Washington. Seine Fußabdrücke sind wie eingefroren auf dem Mondkrater, konserviert womöglich bis in die Ewigkeit. „Höchste Zeit, dass einmal jemand da oben sauber macht“, sagte Neil Armstrong in einem Interview lakonisch. Der erste Mann auf dem Mond hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, und seine sorgfältig gewählten, wie aus dem Drehbuch der Nasa gedrechselten Worte klingen in die Nachwelt nach: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer für die Menschheit.“ Ein Zitat für die Geschichtsbücher.
Am Samstag hat der unscheinbare Mann, der nicht viel Aufhebens um seine Person machte, die Erde verlassen – kurz nach seinem 82. Geburtstag starb er nach überraschenden Komplikationen einer Bypass-Operation, von der sich gut erholt zu haben schien, in seiner Heimat Ohio. Bis zuletzt scheute er den Rummel – ganz im Gegensatz zu Buzz Aldrin, seinem Kompagnon bei dem historischen Mondspaziergang am Abend des 20. Juli 1969 (US-Ortszeit), den Abermillionen Menschen auf der ganzen Welt – und die Europäer in den frühen Morgenstunden – mit atemloser Spannung verfolgten. Der Satz „Der Eagle ist gelandet“ wurde das Signal zu einem Aufbruch in eine neue Ära.
Nur alle fünf Jahre tauchte Neil Armstrong in der Öffentlichkeit auf, zu den obligaten Jubiläumsfeiern der legendären Apollo-11-Mission, gemeinsam mit seinen Konsorten Aldrin und Michael Collins. Der College-Professor führte an der Seite seiner zweiten Frau ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben in Ohio. Schließlich weigerte er sich sogar Autogramme zu geben, nachdem er herausfand, dass sie bestbietend verhökert wurden. Und als sein Friseur einmal Haare des Astronauten verscherbelte, verpflichtete er ihn, das Geld karitativen Zwecken zu spenden.
„Amerikanischer Held“
Präsident Barack Obama würdigte ihn als „einen der größten amerikanischen Helden“ – ein Tribut, das ihm eher fremd schien. Dem begeisterten Flieger, der schon mit 16 Jahren die Fluglizenz in der Tasche hatte, dem Kampfpiloten im Koreakrieg und Testpiloten ging es um die Sache, um die Sache des Fortschritts und um die Raumfahrt. Darum zog sich der Präsident auch seinen geharnischten Unmut zu. In einem offenen Brief protestierte Armstrong nach der Einstellung des Space-Shuttle-Programms gegen das vorläufige Ende der bemannten Raumfahrt in den USA. Er sah die Einzigartigkeit der USA gefährdet, ihre Spitzenposition in der Technologie.
Tatsächlich brauchten die USA zum Ende der 1960er-Jahre dringend Helden. Nach den Attentaten gegen die Kennedy-Brüder, gegen Martin Luther King, nach Rassenunruhen, Studentenprotesten und mitten im Wirrwarr des Vietnamkriegs war die Nation in sich gespalten und zerrissen. Es war just John F. Kennedy, der zu Beginn des Jahrzehnts und am Zenit des Kalten Kriegs die Parole ausgegeben hatte, einen Amerikaner bis zum Ende des Dezenniums auf den Mond zu schicken – „und auch wieder sicher zurück“. Die Nasa hielt das Versprechen, fünf Monate vor Ablauf der Frist. Das Jahrzehnt, das so hoffnungsvoll mit der Wahl eines jugendlichen, charismatischen Präsidenten begonnen hatte, klang für die zutiefst verunsicherten Amerikaner doch noch mit einem Happy End aus.
Wettlauf ins All
Die USA hatten eine Verheißung erfüllt, die das Land nach vorn katapultiere, wieder zur führenden Nation machen sollte, zur technologischen Avantgarde in einem Zeitalter, das bestimmt war von rasantem technischen Fortschritt und einer Technikgläubigkeit. Der Wettlauf ins All wurde zu einer Prestigesache zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion. Die Sowjets waren ihrer Konkurrenz aus dem Westen voraus, der Kosmonaut Juri Gagarin schwebte als erster Mensch im Weltall, die Sputnik avancierte mit einem Mal zum Symbol sowjetischer Überlegenheit. Dass ausrechnet Russland nach Ende des Space-Shuttle-Programms jetzt die US-Astronauten wieder ins All befördert, ist eine bittere Ironie und trifft die „Kalten Krieger“ in den USA ins Mark.
Nach Armstrong und Aldrin stapften noch ein knappes Dutzend Amerikaner auf dem Mond herum, sie hüpften schwerfällig in ihren weißen Overalls, die sie wie Aliens aussehen ließen. Aber Armstrong war der Erste, der den Sternenbanner in die Mondoberfläche pflanzte. Gefeiert und umjubelt bei Konfettiparaden wurde er zur lebenden Legende, der der Nation die Hoffnung zurückgab.
