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Van der Bellen: Die letzte Respektsperson

16.06.2012 | 17:55 | von Oliver Pink (Die Presse)

Auf ihn, den linken Professor mit bürgerlichem Habitus, konnten sich fast alle einigen. Nun wird Alexander Van der Bellen Gemeinderat. Die letzte Etappe einer ungewöhnlichen Karriere – oder auch nicht.

Es war ähnlich wie bei Wolfgang Schüssel. Bis zu dessen Abgang im September des Vorjahres nahm man kaum wahr, dass der ehemalige Bundeskanzler im Nationalrat saß. Und auch nun, bei der Ankündigung von Alexander Van der Bellens Wechsel vom Parlament in den Wiener Gemeinderat, wurde vielen erst bewusst, dass dieser bis zuletzt im Nationalrat saß.

Dabei ist es noch nicht so lange her, da war Alexander Van der Bellen eine der zentralen Figur in der Innenpolitik, 2003 wäre er beinahe Vizekanzler geworden. Er war – in einer Zeit der aufkeimenden Politikverdrossenheit, die sich bis zum heutigen Tag noch verstärken sollte – so etwas wie die letzte Respektsperson, der auch jene, die der Politik mit Skepsis gegenüberstehen, mit Achtung begegneten. Wie übrigens auch die politischen Gegner, die mit ihm ungewöhnlich sanft umgingen. Eine Rolle, die heute noch am ehesten Wissenschaftsminister Karl-Heinz Töchterle ausfüllt, auch er Universitätsprofessor.

Auf Alexander Van der Bellen, den linken Professor für Volkswirtschaftslehre mit dem bürgerlichen Habitus, konnten sich (fast) alle irgendwie einigen. Auch weil er anders war: Er überlegte länger, sprach bedächtiger, wirkte intellektueller und war – was man nicht von allen Intellektuellen behaupten kann – auch noch sympathisch. Zudem stand er auch öffentlich zu seinen Lastern wie dem Rauchen. Er habe sich, bekannte Alexander Van der Bellen in seiner Biografie, die der heutige Sprecher des Verfassungsgerichtshofs, Christian Neuwirth, verfasst hat, im Laufe der Jahre von einem „arroganten Antikapitalisten“ zu einem „großzügigen Linksliberalen“ gewandelt.

Van der Bellen war auch ein Kind seiner Zeit. Geboren in Wien als Sohn einer Estin und eines Russen niederländischer Herkunft verbrachte er seine Kindheit und Jugend in Tirol. Den damals konservativen Mainstream, nicht zuletzt repräsentiert durch die ÖVP-Alleinregierung von Kanzler Josef Klaus, empfand der junge Van der Bellen als engstirnig und provinziell. Die 68er-Bewegung und die Regierungsübernahme Bruno Kreiskys boten einen Ausweg und begeisterten auch ihn. Mitte der 70er-Jahre trat er der SPÖ bei, Ende der 80er-Jahre wurde er dann wegen fehlender Mitgliedsbeiträge wieder von der Mitgliederkartei entfernt.

Dank Pilz zu den Grünen. Zu den Grünen fand Van der Bellen über Peter Pilz, der bei ihm dissertierte. Sie arbeiteten gemeinsam an einem Projekt über wirtschaftliche Perspektiven der österreichischen Rüstungsindustrie. Ein Forschungsauftrag, der vom damaligen Wissenschaftsminister Heinz Fischer vergeben wurde. 1992 wurde Van der Bellen, Anfang der 90er-Jahre auch Dekan der Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien, dann von den Grünen für das Amt des Rechnungshofpräsidenten nominiert. 1994 wurde er Nationalratsabgeordneter, 1997 Parteichef. Er sollte es bis 2008 bleiben.

Leid habe es ihm getan, dass aus der grünen Regierungsbeteiligung 2003 in einer schwarz-grünen Koalition nichts wurde. Es sei aber auch seine wahrscheinlich größte Leistung gewesen, die Grünen zu solchen Koalitionsverhandlungen zu überreden.

Einen Knick erfuhr Van der Bellens Glaubwürdigkeit, sein größtes politisches Atout, als er 2010 nach der Wiener Gemeinderatswahl, bei der er mit überragenden 11.952 Vorzugsstimmen ein Mandat errang, doch nicht in den Gemeinderat wechselte, sondern im Parlament blieb. Und sich dann auch noch von der Stadt Wien zum Unibeauftragten machen ließ – ein für ihn künstlich geschaffener Posten. Nun wird Alexander Van der Bellen doch noch Kommunalpolitiker in Wien. Es habe sich nun, nach dem Abgang von Gesundheitssprecherin Sigrid Pilz, eben unerwartet „ein Fenster aufgetan“, bisher sei ja kein Mandat frei gewesen, sagt er. Eine ungewöhnliche Karriere endet also im Wiener Gemeinderat. Es sei denn, der mitunter etwas (politik-)müde wirkende Professor lässt sich von seinen Parteifreunden doch noch überreden, für jenen Job zu kandidieren, für den er von seiner politischen Statur als Mann des Ausgleichs her wohl wie geschaffen wäre: jenen des Bundespräsidenten.

Alexander Van der Bellen selbst meint dazu nur kokett: „Das ist noch weit weg. Aber ich lege mich nicht fest. Ich bin ja erst 68.“


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