Für den gläubigen Juden Gershom Gorenberg sind ultraorthodoxe und nationalreligiöse jüdische Siedler im Westjordanland Götzenanbeter und Fundamentalisten. In seinem scharfsinnigen Buch über Israel plädiert er für das Ende der Besatzung, vor allem aber für eine Trennung von Religion und Staat.
Der renommierte israelische Nahost-Experte Gorenberg ist ein orthodoxer Jude, der die Besatzungspolitik seines Landes kritisiert und vehement für eine Trennung von Religion und Staat eintritt. Das mag bei uns jene überraschen, die sich einen orthodoxen Juden in Israel entweder als radikalen Siedler im Westjordanland vorstellen oder als ultraorthodoxen Chassiden, der von staatlichen Beihilfen lebt. Viele gläubige Juden sehen jedoch gerade in der Verquickung von Religion, Politik und Staat eine Bedrohung des Judentums. Der Satz „Es gibt keine größere Herabsetzung der Religion als die Erhaltung ihrer Institutionen durch einen säkularen Staat“ stammt zum Beispiel von Yeshayahu Leibowitz (1903 bis 1994), einem orthodoxen israelischen Wissenschaftler und Philosophen, der einst zu den schillerndsten Intellektuellen Israels zählte. Leibowitz war es auch, der die israelische Besatzungspolitik schon 1967 als verbrecherisch und „nationale Katastrophe“ bezeichnete. Gorenberg kann man durchaus einen Schüler von Leibowitz nennen.
Sein neues Buch heißt im Original „The Unmaking of Israel“. Der deutsche Titel „Israel schafft sich ab“ ist unglücklich gewählt, erinnert er doch an Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Doch im Gegensatz zu Sarrazin ist Gorenberg ein luzider Denker, der seine Überlegungen zu formulieren versteht und der alle Fakten durch ein umfangreiches Quellenverzeichnis zu belegen weiß. Der in den USA geborene und vor 35 Jahren nach Israel ausgewanderte Gorenberg ist Zionist, aber er möchte sich mit den Entwicklungsfehlern und Demokratiedefiziten Israels nicht abfinden. Sein Buch ist eine scharfsinnige Analyse dieser Fehler und zugleich ein Plädoyer für eine andere Politik.
Eine seiner wichtigsten Thesen: Israelische Parteien, Behörden, sogar Regierungen verhalten sich oft immer noch so, als seien sie Teil einer Unabhängigkeitsbewegung, nur dass der Gegner nicht mehr die britischeKolonialmacht, sondern der eigene Staat und seine Gesetze sind. Dies betrifft vor allem Aktionen, die zur Errichtung und zu Erweiterungen illegaler Siedlungen im Westjordanland führen. Hatte es bis 1948 noch Sinn, neue Siedlungen an der Peripherie zu gründen, um die Bevölkerung im Kernland zu verteidigen und Grundlagen für einen überlebensfähigen Staat zu schaffen, so war dieselbe Politik in den besetzten Gebieten nach 1967 falsch und unmoralisch. Die Verhältnisse hatten sich grundlegend geändert. Das Ziel, einen jüdischen Staat aufzubauen, war längst erreicht. „Wehrdörfer“ wurden nicht mehr benötigt.
Die alte Ideologie und Mentalität waren jedoch geblieben. „Der Siedlungsbau war ein zionistischer Wert“, schreibt Gorenberg. „Nun gab es neues Land, das besiedelt werden konnte. Die Uhren waren zurückgestellt. Wie in vorstaatlichen Tagen hatte die Sache Vorrang vor dem Gesetz.“ Man wandte juristische Tricks an, um palästinensisches Land zu enteignen. Minister „agierten wie Rebellen“ und unterschlugen Gelder ihrer eigenen Ressorts, um jüdische Siedlungen zu finanzieren, die auch nach israelischem Recht illegal waren.
Was Regierungen der Arbeiterpartei in den 1970er-Jahren begonnen hatten, verfolgten rechte Politiker wie Menachem Begin, Ariel Scharon oder Benjamin Netanjahu umso konsequenter. Viele illegale Siedlungen werden, wie Gorenberg nachweist, sogar heute noch vom Staat unterstützt.
In einem historischen Abriss schildert Gorenberg die Ereignisse vor und nach 1967. Neben der Diskriminierung der arabischen Minderheit in Israel und der Besatzungspolitik ist ihm dabei die Macht religiöser Gruppen ein Dorn im Auge. Wie der Fundamentalismus im Islam oder im Christentum ist die jüdische Ultraorthodoxie als Reaktion auf die moderne, säkulare Welt entstanden. Laut Gorenberg hätte ein gläubiger Jude in der Schtetl-Welt Osteuropas die religiösen Gesetze nie so streng ausgelegt wie die „Charedim“, die Ultraorthodoxen, heute. Er hätte einen Beruf ausgeübt, anstatt sein Leben lang als Talmudstudent von Sozialhilfe oder anderen Zuwendungen zu leben. In staatlich finanzierten religiösen Schulen werden zwar Thora und Talmud gelehrt, aber kaum allgemeinbildende Fächer unterrichtet. So wachsen weitere Generationen von Sozialhilfeempfängern heran.
Ultrareligiöse Abgeordnete dienten im Parlament stets als Mehrheitsbeschaffer. Der erste Ministerpräsident, Ben-Gurion, ließ keine Trennung von Staat und Religion zu. „Ich will, dass der Staat die Religion fest im Griff behält“, hatte er verkündet. Gorenberg zeigt, dass es nun genau umgekehrt ist. Gefährlicher als die Charedim sind für ihn nationalreligiöse Gruppen, „deren zentraler Glaubensgrundsatz die jüdische Beherrschung desalttestamentarischen Landes Israel ist“. Ihre Ansicht, Land und Staat Israel wären heilig, sei jedoch nicht jüdisch, sondern eine Pervertierung des Glaubens – „Götzendienst“. Land und menschlichen Institutionen sei keine Heiligkeit zuzumessen.
Für Gorenberg widerspricht der AraberHass, ja, die ganze Ideologie der rechten Fanatiker, traditionellen jüdischen Werten oder kehrt diese gar ins Gegenteil um. Dass diese religiösen Ideologen die Armee unterwandern und nun sogar einen großen Teil des Offizierskorps stellen, macht ihm Angst. Wird eine solche Armee noch bereit sein, einem Räumungsbefehl von jüdischen Siedlungen im Westjordanland Folge zu leisten?
Fazit: Die Besatzungspolitik und die Machenschaften religiöser Ideologen zerstören die israelische Demokratie, verhindern Frieden in der Region und machen das zionistische Projekt zunichte. Trotz all dem ist Gorenberg kein Pessimist. Er zeigt, wie sich die israelische Zivilgesellschaft organisiert, um für einen liberaleren Staat zu kämpfen, oder wie der Oberste Gerichtshof immer öfter unrechtmäßige Entscheidungen aufhebt. Vielleicht lässt sich ja die „Abschaffung“ Israels noch aufhalten? Gorenbergs Plädoyer für einen säkularen Staat und für einen vollständigen Abzug aller jüdischen Siedler aus der Westbank ist nachvollziehbar. Die Frage nach der Zukunft Jerusalems klammert er jedoch leider weitgehend aus, genauso wie er die Fanatiker der „Gegenseite“ kaum erwähnt, etwa die Hamas, die Hisbollah und andere radikale Gruppen, die einem dauerhaften Frieden im Weg stehen. ■