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Hauptstadt mal zwei: Ost ist Ost, und West ist West

06.11.2009 | 18:12 | Von unserer Korrespondentin EVA MALE (Die Presse)

20 Jahre nach dem Mauerfall „klafft die Hauptstadt am weitesten auseinander“.

Berlin. „Ost ist Ost, und West ist West. Das wird auch noch eine Weile so bleiben.“ Der Berliner Taxifahrer bringt es ganz nüchtern auf den Punkt. Er selbst fährt eigentlich nur im Westen der Stadt, muss sich den Weg von Kreuzberg nach Prenzlauer Berg von der Passagierin erklären lassen. „Ich fühle mich da fremd“, erklärt er entschuldigend, „das ist nicht meine Stadt“. Auch die Zusammenlegung von Bezirken habe nichts an der Trennung geändert: „Da tut sich nichts, da müssen erst zwei neue Generationen wachsen.“

 

Die Mauer ist verschwunden

Oberflächlich betrachtet, möchte man es eigentlich nicht glauben: Berlin ist eine wiedervereinigte Stadt. Die Spuren der Mauer sind großteils verschwunden; mit Ausnahme der 1990 bunt bemalten und kürzlich renovierten „East Side Gallery“ an der Spree und einem kleinen Stück bei der Gedenkstätte in der Bernauer Straße ist nichts übrig. Nur ein schmaler gepflasterter Streifen, der sich vom Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor und am Reichstag vorbei zieht, erinnert noch an die Mauer, die Berlin 28 Jahre lang geteilt hat.

Dem Touristen ist im Bereich der einstigen Grenze meist kaum bewusst, ob er sich gerade im ehemaligen Osten oder Westen befindet, zumal die Mauer ja nicht klar in Nord-Süd-Richtung verlief, sondern entlang der Bezirksgrenzen durchaus auch von Ost nach West. Reiseführer und spezielle Stadtpläne mit dem Titel „Wo die Mauer war“ geben eine Orientierungshilfe, ebenso Bustouren am Mauerstreifen entlang, auf denen parallel per Video in die Vergangenheit geschaltet wird. Auch „Safaris“ mit dem Trabi werden angeboten.

 

Die politische Mitte

Das politische und mediale Leben spielt sich mitten im Zentrum Berlins ab, dies- und jenseits der früheren Mauer. Viele Bewohner der Hauptstadt leben jedoch weiterhin stur in West oder Ost, kommen in ihrem Alltag nur selten in den anderen Stadtteil. Zwar wurden einige als hip geltende Bezirke im ehemaligen Osten, wie Prenzlauer Berg oder Friedrichshain, inzwischen von Westlern „erobert“, aber das hat nicht gerade zum Zusammenwachsen der Stadt beigetragen. Viele Alteingesessene fühlen sich verdrängt.

Umgekehrt gibt es im Westen der Stadt genügend Leute, die der Vergangenheit noch nachtrauern. Mit der Wende endete ja nicht nur Ost-, sondern auch Westberlin, das eine Art Insel der Seligen in der DDR darstellte. Es war ein „Umschlagplatz für neues Denken, ein Treffpunkt der Suchenden, ein Laboratorium der Lebensentwürfe und ein Ort der Ahnung des Kommenden“, wie die „Berliner Zeitung“ formuliert.

Junge Männer, die in Westberlin lebten, mussten keinen Wehrdienst leisten, Künstler fanden einen fruchtbaren Boden vor, die BRD pumpte reichlich Geld hierher. Heute liegt Berlin finanziell am Boden. Die Mauer mag an der Oberfläche verschwunden sein – in den Köpfen ist sie gerade hier noch vorhanden.

 

„Gespalten ohne Ende“

„Dass Berlin am weitesten auseinanderklafft, ist eigentlich erstaunlich – und schade“, sagt Klaus Schroeder vom SED-Forschungsverbund der Freien Universität Berlin (FU). Die jungen Menschen aus dem Westen der deutschen Hauptstadt hegen im landesweiten Vergleich die größte Abneigung gegen jene im Osten. Auch „politisch hat sich in Berlin nichts angenähert, die Stadt ist gespalten ohne Ende, fast wie zu DDR-Zeiten“. Dies habe unter anderem damit zu tun, dass die Mitglieder der sozialen Elite der DDR in Berlin wohnten und „immer noch da sind, wenn sie noch leben“.

Nicht zuletzt gibt es infolge der Teilung in Berlin auch heute noch die meisten Angebote doppelt, wenngleich deren Finanzierung schwierig ist: zwei Universitäten, zwei Zoos, sogar drei Opern. Wenn der Berliner nicht will, muss er nie zwingend in die andere Stadthälfte.


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