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Die stumpfe Peitsche des John McCain

15.10.2008 | 19:27 | Von unserem Korrespondenten THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

Nur ein unerwarteter Zwischenfall scheint den Demokraten Barack Obama noch stoppen zu können.

WASHINGTON. Er werde noch einmal die Peitsche herausholen, versprach John McCain seinen Anhängern. So martialisch versucht der Kriegsheld, sich und sein Team im Endspurt des US-Wahlkampfs anzufeuern. Doch es klingt wie eine Autosuggestion angesichts einer niederschmetternden Stimmung unter den Republikanern.

Parteifreunde wie der konservative Vordenker William Kristol rieten McCain bereits, sein Wahlkampfteam kurzerhand auszuwechseln. Newt Gingrich, Bill Clintons zäher Gegenspieler in den 90er-Jahren, malte ein Wahldebakel an die Wand.

Viele in der GOP, der Grand Old Party, geben sich tief enttäuscht über den Kandidaten und seinen Wahlkampfstil: „Das ist nicht der McCain, den wir kennen.“ Sie üben scharfe Kritik an einer Kampagne, die ihnen fahrig und unkoordiniert erscheint: Indessen stilisiert sich John McCain zum Außenseiter – eine Rolle, in der er sich seit jeher gefällt: „Die Medien haben mich längst abgeschrieben.“

 

Lynchparolen wie in alten Zeiten

Tatsächlich ereilt das McCain-Team in diesen Tagen eine Hiobsbotschaft um die andere. Eine Umfrage von der „New York Times“ und CBS weist bereits einen Abstand von 14 Prozent gegenüber seinem demokratischen Kontrahenten Barack Obama aus. Der renommierte Meinungsforscher John Zogby, dessen Institut den Rückstand McCains derzeit lediglich mit vier Prozent bemisst, analysiert: „Die Negativkampagne funktioniert nicht.“

Zuletzt musste selbst McCain den Geistern, die er und seine Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin riefen, Einhalt gebieten. Bei Wahlkampfveranstaltungen war die von einer feindseligen Werbung geschürte Stimmung gegen Obama übergekocht. Republikanische Anhänger geiferten gegen den „Terroristenfreund“ und „Araber“, es ertönten sogar Lynchparolen wie zu den schlimmsten Zeiten der Rassentrennung.

Da entwendete McCain einer Fragestellerin das Mikrofon, verwahrte sich gegen die rüden Attacken und bezeichnete Barack Obama als anständigen Familienvater und guten Amerikaner. Der 72-Jährige, berüchtigt für dessen cholerische Anfälle, kehrte die Fairness eines Politikers heraus, für die er auch unter den Demokraten geschätzt wird.

Alle Versuche, eine Nähe Obamas zu früheren militanten US-Untergrundkämpfern wie Bill Ayers zu konstruieren oder den Demokraten Betrug bei der Registrierung von Wählern zu unterstellen, schlugen fehl. Die Saat der Schmutzkübelkampagne war zwar im ultrarechten Lager der Republikaner aufgegangen, nicht aber beim moderaten Flügel oder gar bei den Wählern, die sich als unabhängig deklarieren und die letztlich den Ausschlag über Sieg und Niederlage geben. Sie stößt der Negativwahlkampf ab.

In der Zwischenzeit hat Obama die Führung in den meisten der begehrten, weil noch umkämpften „Swing States“ ausgebaut, die zuletzt eher rot eingefärbt waren – rot wie republikanisch. Ohio, Pennsylvania, selbst Virginia und Florida tendieren zu den Demokraten. Im von der Autokrise schwer gebeutelten Michigan hat McCain den Wahlkampf praktisch eingestellt, um seine Ressourcen nicht zu vergeuden.

 

Der Faktor Hautfarbe

Die Mobilisierung von Erstwählern – insgesamt heuer immerhin 1,3 Millionen, insbesondere unter Afroamerikanern und anderen Minderheiten – dürfte den Demokraten zusätzlich zugutekommen, sodass manche Polit-Gurus schon einen Erdrutschsieg herbeireden. Nur ein dramatischer Zwischenfall in Form einer weltpolitischen Krise oder gar eines Terroranschlags in den USA könnte das Blatt noch wenden, lautet der Tenor. McCain könnte dann seine außen- und sicherheitspolitische Kompetenz gegen den Newcomer Obama ausspielen.

Je näher der Wahltermin am 4.November rückt, desto mehr beherrscht freilich der unwägbare Faktor der Rassenfrage die politische Debatte. Kostet in der Wahlzelle am Ende die Hautfarbe Obama den Sieg? Seit Bill Bradley, der populäre Bürgermeister von Los Angeles, bei der Gouverneurswahl in Kalifornien 1982 trotz eines sicheren Vorsprungs knapp scheiterte, geistert der Vorwurf des Rassismus herum. Er schuf einen Präzedenzfall, der als „Bradley-Effekt“ in die Wahlforschung eingegangen ist: Trotz gegenteiliger Ankündigung entscheidet sich ein unbestimmter Prozentsatz von weißen Wählern in letzter Sekunde gegen den schwarzen Kandidaten.

Inzwischen kursieren allerdings auch Spekulationen, die von einem konträren Effekt bei Lokal- und Regionalwahlen sprechen: Unter dem Erwartungsdruck ihrer Umgebung deklarieren sich weiße Wähler gegen einen schwarzen Kandidaten, geben ihm schließlich aber doch ihre Stimme. Ganz gezielt rückt Barack Obama in Wahlspots deshalb seine weiße Mutter sowie seinen weißen Großvater ins Rampenlicht.

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