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Biochips: Drogentest im Speichel

07.11.2009 | 18:25 | von Martin Kugler (Die Presse)

Ein österreichisches Unternehmen will den Weltmarkt für Biochips aufrollen: Entwickelt wurde ein System, das vollautomatisch arbeitet.

Molekulare Diagnostik ist die Voraussetzung für die „personalisierte Medizin“ der Zukunft: Jeder Patient soll genau jenes Medikament bekommen, das ihm auch wirklich hilft – denn zwischen den verschiedenen Menschen gibt es große Unterschiede, die zum Teil genetisch bedingt sind.

Die molekulare Diagnostik – mittlerweile ein Milliardenmarkt – wird immer öfter mithilfe sogenannter Biochips durchgeführt, auch „Micro-Arrays“ genannt. Dabei sind auf einer Unterlage tausende verschiedene Zielmoleküle angeordnet. Mit einem Tropfen Körperflüssigkeit kann dann getestet werden, mit welchen dieser Moleküle die menschliche Probe reagiert. Diese Art der Analyse ist hochparallel: Innerhalb weniger Minuten werden gleichzeitig tausende Tests durchgeführt, was mit klassischen Labormethoden Tage dauern würde.

Bernhard Ronacher hat viele Jahre beim oberösterreichischen Biotechunternehmen Lambda – nun ein Teil von Greiner Bio-One – an der Entwicklung derartiger Biochips gearbeitet. „Meine Arbeit mit konventionellen Micro-Arrays war mitunter frustrierend“, berichtet er. Das Handling sei ziemlich komplex – man benötigt dafür speziell ausgebildetes Laborpersonal. Zudem seien die Ergebnisse stark von manuellen Prozessen und von den Umweltbedingungen abhängig.

Er hatte eine Idee, wie man das ändern könnte: Die Micro-Arrays sollten nicht planar auf einem flachen Objektträger angeordnet sein, sondern rund in Form eines Zylinders. Dadurch wird eine vollautomatische Verarbeitung möglich – es ist dadurch z.B. gewährleistet, dass die Reagenzien überall gleich wirken. Dadurch sollten die Ergebnisse verlässlicher und reproduzierbarer werden. Zur Realisierung dieser Idee hat er im Jahr 2004 gemeinsam mit Kollegen in Linz das Unternehmen Anagnostics gegründet. Nun, nach fünf Jahren Forschung und Entwicklung, sind die ersten Produkte fertig. „Automatisierung und Standardisierung sind die Voraussetzung für eine breite Kommerzialisierung“, sagt Markus Jaquemar, Vertriebs- und Marketingleiter von Anagnostics.

Die Handhabung ist denkbar einfach, erläutert Anagnostics-Chef Christoph Reschreiter: Die Probe wird mithilfe einer Pipette in das Versuchsgefäß mit integriertem Micro-Array („hybcell“) eingefüllt und in die Kartusche eingesetzt. Diese wird in das Analysegerät namens „hyborg“ gestellt – und der Rest geschieht vollautomatisch. Da in Labors vor allem die Arbeitskraft teuer ist, verspricht das neue Verfahren kostengünstiger zu sein.

Micro-Arrays können überall dort eingesetzt werden, wo mit einer biologischen Probe viele Versuche parallel durchgeführt werden. Anagnostics konzentriert sich derzeit auf vier spezielle Bereiche. Am weitesten gediehen ist die Arbeit für Protein- und DNA-Chips, die von der Pharmaindustrie für die Suche nach neuen Medikamenten eingesetzt werden. Eine Spezialität von Anagnostics nennt sich „On-Spot-PCR“, ein Verfahren, mit dem sehr rasch Genanalysen durchgeführt werden können – etwa bei der Suche nach Mutationen, die mit Darmkrebs in Verbindung stehen.

Es sind aber auch bereits zwei Produkte für den Routineeinsatz in Labors in Entwicklung: erstens ein Verfahren für den Drogentest aus dem Speichel; bisher benötigt man dafür Blut- oder Urinproben. Dieser Test könnte nächstes Jahr marktreif sein, verrät Reschreiter. Und zweitens arbeitet Anagnostics – die neun Mitarbeiter haben in der Vorwoche ihr neues Labor in St. Valentin bezogen – an einem Sepsis-Chip, der krankmachende Bakterien identifiziert und gleichzeitig überprüft, ob diese gegen Antibiotika resistent sind. Das ist ein absolutes Novum.

In der Entwicklung stecken bisher rund drei Millionen Euro. Ein Teil davon kommt aus öffentlichen Förderungen, etwa durch die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und die Austria Wirtschaftsservice (AWS). Der andere Teil stammt von zwei Investoren: von der NÖ Technologieagentur Tecnet Capital und von PP Capital. Für die breite Kommerzialisierung ist weiteres Kapital nötig, für nächstes Jahr ist eine zweite Finanzierungsrunde geplant. Zudem ist man auf der Suche nach Partnern. Dafür kam die Fachmesse „Bio-Europe 2009“, die in der Vorwoche in Wien stattfand (siehe unten), gerade recht: Anagnostics hatte dort 24 „Speed Dates“ mit anderen Biotech- und Pharmafirmen.


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