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1989: Das Jahr, das die ganze Welt erschütterte

27.10.2009 | 18:50 | BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Das Ende des Kalten Krieges und der Fall des Eisernen Vorhangs lösten rund um den Erdball politische Beben aus.

WIEn. „1989 war vielleicht das letzte Geschenk Europas an die Welt“, lautet die These, die der britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash zum 20. Jahrestag des Umbruchs landauf, landab präsentierte, zu Beginn des Gedenkjahres auch bei einer Diskussion im Wiener Burgtheater. Garton Ash weiter: „Nicht nur ein Geschenk, sondern zugleich der letzte Augenblick, in dem Europa im Zentrum der Weltgeschichte stand. Denn es ist offensichtlich, dass wir in einer immer weniger europäischen Welt leben, Europa ist nicht mehr der Mittelpunkt.“

Die unzähligen Veranstaltungen, die es allein in Wien heuer bereits zum 1989er-Jahr gab, blickten vornehmlich aus einer eurozentrischen Perspektive zurück auf das damalige Geschehen. Auch offenbarte sich eine intensive Nabelbeschau der mittelosteuropäischen Länder, die in einer Art inoffiziellem Wettkampf zu stehen scheinen, welches von ihnen eigentlich am meisten zu den friedlichen Revolutionen vor 20 Jahren beigetragen hat: Das globale Geschehen in diesem „annus mirabilis“ aber wird beim Rückblick in Europa gern ausgeblendet.

Doch 1989 war nicht nur ein Wendejahr in Europa. 1989 hat auf dem ganzen Globus tiefgreifende Veränderungen gebracht oder zumindest eingeleitet. Die Ereignisse in Mittelosteuropa haben dabei durchaus an so fernen Schauplätzen wie Südafrika oder auch Kaschmir Entwicklungen angestoßen. Aber genauso haben Ereignisse etwa in Asien den Gang der Ereignisse in Europa beeinflusst.

 

Afghanische Klagen

Beispiel Afghanistan: Im Februar 1989, zur selben Zeit, als sich in Warschau zum ersten Mal kommunistische Regierungsvertreter und Oppositionelle an einem runden Tisch zusammensetzen, um einen Ausweg aus der Krise in Polen zu finden, zog sich die Rote Armee aus Afghanistan zurück: zehn Jahre nach dem Einmarsch und 15.000 gefallene Sowjetsoldaten später. Die große Sowjetarmee, gedemütigt, zermürbt, geschlagen von Gotteskriegern in einem bettelarmen zentralasiatischen Land.

„Wir haben die Sowjetunion in die Knie gezwungen, wir haben zu ihrem Zusammenbruch beigetragen. Und wir haben im zehnjährigen Kampf gegen die Rote Armee zwei Millionen Menschen verloren“, sagt der afghanische Journalist Faheem Dashty. Und er beklagt sich bitter darüber, dass der Beitrag Afghanistans zum Fall des Eisernen Vorhangs in der Erinnerung der meisten Europäer gar nicht vorkommt. Tatsächlich hat der Westen nach dem sowjetischen Abzug Afghanistan sofort den Rücken zugekehrt. Dabei war das Land voll mit Waffen, die Amerikaner und Saudis bezahlt hatten, und voll mit radikalisierten Moslems aus mehr als drei Dutzend Ländern, die nach Afghanistan gekommen waren, um gegen „Gottlose“ zu kämpfen.

Ein gewisser, aus Saudiarabien stammender Osama bin Laden richtete damals, im Schicksalsjahr 1989, in Kabul ein Servicezentrum für Kampfwillige aus der islamischen Welt ein und gab seiner Organisation den Namen „al Qaida“. „Damit begann 1989 eine Entwicklung an der Peripherie, die schließlich zum 11. September 2001 führte“, erinnert der Intendant des Berliner „Hauses der Kulturen der Welt“, Bernd M. Scherer.

 

Das Ende der Apartheid

Oder Südafrika: Der Umbruch in Mittelosteuropa 1989 ist zwar nicht der Hauptgrund für das Ende des Apartheid-Regimes. Zweifelsohne aber hat die Beendigung des Kalten Krieges durch Sowjetführer Michail Gorbatschow und die amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan und George Bush senior die Abschaffung der Apartheid mitermöglicht.

Denn Südafrikas weiße Machthaber konnten ihr Regime nun nicht mehr als Bollwerk gegen die rote Gefahr präsentieren, den oppositionellen Afrikanischen Nationalkongress nicht mehr als fünfte Kolonne des Weltkommunismus verteufeln. Also konnte der neue Präsident Fredrik Willem De Klerk, der im September 1989 als Staatschef Südafrikas antrat, bald die Freilassung inhaftierter ANC-Politiker ankündigen. Am 11. Februar 1990 kam schließlich auch Nelson Mandela nach 27 Jahren aus dem Gefängnis frei.

 

Elektrisierte Kaschmiris

Beispiel Kaschmir: Nach dem Bekanntwerden massiver Fälschungen bei der Parlamentswahl in Kaschmir begannen im November 1989 militante Separatisten, auf indische Soldaten zu schießen. Ein Teil der Aufständischen forderte einen unabhängigen Staat Kaschmir, ein anderer Teil kämpfte für eine Union mit Pakistan. Bei dem Konflikt, der bald mit voller Härte ausbrach, kamen bis heute rund 100.000 Menschen ums Leben.

Der Journalist Muzamil Jaleel glaubt, dass gerade die damaligen TV-Bilder vom Sturz der kommunistischen Regime die Bevölkerung in Kaschmir anstachelten: „Besonders die rumänische Revolution elektrisierte die Kaschmiris. Kurz nachdem im Fernsehen gezeigt worden war, wie die Rumänen den Präsidentenpalast von Nicolas Ceausescu stürmten, kam es in Kaschmir zu den ersten öffentlichen Protesten. Es gibt eine eindeutige Verbindung zwischen den Ereignissen in Europa und der Situation in meiner Heimat.“

 

Chinas eigener Weg

Oder die Volksrepublik China: Nichts demonstriert besser, welch unterschiedliche Wege die Geschichte einschlagen kann als der 4. Juni 1989. An diesem Tag fanden in Polen die am runden Tisch vereinbarten ersten halbfreien Wahlen statt. An diesem Tag rollten aber neun Flugstunden weiter östlich schwere Panzer auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens die Demokratiebewegung von Studenten nieder.

Diese Studenten hatten ihre eigene Agenda gehabt, ließen sich aber vom Geschehen in Europa mitinspirieren, vor allem vom sowjetischen Reformer Michail Gorbatschow. Als der im Mai 1989 in Peking weilte, verstärkte er auch die Hoffnungen demokratiesüchtiger junger Chinesen. Dies, obwohl die Gastgeber alles versucht hatten, den Russen von den Demonstranten am Tian'anmen-Platz möglichst fernzuhalten.

„Die Ereignisse rund um den Gorbatschow-Besuch stellten das Regime in Peking vor aller Welt bloß und stärkten die Position der Falken in der KP-Führung“, bilanzierte der ungarische Sinologe Péter Vámos unlängst bei einer 1989er-Konferenz in Wien. „Die Führung entschied daraufhin, die Protestbewegung gewaltsam zu zerschlagen.“ Denn Gorbatschows Politik der Perestrojka (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit) war nicht die Politik jener chinesischen Genossen, die sich im Politbüro letztlich durchsetzten und das Militär holten. Zwar setzten sie die wirtschaftliche Öffnung des Landes fort, von demokratischer Einbindung der Bürger aber wollten sie weiterhin nichts wissen.

Nicht nur gab es europäische Einflüsse auf die chinesische Demokratiebewegung vom Frühjahr 1989. Das Massaker am Tian'anmen-Platz am 4. Juni wurde dann auch zum Negativmodell, als sich nach den Polen und Ungarn ab dem Spätsommer 1989 der Reihe nach auch DDR-Bürger, Tschechen und Slowaken und schließlich Bulgaren und Rumänen zum Protest gegen das herrschende System auf die Straßen wagten.

Gerade in der DDR wirkte das chinesische Panzermodell abschreckend auf eine Reihe von Verantwortungsträgern, als es darum ging, den Massenprotesten entgegenzutreten.

Das Geschehen in Europa von 1989 bis 1991 erregte weiter die volle Aufmerksamkeit der chinesischen Genossen. „Als die Regime in Mittelosteuropa eines nach dem anderen stürzten, fürchteten die chinesischen Führer einen möglichen Dominoeffekt. Die Ereignisse in Rumänien und vor allem die Hinrichtung der Ceauce?cus ließ dann die Besorgnis sogar in Alarmstimmung umschlagen“, berichtete Péter Vámos.

 

Chinesische Umbruchforscher

Aber was konnten die chinesischen Kommunisten dagegen tun, um nicht auch eines Tages von einer Welle des Volkszorns hinweggespült zu werden? Anfang der 1990er-Jahre schickte die chinesische KP zahlreiche Delegationen in den ehemaligen Ostblock und andere Brennpunkte des Wendejahres 1989 in der Welt, um Ursachen, Verlauf und Konsequenzen der Umbrüche genau zu studieren. Möglicherweise finden sich die genauesten und umfassendsten Analysen zum 1989er-Jahr heute im Archiv der Kommunistischen Partei Chinas.


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