Wenn auch die Rede vom „Mythos Weimar“ allzu vollmundig klingt, so steht doch der Name der kleinen Stadt in der Mitte Deutschlands als Synonym nicht nur für „Deutsche Klassik“. In Weimar fand 1918 die verfassungsgebende Versammlung der ersten deutschen Republik statt, die dem jungen Staat den Namen gab. „Weimar Culture“ ist international ein repräsentativer Begriff für die künstlerische und geistige Vielfalt der 15 Jahre bis 1933.
Es waren Umstände, die man im Nachhinein „glückliche“ nennen kann, die das kleine, verschlafene Weimar groß gemacht haben. Ein Kleinstaat im sächsischen Thüringen. Durch Erbteilung waren die Nachfolgestaaten der Wettiner seit Beginn der Neuzeit immer winziger geworden. Jeder Nachkomme wollte sein eigener Souverän sein. So entstand im Laufe der Jahrhunderte neben Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg, Sachsen-Eisenach, Sachsen-Gotha, Sachsen-Meiningen auch Sachsen-Weimar, das zur Zeit seiner größten Ausdehnung kaum mehr als 100.000 Einwohner hatte und dementsprechend arm war. Das Herrscherhaus konnte sich keine aufwendigen Prunkbauten leisten. Wenn das Schloss abbrannte, hatte man kein Geld, es wieder aufzubauen. Die Herzöge mussten sich als Offiziere in größeren Armeen verdingen.
Für die Möchtegerndespoten gab es nur eine Möglichkeit, Geltung zu erlangen: durch Heirat. Die Bräute waren es denn auch, die Weimar Glück brachten. Anna Amalia, Prinzessin aus Braunschweig-Wolfenbüttel, zwar ohne große Mitgift, aber als Nichte Friedrichs II. von Preußen politisch gut vernetzt. Luise von Hessen-Darmstadt, die durch eine Abschlagszahlung des Zaren, der nicht sie, sondern ihre Schwester Henriette heiratete, für Carl August zur guten Partie wurde. Maria Pawlowna, die Schwester des Zaren Alexander, die den Aufschwung des Herzogtums im 19. Jahrhundert bewirkte. Und schließlich Sophie, Königstochter aus den Niederlanden, die mit ihrem Vermögen vor allem karitative Einrichtungen finanzierte, aber nach dem Tod des letzten Goethe-Enkels Privaterbin des Goethe-Nachlasses wurde und die nach ihr benannte, 144 Bände umfassende Goethe-Ausgabe veranstalten ließ.
Das war 120 Jahre, nachdem Anna Amalia der große Coup gelungen war. Als junge Witwe hatte sie in Wien die Vormundschaft für ihren unmündigen Sohn Carl August erwirkt – als Gegenleistung wurde sie vom Kaiser verpflichtet, ein Kontingent Soldaten gegen ihren Onkel im Dritten Schlesischen Krieg zur Verfügung zu stellen. Da sie keine Mittel zur Prunkentfaltung hatte, investierte sie wenigstens in die Erziehung ihres Sohnes. Sie verpasste ihm den gescheitesten Mann des Reiches als Lehrer. Christoph Martin Wieland hatte eben im 25 Kilometer entfernten Ausland, in Erfurt, einen Fürstenspiegel verfasst, mit dem er sich dem Wiener Hof als Erzieher empfehlen wollte. Dort aber galt er als zu frivol.
Ein junger Wilder namens Goethe
Eigentlich war Wieland für Weimar viel zu teuer, aber Anna Amalia dachte groß; schließlich gab ihr Onkel in Berlin das Vorbild ab, der Voltaire an seinen Hof geholt hatte. Wieland also kam nach Weimar – und hatte ausgesorgt. Denn für die Zeit nach der nur zwei Jahre dauernden Lehrtätigkeit hatte er sich eine gut dotierte Pension bis ans Lebensende ausgehandelt. Ob er ein guter Lehrer war? Jedenfalls gab er dem jungen Herzog indirekt einen Tipp, den dieser beherzigte, weil er hoffte, damit der graziösen Rokoko-Kultur, die seine Mutter pflegte und der er auch Wieland zurechnete, einen Streich zu spielen. Da gab es einen jungen Wilden, der eben ein Buch geschrieben hatte, das mit einem Schlag die bis dahin international nicht beachtete deutsche Literatur interessant machte: „Die Leiden des jungen Werthers“. Der 18-jährige Carl August nahm den acht Jahre älteren Goethe in sein Gefolge auf. Und es gelang ihm, den berühmten Mann für immer zu halten. Er ließ es sich – dem Wieland-Beispiel seiner Mutter folgend – etwas kosten, sodass Goethe etwaigen Versuchungen, an einen größeren Hof zu wechseln, widerstand. Wo hätte er so günstige Bedingungen für sich vorgefunden, die es ihm zum Beispiel ermöglichten, zwei Jahre ungestört in Italien zu verbringen? Denn was als „Flucht“ vor der Fron des Staatsdiensts in die Geistesgeschichte einging, wurde vom Herzog nicht nur geduldet, sondern auch finanziert.
Goethe zog andere nach Weimar nach, erst seinen alten Kumpanen aus Straßburger Studentenzeiten, Johann Gottfried Herder. Und dann Friedrich Schiller, mit dem er die „Deutsche Klassik“ erfand. Ein Wunder, dass der frische Wind im Weimarer Kleinstadtmief nicht abflaute. Alle drei wurden sogar durch Nobilitierung hoffähig.
Und so entstanden in diesem verlassenen Nest, für das der meistgespielte Bühnenautor der Zeit um 1800, der Weimarer August (von) Kotzebue, den Spottnamen „Krähwinkel“ erfunden hatte: die freien, großzügigen – bis heute trotz ihrer vorbildlich unverklemmten Art nicht populären – Romane und Verserzählungen Wielands; die Geschichtsphilosophie Herders, die die Grundlage des 19. Jahrhunderts schuf; die Dramen Schillers, die bis heute mit ihrer unverblümten Mordlust den Maßstab von Tragödie setzen; und Goethes Mannigfaltigkeit, die jede Generation, wenn sie sich auf ihn einlässt, aufs Neue in Erstaunen setzt.
Von Wieland animiert, konzentrierte sich Goethe nach 1806, in den letzten 25 Jahren seines Lebens, als die Gefahr der Auflösung des Herzogtums durch Napoleon infolge wiederum glücklicher Umstände gebannt schien, auf das Projekt „Weimar“ als geistige Hauptstadt Deutschlands. Wenn sich der Ruhm auch jahrzehntelang auf Schiller verlagerte, der dem nationalen Identifikationsbedürfnis mehr entsprach als der Kosmopolit Goethe. Der hatte aber eine Weiche gestellt, die die nationale Wertschätzung schließlich auf ihn konzentrierte, indem er seinem Vertrauten Eckermann zugestand, ihre Gespräche aufzuzeichnen und nach seinem – Goethes – Tod zu veröffentlichen. Sie wurden zum Hausbuch der Deutschen. So hat man sich seit fast 100 Jahren angewöhnt, vom Zeitraum 1770 bis 1832 als „Goethe-Zeit“ zu sprechen.
Maria Pawlowna unterstützte Goethes Projekt nach Kräften. Und ihr Sohn Carl Alexander versuchte, den Nimbus der Klassizität in seiner Zeit zu erneuern. Er berief Franz Liszt zum Hofkapellmeister. Wenn auch das Vorhaben eines Festspielhauses für Wagners „Ring des Nibelungen“ in Weimar aus finanziellen Gründen scheiterte, sicherte sich der Großherzog wenigstens die Uraufführung von Hebbels „Nibelungen“. Aus Wien konnte er Hebbel zwar nicht weglocken, aber seinen Nachlass bekam er doch nach Weimar. An der Weimarer Malerschule lehrten Lenbach, Böcklin, Liebermann. Ehrgeiziger ging es nicht, wenn auch jeweils nur für kurze Zeit. Der Großherzog erschrak vor der eigenen Courage und ließ die ihm nicht geheuren Künstler wieder ziehen.
Um 1900 kam es wiederum zu einem Aufschwung, ausgehend von Harry Graf Kessler, der die Kunst der Moderne in Weimar heimisch machen wollte. Mit dem Engagement Henry van de Veldes schien das für einige Jahre zu glücken. Van de Velde baute in Weimar für den siechen Friedrich Nietzsche die „Villa Silberblick“, in der dessen Schwester den Nimbus des Philosophen verfälschte. Der Architekt war im Umkreis Weimars so produktiv, dass der Freistaat Thüringen 2013 zur Feier seines 150. Geburtstages auf ihn das Hauptaugenmerk der landesweiten Tourismuswerbung richten wird. Kessler scheiterte, nachdem die von ihm vermittelte großzügige Schenkung einer Serie von erotischen Zeichnungen Auguste Rodins an den Großherzog als zu anstößig empfunden wurde.
Schließlich scheiterte auch das Bauhaus, 1919 von Walter Gropius gegründet, an fortschrittsfeindlicher Gesinnung, die ihren Ausdruck auch darin fand, dass in Weimar 1926 der erste Parteitag der NSDAP stattfand, dass hier die Hitlerjugend gegründet wurde, dass Weimar 1930 den ersten NS-Landeskulturminister stellte. Weimar, eine Lieblingsstadt Hitlers, sollte durch ein riesiges – unfertig gebliebenes – Gauforum in der Mitte der Stadt verunstaltet werden. 1937 wurde vor der Stadt das Konzentrationslager Buchenwald eingerichtet. Ewige Schande, die durch besonnte Vergangenheit und verklärende Gegenwart nicht getilgt werden kann.
Hanebüchene Vereinnahmungen
Annette Seemann, seit Jahren als Autorin über Weimar-Themen ausgewiesen, hat die Kulturgeschichte der Stadt in ihrem neuen Buch sorgfältig dargestellt und vielfach aus den Quellen belegt. Naturgemäß macht auch sie aus gedrucktem Papier geschriebenes, wie Egon Erwin Kisch über die produktiven Weimarer „Erbverweser“ höhnt, doch geht sie nobel mit ihren Vorgängern um, korrigiert deren Fehler stillschweigend. Der Darstellung der hanebüchenen Vereinnahmungen der Klassiker durch die „braune“ und „rote“ Zeit fügt sie als „bunte“ die Nachwende-Zeit an, die ihren ersten Höhepunkt im „Kulturhauptstadt“-Jahr 1999 fand.
Aus der Ferne hat man den Eindruck, dass die nach wie vor kleine Stadt mit derzeit 70.000 Einwohnern und das arme Bundesland Thüringen die Bürde der Verpflichtung „Weimar“ kaum zu tragen vermögen. Zwischen den Institutionen Klassik-Stiftung, Bauhaus-Universität, Musikhochschule, Nationaltheater und Stiftung Buchenwald behauptet sich ein sommerliches Kunstfest, seit 2004 und bis 2013 von der Wahlwienerin Nike Wagner mit einem anspruchsvollen Programm geleitet, das sich nicht nur mit dem Titel „Pèlerinage“ am Vorvater Liszt orientiert. Es bedarf glücklicher Umstände, um die Idee „Weimar“ nicht nur in den Köpfen, sondern auch an Ort und Stelle am Leben zu erhalten. ■

