesforste auszulagern. 3,6 Millionen Euro sollen damit bis zum Jahr 2016 gespart werden. Doch das Budget könnte auf Kosten ganzer Familien saniert werden, fürchten die Bauern. Sie haben 3000 Hektar der landwirtschaftlichen Fläche rund um den Truppenübungsplatz gepachtet. Sollten die Bundesforste die Flächen in Zukunft verwalten, könnten sie ihre Pachtverträge verlieren.

Im kleinen Ort, der dem Truppenübungsplatz seinen Namen gibt, treffen sich Bezirksbauernobmann Dietmar Hipp, der Sekretär der Bezirkskammer Zwettl, Michael Rosenstein, und der Landwirt Rainer Deutsch. Sie besprechen, wie sie gegen die Pläne des Ministers vorgehen wollen: In einer Petition an das Parlament verlangen sie eine Restitution der landwirtschaftlichen Flächen rund um den Truppenübungsplatz, die ihren Vorfahren von den Nazis weggenommen wurden. Andernfalls drohen sie mit einer Klage gegen die Republik.

 

Unbefriedigendes Treffen

Denn ein Treffen mit Leopold Dotter, einem Vertreter des Ministeriums, hat die Fronten zusätzlich verhärtet: „Dotter wird den Bundesforsten nur empfehlen, die Pachtverträge zu verlängern. Allerdings unter der Voraussetzung, die Kosten zu erhöhen“, sagt Hipp. Etwa 50 bis 80 Euro sollten Bauern zusätzlich zahlen müssen. „Dotter will schauen, wo die Schmerzgrenze liegt“, sagt Hipp. Denn eigentlich ist die Pacht für die Felder relativ niedrig. Grünflächen kosten 70 Euro pro Hektar im Jahr, Ackerflächen etwas mehr: „Ich zahle jährlich 120 Euro pro Hektar. Insgesamt bewirtschafte ich 60 Hektar, die Hälfte davon ist von den Heeresforsten gepachtet“, erzählt Deutsch. Die Flächen sind deswegen so billig, weil Bauern Flurschäden nicht zurückerstattet bekommen, die durch Militärübungen entstehen. Laut Ministerium kommen solche Schäden allerdings nur selten vor. „Das stimmt teilweise schon“, sagt Deutsch. Das eigentliche Problem sei allerdings ein anderes: „Das Wild zerstört unsere Felder.“ Ja, es sei eine regelrechte Tierhaltung hier, stimmt ihm Rosenstein zu. Bauern könnten nur Roggen und Gerste anbauen, Mais oder Weizen würden die Tiere sofort zerstören. „Deswegen sollte es ein Gesamtkonzept geben. Wenn die Pacht erhöht wird, muss auch das Wild weg“, sagt Deutsch.

 

Entacher versteht Sorgen

Generalstabschef Edmund Entacher meint zur Lage in Allentsteig: „Dass sich die Bauern dafür interessieren, wie auf diesen Flächen ihre Zukunft aussieht, ist sehr verständlich.“ Er denke aber auch, dass sie mit dem Bundesheer immer gut gefahren seien. „Ich verstehe, dass sie sich Sorgen machen, aber es wurden noch keine offiziellen Verhandlungen eingeleitet, daher kann man keine endgültige Bewertung abgeben“, so Entacher im Interview auf DiePresse.com.

Minister Darabos sieht die Sache entspannter: Die Landwirte könnten sich sicher sein, die Gründe weiter bewirtschaften zu können. Auch die drohende Pachterhöhung sei noch nicht entschieden. Darabos begründet seine Pläne mit der Finanzverfassung: Diese sehe vor, dass es ab 2013 nicht mehr möglich sei, sogenannte flexibilisierte Betriebe – wie es die Heeresforste sind – zu führen. Die Mitarbeiter der Heeresforste könnten also bald „auf der Straße“ stehen.

An diese Argumentation glauben allerdings einige aus seinem eigenen Ressort nicht. Aus internen Kreisen heißt es, Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) hätte den Mitarbeitern der Heeresforste zugesagt, dass sie weiter für das Heer arbeiten könnten. Außerdem soll der wahre Grund für die Auslagerung ein anderer sein: Bestimmte Personen seien an einer billigen Jagd interessiert, die die Heeresforste weder genehmigen könnten noch wollten, die Bundesforste allerdings schon. Aktuell koste eine Jagd etwa 2000 Euro am Tag – gewisse Wildliebhaber würden den Preis nach unten drücken wollen. Darabos könnte so versuchen, sich einige Freunde für seine Zeit als Minister a.D. zu machen.

Und auch bei einem anderen Thema brodelt die Gerüchteküche: Es sei noch lange nicht sicher, ob die Bundesforste die Verträge der Bauern verlängern würden. Ihr Plan sei es, sie entweder in Eigenregie zu bewirtschaften oder viel höhere Preise dafür zu verlangen. Auch die Förderungen, die die Bundesforste für die land- und forstwirtschaftlichen Flächen bekommen würden, könnten ein ausschlaggebender Grund für Darabos' Plan sein. Bernhard Schragl, Sprecher der Bundesforste, erzählt allerdings wieder eine andere Version: An Landwirtschaft sei man nicht interessiert, „das ist nicht unser Geschäft“. Außerdem würden sie nicht nur Subventionen bekommen, sondern 50 Prozent ihres Gewinns als „Fruchtgenuss-Entgelt“ an den Staat zurückzahlen.

Wann sich tatsächlich entscheidet, ob die Heeresforste an die Bundesforste ausgelagert werden, ist noch unklar. Für Landwirt Deutsch steigt der Druck, denn sein Vertrag läuft im November aus. Darabos' Worte beruhigen ihn nicht: „Wir haben schon oft erlebt, dass Versprochenes nicht eingehalten wurde.“


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