Der Krieg sei der Vater aller Dinge, sagte Heraklit. Oder meinte er vielmehr den Streit, die Dialektik von Für und Wider, die nicht nur das Denken, sondern alles Handeln produktiv macht? Das altgriechische „polemos“ kann beides heißen, Krieg und Streit.
Gräuel und Grauen der Kriege haben die überlebenden Leidtragenden von jeher zur Weitergabe ihrer Erfahrungen gedrängt. Sie wollten ihrem Entsetzen Ausdruck verleihen, künftigem Wüten Einhalt gebieten oder wenigstens lauthals Warnungen aussprechen für die Nachwelt. Und wenn es auch immer wieder zur Kriegslust kam: Wer weiß schon, wie viele martialische Auseinandersetzungen durch diese Warnungen verhindert wurden?
Gewiss wollte der altersweise gewordene ehemalige Landsknecht Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der sich als Gastwirt und Bürgermeister am Oberrhein niedergelassen hatte, mit seinem 1668 erstmals gedruckten „Abentheuerlichen Simplicissimus Teutsch“ zunächst vor allem einen währschaften, unterhaltsamen Schelmenroman nach spanischem Vorbild unter die Leute bringen. Das gelang ihm so glänzend, dass sich der Ruf des pikaresken Fabulierbuchs wie ein Lauffeuer verbreitete und bald schon das fröhliche Raubdrucken anhob.
Indes, als der wahre Vater von Grimmelshausens literarischem Gipfelwerk muss der Krieg gelten: Europas erster Kontinentalkrieg, der drei Jahrzehnte lang das Land verwüstete und die Lebenskräfte des Erdteils nahezu vollständig aufzehrte. Das Heilige Römische Reich verlor damals mehr als ein Drittel seiner 15 Millionen Einwohner. Überall türmten sich Leichenberge, verbreiteten sich Seuchen, wurde gemordet, geraubt, geplündert und gebrandschatzt. Wer von der wütenden Soldateska nicht auf den Schlachtfeldern sein Leben ließ, zog mit den marodierenden Horden durch die Dörfer, quartierte sich bei Bauern ein und versetzte die Landbevölkerung derart in Furcht und Schrecken, dass viele hinter die Mauern der Städte flohen. Dort machten sich aus Mangel an Raum und Hygiene Pest und Cholera breit.
So erschütternd und grausam war dieser Dreißigjährige Krieg, ein Weltensturz, dass sich das Herz Europas auch 20 Jahre danach, als Grimmelshausen mit dem Pfunde seiner Erfahrungen dichterisch wucherte, nicht vollständig erholt hatte. Eine „konstituierte Anarchie“ hat Hegel den Westfälischen Frieden genannt, und inmitten von Kriegschaos und nachfolgender Unordnung durchpflügte der 1622 geborene Dichter seine halsbrecherisch abenteuerlichen Lehr- und Wanderjahre.
Er hat alles erlebt, was er später als eine Naturgeschichte der menschlichen Abgründe und Torheiten geschildert hat: Bosheit und Rohheit des Soldatenlebens. Das Fluchen, Schreien, Morden, Plündern, Huren. Die Prügelszenen, Zechgelage, Betrügereien im Heerlager. Das Gemetzel im Feld. Die verstümmelten Leichen, stöhnenden Verwundeten, herumirrenden Frauen und weinenden Kinder.
Als Trossbub im Landsknechtlager
Bereits mit zehn Jahren gehörte er als Trossbub zum kaiserlichen Heerhaufen, lernte er das wüste Wechselspiel im Lands-knechtlager kennen, musste er die Erstürmung und Plünderung seiner Heimatstadt Gelnhausen miterleben. Später trat er auch schon einmal, dem wechselnden Kriegsglück folgend, zur schwedischen Partei über. Quer durch die deutschen Lande verschlug es ihn. Von 1638 an kam er als Musketier, später als Regimentsschreiber bei einem kaiserlichen Regiment im Badischen unter; zu Kriegsende 1648 indes tauchte er in Bayern, auf der Festung Wasserburg am Inn, wieder auf.
Schließlich, im letzten Lebensjahrzehnt, wird von dem belesenen Schriftsteller die Ernte dieses so unbeständigen, unerschütterlichen Lebens eingeholt. Um die über und über mit Erlebnissen und Erfindungen, mit Anekdoten, Schwänken, allegorischen und lehrhaften Exkursen beladene Geschichtenfuhre sicher durch alle Krümmungen und Abweichungen des Erzählwegs zu steuern, wird als Zentralgestalt der reine Tor Simplicissimus auf den Kutschbock gesetzt: ein namen-, herkunfts- und besitzloser Waldbub, der in den Kriegswirren heranwächst und ebenso anmutig wie vertrauensselig gleichsam einen bäuerlichen stupor mundi, das Staunen der Welt, verkörpert.
Er ist, ein derberer Parzival, eine inmitten von Erdenlust und Welterkundung nach Erkenntnis strebende, Erlösung suchende Seele, die mit den spanischen Schelmen kaum mehr als die Fährnis einer Lebensfahrt quer durch die Niederungen menschlicher Gemeinschaft gemeinsam hat.
Indes, wie liest sich diese überquellende Lebenschronik? Ist sie im Original noch genießbar? Gleich zu Beginn irrt Simplicius, getreu den traumatischen Erfahrungen seines Urhebers, nach der Einäscherung des elterlichen Hofs als halbverwilderter Zehnjähriger allein durch den Wald und versteckt sich in einem hohlen Baum, von wo aus er einen Einsiedler beim Gebet belauscht. Noch klingt die religiöse Diktion fremd in seinem Ohr. Im Original heißt das: „Es waren mir nur Boehmische Doerffer / und alles ein gantz unverstaendliche Sprach / auß deren ich nicht allein nichts fassen konte / sondern auch eine solche / vor deren Selzamkeit ich mich entsetzte.“
Eine „ganz unverstaendliche Sprach“ ist, wie man aus dem Beispiel ersieht, das barocke Deutsch des Verfassers noch nicht geworden. Aber der 340 Jahre breite Graben, der uns davon trennt, ist ohne Brückenschlag mittlerweile selbst für den geschulten Leser über weite Strecken kaum mehr zu überqueren. Diese Brücke, lang gefordert, gibt es nun, und sie ist so halt- wie betretbar: Der Übersetzer Reinhard Kaiser hat sie, als Neufassung des Romans in heutiger Erzählersprache, kühn und einfühlsam angefertigt, sodass es nun über die Gebetsworte ganz zügig lesbar heißt: „Für mich waren sie nur Böhmische Dörfer und eine ganz unverständliche Sprache, die ich nicht nur nicht begreifen konnte, sondern deren Seltsamkeit mich auch erschreckte.“
Nun kann man auch wieder in voller Pracht ermessen, welch unverwüstlich vitales, vielfarbiges Geschichtenrankwerk aus diesem ersten großen deutschen Entwicklungsroman sprießt. Der gebeutelte Held schlägt sich auf seiner Lebenswanderung über alle Wirrnisse und Unbilden seiner missliebigen Zeit hinweg zu einer Weltwahrnehmung durch, die von einer höheren Weisheit erfüllt ist. Es ist der Mut eines unverfälschten Selbstvertrauens, das gleichsam im Schmelzofen der Geschichte zur Ichstärke zurechtgegossen wird.
Hinaus ins feindliche Leben
Besprengt mit den christlichen Grundlehren des bald schon verstorbenen Einsiedlers (der, wie sich später zeigt, sein leiblicher Vater war), zieht Simplicius hinaus ins feindliche Leben. In Hanau rauben ihn Kroaten und machen ihn zum Trossbuben – ganz so, wie es dem jungen Grimmelshausen widerfahren war. Um zu überleben, stellt er sich naiver, als er ist, immer wieder: Einfalt als Tarnung. Das verschafft ihm den nötigen Abstand, um sich sein eigenständiges Urteil zu bilden: „Alle hielten mich für einen unwissenden Toren, und ich hielt alle für gescheite Narren. Und wenn ich mich nicht irre, hält man es überall in der Welt so, denn mit dem eigenen Verstand ist jeder stets zufrieden.“ Simplicius' Einsicht dagegen, mit der er sich früh schon als Weltmensch zu erkennen gibt: „Hinter den Bergen wohnen auch Leute.“
Das ist natürlich unverkennbar das Urteil des gereiften Autors: Grimmelshausen kannte sich aus in der Welt, weil er ihren Versuchungen nicht ausgewichen war. Zudem hatte er sich die reichhaltige Narrenliteratur aus der literarischen Überlieferung eingeflößt. Alles meldete: Das meiste am Tun der Menschen ist aus der Nähe besehen nur Selbstsucht und Eitelkeit. Dem hielt er beharrlich den Narrenspiegel vor. Er wusste, dass nur wenige Dinge Bestand haben und es verdienen, dass man mit heißem Herzen dafür kämpft: Freundschaft zum Beispiel. Charakterfestigkeit. Treue. Auflehnung gegen Unrecht und Verrat.
Liebe schon weniger, da war das Frauenbild der Zeit zu einfältig und verzerrt: Nahezu alle erotischen Verwicklungen des Helden sind entstellt durch männliche Prahlsucht und vorgeblichen weiblichen Unverstand. Immerhin, so geschickt stellt sich Simplicius an, dass ihn das Geschick bis Paris verschlägt, wo er das erotische Glück auf Französisch genießt, was damals freilich hieß: peinvolle Krankheit, gezeichneter Körper, entstelltes Ich.
Indes, er rappelt sich auf. Im Unterholz der Gesellschaft schlägt er sich mit Betrügern, Marodeuren und Banditen herum, bis ihn Fortunas Wege auf eine Wallfahrt in die Schweiz führen: Inmitten von Frieden und Wohlstand glaubt er das Schlaraffenland gefunden zu haben, wofür dort allerdings schon damals viel mitgebrachtes Geld nötig war. Auf den lichten Höhen des Schwarzwalds versucht er sich, dem Beispiel seines Vaters folgend, als Einsiedler. Hier geht der kecke Realismus von Grimmelshausens Erzählkunst zwischendurch ins Fantastische über, ins Abergläubische, Spukvernarrte, um den unsteten Helden in einer Fortsetzung des Romans nur umso wagemutiger ins Weltgetümmel zu stürzen.
Schiffbruch vor Madagaskar
In acht Tagen begibt er sich zu Schiff die Donau entlang von Ulm nach Wien, wo er erneut, wenn auch nur kurz, in Kriegsdienste tritt. Schließlich gelangt er mit den im Mantelfutter eingenähten Dukaten eines Wohltäters bis zu den ägyptischen Pyra-
miden, wo er – für uns gar nicht unzeit-
gemäß – von Seeräubern gefangen und in den Häfen des Roten Meers zur Schau gestellt wird. Freigekauft erleidet er zusammen mit einem Zimmermann vor Madagaskar Schiffbruch, und nun beginnt der Autor kurz vor dem Ende der geschilderten Abenteuer die schlichtweg fantastische Geschichte einer Robinsonade avant la lettre zu entwickeln: ein Seemannsgarn, gesponnen 50 Jahre vor dem Robinson Crusoe des Daniel Defoe.
Immer wieder auf seiner so unerschöpflich abwechslungsreichen Pilgerschaft hält Simplicius inne und, so heißt es dann, „dachte über die Torheit und den Unverstand der Welt nach“. Um sich meist nur allzu rasch wieder den dringendsten irdischen Bedürfnissen zuzuwenden: „Mein Herz war bei den Knackwürsten.“
Der Leser des „Simplicissimus“ erhält beides, im Übermaß: mit der Narrenschelle eingeläutete, nachdenkliche Welterkundung und erzählerisch-deftige Hausmannskost, zubereitet vom ehemaligen Gastwirt „Zum Stern“ im Weiler Renchen nahe Baden-Baden.
Unübertroffen bleibt die Empfehlung von Thomas Mann, niedergeschrieben zu Kriegsende vor 55 Jahren für eine schwedische Ausgabe. Sie ist, als Warnung vor dem Krieg, in einem Europa in Frieden heute mindestens ebenso gültig wie damals: „Es ist ein Literatur- und Lebensdenkmal der seltensten Art, das in voller Frische fast drei Jahrhunderte überdauert hat und noch viele überdauern wird, ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du, zerknirscht am Ende und gründlich müde einer in Blut, Raub, Wollust sich vergeudenden Welt, aber unsterblich in der elenden Pracht seiner Sünden. Europa ist heute wieder in der rechten seelischen Verfassung für dieses Buch. Es bildet dafür eine große erfahrene Lesergemeinde.“ ■