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Kleinanleger der Liebe

10.08.2012 | 18:27 | Von Alexandra Millner (Die Presse)

Viel zu selten bekommt man einen neuen Text von Rosa Pock in die Hand. Das muss wohl damit zusammenhängen, dass die Autorin mit der Sprache sehr genau und damit zeitaufwendig umgeht.

Viel zu selten bekommt man einen neuen Text von Rosa Pock in die Hand. Das muss wohl damit zusammenhängen, dass die Autorin mit der Sprache sehr genau und damit zeitaufwendig umgeht. Denn Pocks Texte sind Kondensate philosophischer Gedanken, die sie in einen fein ziselierten Ton überführt, der meist trocken, klar und lakonisch daherkommt. Dies trifft auch auf zwei der drei Kurzprosatexte zu, die in dem schönen Bändchen „wir sind idioten“ abgedruckt sind.

In „anton und antonia“ erzählt Pock mit nüchternem Ton die Geschichte eines Paares, das vor dem II. Weltkrieg in der österreichischen Provinz zueinanderfindet. Trotz schwerer Schicksalsschläge bleibt es bei seiner Überzeugung, dem Gott, der sie füreinander bestimmt hat, ein Leben lang zu danken: „bis zur nächsten prüfung des herrn nimmt ihr leben den gewohnten gang.“ Es ist ihr unerschütterlicher Glaube, auf den bei jedem Unglücksfall nebenbei hingewiesen wird, und der Trotz, der darin anklingt, lässt die Geschichte von Hiob in neuem Licht erscheinen. Insofern ist die stark geraffte Familiengeschichte eine exemplarische Darstellung der katholisch geprägten Grundhaltung, wie sie für Österreich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts charakteristisch ist: „antonia versteht die welt nicht mehr, ihr glaube bleibt.“

In „paula und maria“ wird auf die Enkelgeneration fokussiert: auf zwei junge Menschen, die aus ungleichen, doch gleichermaßen zerrütteten Verhältnissen kommen und trotzdem zueinanderfinden. Ihre einzige Gewissheit ist ihre Liebe, ihr Halt, die Literatur und die Medien. Die vielen Fragen, die sich ihnen stellen, bleiben dennoch unbeantwortet, und der ewige Streit, der sie verbindet, kreist um das Thema Geld.

Die beiden Geschichten geben den Rahmen für einen Text ab, mit dem die Autorin literarisches Neuland betritt. Durch Wortumstellungen gelingt es ihr nicht nur, ihre Prosa zu verfremden und ihr eine lyrische Note zu verleihen, sondern auch, auf den gedanklichen Gehalt von Alltagsfloskeln aufmerksam zu machen. In dem titelgebenden Text „wir sind idioten“ wechselt Pock zur Darstellung der mittleren, der Nachkriegsgeneration und zur Ich-Perspektive. Ein weibliches Ich spricht darin ein männliches Du an, es hadert mit ihm, mit der Beziehung zu ihm und mit den Werten eines Lebens, das sich zwischen der Gott ergebenen Haltung der Eltern und der Welt des Postkapitalismus als Kampf darstellt. Somit sind den komplexen und widersprüchlichen Reflexionen über zwischenmenschliche Beziehungen globale Ereignisse wie Wirtschaftskrisen, Kriege und interkulturelle Konflikte eingeschrieben, die uns mehr beeinflussen, als wir wahrhaben wollen. Das zeigt Pock in einer Sprache auf, die von ökonomischen Parametern geprägt ist: „des nachtswir liegen gegeneinander zu bett und kleinanleger der liebe wir sind.“

Rosa Pock verwendet Familienkonstellationen als Versuchsanordnungen, um Grundfragen der menschlichen Existenz durchzuspielen. Damit verbindet sie den Unterhaltungswert ihrer Texte mit einem philosophischen Unterbau, der sich erst durch scheinbar banale Situationen mitteilt. So mancher Satz, den sie dabei findet, ist ein Kleinod, das einen nicht mehr loslässt. ■

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