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Schöner gehorchen

27.07.2012 | 18:23 | Von Sabine Scholl (Die Presse)

Literarisch ist das Ding Müll, aber auch Müll enthält brauchbare Informationen über Geschlechterverhältnisse. „Shades of Grey“ und die lärmende Sadomaso-Debatte.

Wieso um alles in der Welt ist all das so unglaublich erotisch?“, seufzt Ana Steele, die junge Heldin des Bestsellers „Fifty Shades of Grey“, und wir seufzen mit. Seufzen über Orgasmen, diezu ihrer Auflösung „wie im Schleudergang der Waschmaschine“ führen, seufzen über ihre Anbetung des schönsten Mannes der Welt, natürlich Milliardär, der selbstredend nur sie allein begehrt und den sie als „Christian Grey“ anspricht, als sei er eine Edelmarke. Als Sohn einer Crackhure früh traumatisiert, hat der Traummann sich ein erotischesUniversum geschaffen, in dem er Fesselungs- und Sadomaso-Spiele treibt. Ana will Liebe, Grey will ihren Körper unterwerfen. Dieses Dilemma füllt 600 Seiten.

Aber es reicht nicht, nur über den Inhalt eines Buches zu sprechen, dem ein gewaltiger Lärm vorauseilt. Denn interessanter als der Text ist der Kontext, in dem er besprochen wird. Literarisch ist das Ding Müll, aber auch Müll enthält brauchbare Informationen über Geschlechterverhältnisse.

Dass „Shades of Grey“ Sex aus weiblicherPerspektive schildert und mit der Lust an Unterwürfigkeit spielt, hat es in den Fokus feministischer Diskussion gerückt, die fragt, woran es liegen kann, dass nun, wo sich die Unabhängigkeit von Frauen zumindest im westlichen Kulturkreis abzeichnet, weibliches Begehren alte Muster zelebrieren will.

Aber was steht tatsächlich in diesem Buch des Anstoßes? Nun, so viel sei verraten, es wird viel vorbereitet und verhandelt. Jungfrau Ana wird in diverse sexuelle Praktiken eingeweiht, erfährt die Unterschiede zwischen „miteinander schlafen“, „Sex haben“ und „ficken“. Es wird diskutiert, Wohnungen und Badezimmer werden beschrieben, E-Mails verschickt, Flüge first class geflogen, es wird Arnikasalbe auf ihren wund geschlagenen Popo gerieben. Die Beschreibungen der Figuren wiederholen sich unablässig. Ana hat ständig Haarprobleme, während Grey verstrubbelt dennoch super aussieht. Sie kaut dauernd auf ihrer Unterlippe; er befiehlt ihr, nicht zu kauen. Um das Gefühlsleben der Protagonistin darzustellen, verfügt die Autorin über genau zwei Kunstgriffe, die sie auch gerne exerziert: Anas Unterbewusstsein, das kursiv Kommentare abgibt, sowie eine „innere Göttin“, die je nach Stimmung Walzer oder Samba tanzt. So meint Ana nach der ersten Tracht Prügel: „Junge, Junge, ich hab's überstanden. So schlimm war es eigentlich gar nicht. Ich hab es souveräner über mich ergehen lassen, als ich dachte. Meine innere Göttin ist völlig überwältigt...“

Zwischen Champagnerflöten und Hubschrauberflügen wird gehörig viel Blümchensex gemacht und die strenge Kammer nur zweimal aufgesucht. Erstaunlich bei so viel Nacktheit ist der Mangel an Bezeichnungen für das weibliche Geschlecht. Während der Mann locker über Glied, Penis et cetera verfügen darf, wird die Frau bloß da, hier und dort berührt. Und bleibt somit im Rahmen des 19. Jahrhunderts beziehungsweise eines fantasierten 19. Jahrhunderts, aus dem die Autorin ihre Inspiration bezieht. Begonnen zu schreiben hatte sie das Buch nämlich als Spin-off der „Twilight“-Serie im Netz. Es ist also im Grunde eine Romanze, aufgepeppt mit Sex und der Überschreitung von Tabus wie dem gemeinsamen Benutzen einer Zahnbürste. Wow! Das Setting von Wolkenkratzer, Jet und Designermöbeln gibt sich zwar zeitgenössisch, die Dualität der Hauptfiguren und ihrer Erregungszustände weist jedoch in vergangene Zeiten. Ein Märchen also: Die Schöne und das Biest.

Märchenhaft ist selbst Anas sexuelle Erlebnisfähigkeit. Sie funktioniert perfekt und bricht stets sofort in Orgasmen aus, wo immer der Liebhaber sie auch berührt: Ferse, Brustwarze, Nabel, wumms, schon ist es um sie geschehen. Sowieso wird der weibliche Höhepunkt eher wie ein männlicher beschrieben. Ana muss sich sehr zusammenreißen, um nicht auf der Stelle zu kommen. Und zwar jedes Mal! Gut für sie. Warum nicht. Und warum sich nicht zusätzlichen Kick durch den Abschluss eines Vertrages verschaffen, der die Zurichtung des submissiven Körpers bis ins Letzte auch während sexfreier Zeiten regelt. Und warum nicht die zahlreichen Läden für Sextoys und Verkleidungen mitverdienen lassen. Seltsam nur, dass uns dies als neu verkauft wird, als hätte Madonna nie performt, als würde nicht die Haute Couture längst Anleihen am Sadomaso-Chic nehmen.

Sicher, im Laufe eines Ehe-Karriere-Eltern-Lebens verpasst man so manchen Trend auf dem Sexmarkt. Aber wer braucht ein Buch, um zu erfahren, welche Arten von Peitschen und Pelzhandschuhen es heutzutage gibt? Das Internet ist randvoll mit Angeboten solcher Art. Und es ist kein Zufall, dass ein im Internet entstandener Text sich von – übers Internet zugänglichen – Körperbildern leiten lässt. Nichts hat mehr zur Verbreitung pornografischer Fantasien beigetragen als das Internet. Diese Vorlagen erhöhen den Druck nach Perfektionierung der Körper und der Ausführung von sexuellen Szenarien. Denn um nichts anderes handelt es sich beim Vertrag zwischen dem dominanten Mann und der devoten Frau: Theater. Ein Regisseur, zwei Akteure. Ein Stück, in dem sich alles um die Frau dreht, eben auch der Strick. Denn nichts ist anstrengender, als ein Leben mit multiplen Liebesoptionen zu führen. Immer wartet noch ein weiterer Trend, eine weitere Spielart, die man ausprobieren soll, um das Leben auch in vollen Zügen zu genießen. Beschränkung jedoch enthebt der Verantwortung. Keine Entscheidungen treffen müssen. Nicht herumprobieren. Einfach Anweisungen befolgen. „Je mehr du dich unterwirfst, desto größer ist mein Vergnügen. Das ist eine sehr einfache Gleichung“, sagt Grey zu Ana. Fort mit dem ständigen Verhandeln, das zu einer für beide Seiten befriedigenden körperlichen Übung führen soll. Endlich feste Regeln. Endlich Halt. Endlich Bestrafung. Ein Theater aus Macht und Ohnmacht.

Zu diesem Schluss kommt auch die Feministin Katie Roiphe in ihrem Artikel „The Fantasy Life of Working Women“ in „Newsweek“: Macht erlangen und ausüben ist nichtimmer angenehm. Vielleicht wollen die Frauen nur manchmal Macht und manchmal eben nicht. Vielleicht wollen auch Frauen mit Berufen und Karrieren 50 Facetten haben wie der dominante Milliardär, und Gleichberechtigung muss nicht in jeder Lebenslage erstrebenswert sein. Für Roiphe ist das ein beängstigendes Signal. Für Bloggerin Avital Norman Nathman wiederum bedeutet Roiphes Artikel eine erneute Ansage in Richtung Lustfeindlichkeit, wie sie in ihrem Mamafesto-Blog schreibt. Sie plädiert für einen respektvollen Diskurs über die sexuellen Wünsche von Frauen.

Die Kontroverse erinnert an die deutscheFeminismusfront, wo der Schlagabtausch sich in den vergangenen Jahren meist auf eine Konfrontation Alice Schwarzer = Lustfeindlich vs. Charlotte Roche = Lust reduziert hat. Und tatsächlich gibt es in Roches Fixierung auf die Paarbeziehung um jeden sexuellen Preis eine Parallele zu „Shades of Grey“: „Ich frage mich, ob ich mich selbst verleugne, wenn ich das alles für ihn mache. Ich kann die Antwort in mir nicht finden. Ich traue mir alles zu. Dass ich mich selbst verleugne und es nicht merke, das ist wirklich möglich“, lautet die entsprechende Passage im Roman „Schoßgebete“. Auch bei Roches Büchern handelt es sich nicht um literarische Werke, sondern um Projektionsflächen, an denen offene Fragen weiblicher Lebensformen sich entzünden. Lust, Sex, Porno ja oder nein? Seit Andrea Dworkins PorNO-Kampagne oder Elfriede Jelineks „Lust“ steht das Thema zur Verhandlung. Die Antwort darauf trennt Generationen von Frauen. Sowieso hat sich die feministische Debatte auf Nebenschauplätze verlagert, da eine breite Diskussion fehlt, die verschiedenste weibliche Entwürfe und Interessen mit einschließen könnte. Alice Schwarzer aber ist die Päpstin einer veralteten Religion, der die Anhängerinnen längst abhandenkamen. Alice darf in den Medien Segen verteilen oder Verurteilungen aussprechen, lebt ansonsten aberauf einem Terrain, auf dem nichts mehr verhandelt wird. Und beschreibt damit die tatsächliche Position des Feminismus in der politischen Landschaft. Irgendwie da, aber irgendwie auch abgeschoben.

Unzulänglichkeiten weiblicher Lebensformen werden daher im eigenen Umkreis gern versteckt und Probleme dafür lieber in Kulturen der Dritten Welt entdeckt und beklagt, wie die nicht enden wollende Streiterei ums Kopftuch beweist. Wie sehr die Ablehnung des Tuchs lediglich die andere Seite von einheimischen Praktiken darstellt, habenChristina von Braun und Bettina Mathes in ihrer ausgezeichneten Studie „Verschleierte Wirklichkeit“ gezeigt. Um als besonders aufgeklärt zu scheinen, wird das Gebot zur VERhüllung dämonisiert und gleichzeitig derZwang zur ENThüllung des weiblichen Körpers im Westen verschleiert.

In ihrer Abrechnung „Alice im Niemandsland“, in der sie vor allem eine feministische Diskussion jenseits von Schwarzer anmahnt, stellt Miriam Gebhardt fest, dass sich die Hinwendung zur Optimierung des eigenen Körpers gerade zu einer Zeit verstärkt, in der junge Frauen bessere Berufschancen erhalten und dadurch unabhängiger von Männern werden. Umso größer sei die Gefahr, dass Geschlechterhierarchien stürzen könnten, umso wichtiger die erneute Grenzziehung zwischen männlich und weiblich. So ließe sich die Begeisterung um „Shades of Grey“ auch als Sehnsucht nach einfachen Schwarz-Weiß-Mustern lesen, als nostalgische Rückschau einerseits. Andererseits könnte man das Buch, wie die Soziologin Eva Illouz in ihrem Aufsatz „How Bondage Solves the Problem of Modern Love“ vorschlägt, auch als Utopie verstehen, in der das Geschlechterverhältnis bis ins letzte Detail bloß ein einziges Mal verhandelt wird.

In diesem Sinne wären nicht die Sadomaso-Storys pervers, sondern unsere jetzigen als „normal“ bezeichneten Beziehungen, die kompliziert, schwer vorherzusagen und zu kontrollieren sind. Sie erfordern einen enormen Aufwand an Verhandlungen über Grenzen und Territorien, ständige Diskussionen um die eigenen und die Vorlieben des Partners, die sich aber auch ständig ändern dürfen. Durch einen Bondage-SM-Vertrag gewännen die Partner Struktur, und eine Beziehung könnte, sobald beide Partner eingewilligt haben, endlich vollzogen werden. Ist es das? Die Perversion als Utopie? Und wieso um alles in der Welt ist das Gerede darüber so derart unerotisch? Seufze ich. ■

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