Der Mythos der Titanic speist sich nicht zuletzt von den Szenen, die sich kurz vor dem Untergang am 15. April 1912 an Bord abgespielt haben: Viele Männer traten zurück und taten, wie der Kapitän es befohlen hatte: „Women and children first!“ So kam es, dass 70 Prozent der Frauen und Kinder überlebten, aber nur 20 Prozent der Männer, das „ungeschriebene Gesetz der See“ hatte seine Kraft bewiesen.
Aber die Titanic war die Ausnahme, darauf deutete schon der Untergang der Lusitania 1915, Männer und Mannschaft drängten sich vor. Diese beiden Fälle waren bisher die einzigen analysierten, man hielt die Titanic für die Regel und die Lusitania für die Ausnahme (und erklärte diese etwa damit, dass die Lusitania sehr rasch sank, in 20 Minuten, auf der Titanic blieben zwei Stunden, um der Panik Herr zu werden). Aber das wäre schon ein Mirakel: Zwar sind Menschen durchaus hilfsbereit und altruistisch, sie spenden etwa Blut und Organe; und diese Solidarität ist obendrein geschlechtsspezifisch: Männer eilen eher in akuten Notlagen zu Hilfe, Frauen eher zur lang dauernden Versorgung. Aber wenn es ums nackte Überleben geht, sieht es anders aus, das zeigt Mikael Elinder (Uppsala), er hat 18 Schiffsuntergänge analysiert – von 1852 bis 2011, insgesamt 15.000 Menschen an Bord – und die verschiedensten Hypothesen über das Verhalten in Todesnot getestet, etwa die, dass viel davon abhängt, wie rasch ein Schiff sinkt.
Titanic: Schüsse auf drängelnde Männer
Das ist falsch. Wichtiger ist das Verhalten des absoluten Herrschers an Bord eines Schiffs, des Kapitäns: Kommt sein „Frauen und Kinder zuerst“ wie auf der Titanic, und wird es von der Mannschaft auch durchgesetzt wie dort – mit Schüssen auf vordrängende Männer –, dann steigen die Chancen der Frauen (die der Kinder nicht). Wenn nicht, werden sie noch schlechter, dann setzen sich die Kräftigeren durch, die Männer, vor allem die der Besatzung: Im Durchschnitt der 18 Havarien war die Überlebenschance der Frauen gerade halb so hoch wie die der Männer, und die höchsten Chancen von allen hatten die Besatzungsmitglieder (Pnas, 30. 7.).
Und von denen, die zuallerletzt gehen sollten, gingen nur neun mit ihren Schiffen unter, die restlichen sieben retteten sich zuerst wie der Kapitän der Costa Concordia. Naja, das war ja auch ein Italiener, die Briten sind die Helden der Selbstlosigkeit, auch das gehört zum Titanic-Mythos. Ach was: Auf Schiffen voller Briten haben Frauen die schlechtesten Chancen.