In der Zeit, in der das Herz eines Mannes einmal schlägt, werden in seinen Hoden tausend Spermien reif. Das geht rasch in die Millionen, und daran mag es liegen, dass es für Männer keine Kontrazeptiva gibt, die zuverlässig und zugleich reversibel sind. Dabei blieb seit alters her nichts unversucht: Hippokrates empfahl Hitze, Baden der Hoden in 45 Grad warmem Wasser, knapp unterhalb der Schmerzgrenze (Wikipedia rät ab: „not a widely appealing technique“); Dioscorides setzte im Jahr 40 auf Chemie bzw. die Natur, Hanf und Weinraute, in anderen Kulturen wurden andere Pflanzen bzw. ihre Extrakte angewandt, in Indien der Neem-Baum, in Persien Baumwolle, und auch in jüngster Zeit kommen immer wieder Kandidaten, Papaya etwa, aber manche wirken zu wenig, andere zu stark, machen auf Dauer steril.
Manche moderne Operateure kleiden Samenleiter mit Substanzen aus, die die Spermien auf ihrem Weg zerstören. Aber viele Männer verzichten lieber auf solche und andere Hilfe und vertrauen auf ihre Selbstbeherrschung: Der rechtzeitige Rückzug des Mannes hat laut Wikipedia eine Zuverlässigkeit von 96 Prozent, er ist auch eine der drei Verhütungsmethoden, die in den USA von Männern angewandt werden: Interruptus, Kondom, Vasektomie (Durchtrennung der Samenleiter). Die bringt 100 Prozent Schutz, ist aber nicht rückgängig zu machen, diese Unfruchtbarkeit bleibt.
Trotzdem wird sie, vor allem in den USA, oft angewandt: Zusammen mit den beiden anderen Methoden verhütet ein Drittel der Paare damit: über den Mann. Es liegt also nicht unbedingt an ihm, dass bei zwei Dritteln der US-Paare eben die Frau für die Kontrazeption zuständig ist, es liegt zumindest auch daran, dass die Pille für die Frau bzw. ihre eine reifende Eizelle pro Monat pharmakologisch eine recht einfache Sache ist: Man muss dem Körper nur hormonell vorgaukeln, er wäre schwanger.
JQ1 bringt Chromosomen durcheinander
Beim Millionenheer der Spermien ist das anders, auch hier hat man hormonelle Manipulationen versucht, sie waren nicht sehr wirkungsvoll und hatten zudem üble Nebenwirkungen, Testpersonen wurden depressiv. Aber nun ist erstmals etwas in Sicht, was zur Pille für den Mann führen könnte: JQ1, das ist ein relativ kleines organisches Molekül, das im Labor von James Bradner (Harvard School of Medicine) als potenzielles Krebsmedikament synthetisiert wurde, es hat an Tiermodellen gegen manche Tumore auch gewirkt. Denn es bringt Zellen bei der Entwicklung durcheinander, indem es die Verpackung der Chromosomen stört: Die werden wie Wollknäuel um Proteine herumgewickelt – „Chromatin“ –, die richtige Wicklung sorgt dafür, dass die richtigen Gene aktiviert werden. JQ1 bringt Fehler hinein, nicht nur bei Krebszellen, sondern auch bei den reifenden Spermien, das hat Martin Matzuk (Baylor College for Medicine) nun zusammen mit Bradner gezeigt: Die Zahl der Spermien sank stark, und die wenigen, die doch noch produziert wurden, waren so schwach, dass sie sich kaum bewegen konnten. Zeugungsfähig waren diese Mäusemänner nicht mehr, die Lust am Sex hingegen war ihnen geblieben. Und als JQ1 abgesetzt wurde, entwickelten sich die Spermien wieder normal (Cell 150, S. 673). Ein Begleitkommentar rühmt den „Durchbruch“: „Seit das Kondom vor Jahrhunderten entwickelt wurde, hat es kein neues reversibles Verhütungsmittel für Männer gegeben.“
Allerdings ist auch JQ1 keines, es kann nur den Weg weisen: Es stört auch anderswo im Körper die Entwicklung von Zellen.