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Lasst Hermes reden!

27.07.2012 | 18:23 | Von Oliver vom Hove (Die Presse)

Ein wahres Ringelspiel aus köstlich burlesken Szenen und bildungsgespickten Gustostücken, voll irischer Fantastik und krudem Realismus: John Banvilles schwindelerregender Roman „Unendlichkeiten“.

Welch herrliche Erfindung ist doch die Götterwelt der Griechen! Nicht ein einzelner, einsamer Gott thront da erhaben und selbstgefällig über allem. Sondern ein ganzer Götterhimmel ist bevölkert mit Wesen voll menschlicher Tollheiten und Schwächen. Eine Erfindung der humanen Kultur ist solch ein Ganz- und Halbgöttergewimmel: Rücksichtnahme auf die wahre Natur der Menschenwesen und ihr so verschiedenartiges, kreuz und quer führendes Massentreiben.

Dem Polytheismus entstammt auch der Mythos vom zeugungslüsternen Zeus, der als Göttervater und numinoser Zuchtstier vom Dienst in vielerlei Gestalt seiner nimmersatten Begattungslust frönt. Als willfähriger Diener steht ihm mit schelmischer Ironie Hermes zur Seite, ein wahrer Mehrfachfunktionär im Management des göttereigenen Familienunternehmens: Als Jupiters Sohn ist er zugleich zum Botendienst abkommandierter Unterläufel der Olympier wie Interessenvertreter der Kaufleute, Spieler, Diebe und Scharlatane.

In dieser Funktion könnte er gleich seinem Erzählerkumpan, dem irischen Autor John Banville, als Patron dienlich sein, denn dieser hat seinen ganzen Roman „Unendlichkeiten“ auf Kleists unerreicht geistvoller Antikenkomödie „Amphitryon“ aufgebaut, ohne den Autor der Vorlage, die er einst für die Bühne neu adaptiert hat, je zu nennen.

Banville hat zumindest mit dem geborgten Pfund kräftig und nutzbringend gewuchert: Sein Roman voll schwindelerregendem Stimmen- und Schauplatzwechsel bietet ein wahres Ringelspiel voll köstlichen, ausgelassenen, neckischen und zutiefst humanen Burleskszenen, und dazwischen huschen die Himmlischen wie geisterhafte Possenreißer durch das Geschehen.

Hauptgestalt des Romans ist Adam – auch wieder so eine undeklarierte Kleist-Anleihe (diesmal aus dem „Zerbrochnen Krug“). „Der alte Adam stirbt“, heißt es eingangs, „seltsam, sich vorzustellen, dass er nicht mehr hier auf Arden wäre.“ Arden – das ist der Landsitz des irischen Mathematikers Adam Godley, der sich mit einer Theorie zur Unendlichkeit ruhmreich gezeigt hat und nun nach einem Schlaganfall das ganze Buch über mit der herannahenden eigenen Endlichkeit ringt. Sein Sterben schafft den Anlass für die Zusammenkunft einer Familie der besonderen Art.

Da kommen, untrennbar miteinander verschränkt, irische Fantastik und kruder Realismus kraftvoll zum Zug: Die Mutter trinkt, die Tochter nimmt Drogen, der Sohn Adam junior ist ein liebenswerter, weil skrupulöser Versager, und das Gesinde – Hausmagd und Kuhhirt – ist auch nicht von grundnormalen Eltern. Alle stehen sie unter wohlwollender Beobachtung des Erzählers Hermes, der uns mit köstlichen Bonmots und quicklebendigem Skeptizismus aus der antiken Weisheitslehre der Stoiker unterhält. Gelegentlich gibt er die Stimme auch an handelnde Personen weiter. Dann umfangen uns gleich wieder irdische Drangsal und die Sorge um die existenziellen Grundwerte der Sterblichen.

Denn es ist die Unsterblichkeit, welche die Menschen den Göttern neiden. Diese wiederum, zumindest ihr altmeisterlicher Schwerenöter Zeus, sind süchtig nach dem allzu menschlichen Ersatz, den die Irdischen sich dafür geschaffen haben: der kleinen Unsterblichkeit Liebe. Hier kommt die heimliche Hauptgestalt des Romans ins Spiel: Helen, die Frau des jungen Adam. Sie ist das geheime Objekt der Begierde, nicht nur für den hinterlistig seine Beischlafpläne schmiedenden Jupiter. Die irisierende Fremdheit ihrer Erscheinung, das laszive Spiel mit ihrer körperlichen Anwesenheit macht sie zur großen Verlockung, zum beständigen Versprechen, das uneingelöst bleiben muss – außer für den parasitären Beischläfer, der sich eines Nachts der Gestalt des eher lendenschwachen Adam junior bedient und die im Schlaf Überraschte Staunen macht.

In Helens Schönheit sammelt sich das fortgesetzte Rätsel dieses Buchs. Es befällt auch den himmlischen Bettstürmer Zeus, der sich postkoital bei Helen nur allzu gern als der wahre Urheber ihrer Lusterfüllung in Erinnerung halten möchte. Schließlich ist Authentizität als Person nicht bloß ein Desiderat der Götter: Jeder Liebhaber strebt nach Unverwechselbarkeit.

So wird Jupiters Liebesleid vorübergehend zur Götterdämmerung. Schon bei Kleist plagte den Götterbuhlen unstillbare Eifersucht auf Alkmenes geliebten Gatten Amphytrion. Hier nun verfährt der Autor gnädiger mit Helen und unterwirft sie nicht einem dialektisch aufs Äußerste zugespitzten Kreuzverhör, wie es Alkmene in Kleists fortwährend das Tragische streifender Komödie erdulden muss. Stattdessen lässt Banvilleden aufmüpfigen Hermes über seinen Neid auf den verwöhnten Himmelspatriarchen räsonieren und den mit dem Tod ringenden Adam, einen alten 1968er-Kommilitonen, über seine bittere Erkenntnis der verratenen Revolution nachdenken: „Anfangs konnten wir sie gar nicht verstehen, diese Verdunkelung der Welt, die schließlich unser Werk war, das Gegenteil von dem, was wir uns vorgenommen hatten.“

Unausgesetzt ist der Autor mit erzählerischem Vollgas zwischen dem Heute, der Vergangenheit und einer imaginierten Zukunft unterwegs. Aus tief heiterem Himmel lässt er die Götter zu den Menschen herabsteigen und macht irdische Gesetze von Zeit und Raum hinfällig. Augenzwinkernd legt der Shakespeare-Kenner und gefeierte Booker-Preisträger Banville dem Literaturliebhaber seine Romanplatte voll bildungsgespickter Gustostücke und Lesefrüchte vor: Arden, der Ort des Geschehens, ist auch bekannt als „Forest of Arden“ in „Wie es euch gefällt“ oder als der „kleine Shakespeare“ namens Arden of Feversham, ganz zu schweigen von Shakespeares Mutter, die Mary Arden hieß und aus wohlhabender Familie stammte.

Zweifel an der Wirklichkeit ist das Göttergeschenk, das die Himmlischen den Irdischen bescheren. In ihrer nächtlichen Hingabe wird die ganz ihrem Gefühl folgende Helen unwissentlich dem tragiknahen Widerspruch von Wirklichkeit und Erfahrung, Treue und Untreue, Unfehlbarkeit und Fehlbarkeit des Erkennens ausgesetzt.

Die gottselige nächtliche Vereinigung indes hat Folgen. Helen wird mit einem Herkules niederkommen. Als sie ihres anderen Zustands gewahr wird, entlockt es ihr nicht wie bei Kleists Alkmene das berühmte „Ach!“, sondern ein Banville'sches „Oh!“. Da sagen wir dann nur: „Hm.“ ■

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