Wenn eine Steuererklärung unterschrieben ist oder eine Schadensmeldung an eine Versicherung, dann ist das, was obendrüber steht, nicht immer die reine Wahrheit, zumindest in den USA: Geschätzte 345 Milliarden Dollar gehen dem Staat durch falsche Steuererklärungen durch die Lappen, die Versicherungen veranschlagen ihren Schaden auf 80 Milliarden. Zwar erinnert der Akt der Unterschrift an die Wahrheitspflicht, aber wer zuvor gelogen hat, bleibt dann dabei, und wer sich geirrt hat, überprüft nicht noch einmal alles.
Wie kann man das ändern, wie verhindern, dass Trittbrettfahrer sich zulasten der Allgemeinheit bereichern? Staaten setzen auf Steuerprüfer und „Whistleblower“ – die etwa Bankdaten aus der Schweiz nach Deutschland verkaufen –, Versicherungen haben Experten und Detektive. Aber vielleicht ginge es viel einfacher und man müsste nur die Formulare ändern, dahin, dass die Unterschrift nicht am Ende kommt, sondern am Beginn. So ist es bei Gericht, Zeugen werden vor der Aussage auf die Wahrheit vereidigt, es wird schon einen Grund haben. Von diesem Verdacht ging Nina Mazar (University of Toronto) aus und von der Erfahrung, dass wir ganz anders handeln, wenn wir beobachtet werden und das wissen. Dann werden wir edel, hilfreich und gut, die Prominenz zeigt es bei jeder TV-Charity.
Die Macht der Augen, auch der eignen
Es muss auch gar kein Mensch zuschauen, ein stilisiertes Auge genügt, das auf den Totempfählen der Indianer, das des christlichen Gottes, oder das auf der Kaffeekasse der Psychologen der University of Newcastle, dort zahlt jeder, was er mag. War die Kasse statt mit Blümchen mit einem Auge verziert, stiegen die Einnahmen auf das 2,76-Fache (Biology Letters, 2, S. 412).
Es muss auch überhaupt kein fremdes Auge sein. Wir behalten uns auch selbst im Blick und rufen uns zur Ordnung: Mazar bat Studenten ins Labor und ließ sie auf Zetteln Aufgaben erledigen, es gab Geld dafür. Am Ende musste man nur die eigene Leistung bilanzieren und unterschreiben, überprüft wurde nichts. Aber einmal war der Raum für die Unterschrift oben auf dem Formular, das andere Mal unten: Wurde oben, also vor dem Ausfüllen, unterschrieben, sank die Betrugsrate von 79 auf 37 Prozent (Pnas, 27. 8.). Das ist natürlich immer noch viel, aber es zeigt die Kraft des rechtzeitigen Erinnerns an die Moral.
Nicht nur im Psychologenlabor: Mazar tat sich mit einem US-Autoversicherer zusammen, dessen Klienten die Kilometerstände melden, danach bemisst sich die Prämie: Wer mehr fährt, zahlt mehr. 13.488 gemeldete Kilometerstände wurden ausgewertet, die Hälfte der Formulare hatte den Platz für die Unterschrift oben: Diese Klienten gaben im Durchschnitt 2427 Meilen mehr zu Protokoll, das sind zehn Prozent. jl