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Tingeln durch teure Quartiere

30.10.2009 | 16:32 | Von Wolfgang Müller-Funk (Die Presse)

Ernst Wilhelm Händler bietet in der „Welt aus Glas“ alles auf, was hip ist: New York, teure Kunst, lesbische Liebe, kalten Machismo, das große Geld, mexikanische Kidnapper... Kritische Anmerkungen zu einem Roman der Stereotypien.

In Händlers neuestem Buch gibt es ein Kapitel, das „Die Vermessung der Welt“ lautet. Einen intertextuellen Verweis nennt man das im literaturwissenschaftlichen Fachjargon. Es gibt seit einigen Jahren einen neuen Trend in der deutschsprachigen Literatur. Ich möchte ihn, der oben erwähnten Anspielung folgend, nach seinem erfolgreichsten Proponenten als „Kehlmannisierung“ bezeichnen. Saubere, geglättete, handwerkliche gekonnte, zumeist traditionell erzählte Literatur, eine Literatur der Mittelklasse für die letzten Areale des Lesens: Bahn, Flugzeug und Strand, knapp oberhalb des Trivialen. Das reicht für die entsprechende Auflage und die Anerkennung der zünftigen Kritik, die Händler seit einigen Jahren als literarischen Erben Musils, Brochs und Canettis abfeiert. Ob Letztere jemals einen so banalen Satz zuwege gebracht hätten wie diesen: „Die Augenpartie und die Backenknochen deuteten auf ihren mexikanischen Ursprung hin.“ Oder etwa jenen: „Für Jacobs dehydrierten Körper hatte das Gehirn die Notbremse gezogen.“

Literarisch haben die eher prüden Texte Kehlmanns mit der weltmännisch taxierenden Erotik von Händlers jüngstem Roman, in dem der männliche Protagonist immer schon weiß, was Frau will, wenig gemeinsam. Aber in einem Punkt gibt es ungeachtet der Unterschiede Gemeinsamkeiten. Was uns seit einigen Jahren als vorbildlich vorgeführt wird, ist problemlose Literatur, problemlos im Erzählstil, problemlos in der Gewandtheit der Präsentation, problemlos aber vor allem darin, dass es kein wirkliches Problem oder Anliegen gibt, kein thematisches, kein ästhetisches.


Männliche Kälte des Erzählstils

Zwei Besonderheiten kommen diesem professionellen Typus von Literatur der Mittellage, wie er bei Händler vorliegt, zupass, die manieriert männliche Kälte seines Erzählstils und die unwahrscheinliche Langweiligkeit, mit der der als ätzender Kritiker des Turbokapitalismus gepriesene Autor sex and crime vor dem Publikum ausbreitet. Die Grenzen zwischen Populär- und Hochkultur haben sich verschoben, ja mehr noch, sie beginnen sich aufzulösen.

Was geschieht? Während Jacob Arnost, Mitbesitzer einer sündteuren New Yorker Glasgalerie, zusammen mit einer faden Millionärsgattin in den Händen einer mexikanischen Entführergruppe schmachtet, tingelt seine Gattin Jilian durch die teuren Quartiere von Mailand und Venedig, um sich wertvolle Glaskollektionen unter den Nagel zu reißen, sich in unverschämt teuren Lokalen mit einflussreichen zynischen Geschäftspartnern zu treffen oder sich mit neuester Mode („das rote Kleid“) zu versorgen.

Natürlich stehen umtriebige geschäftliche Aktionen mit siebenstelligen Dollarsummenauf der Tagesordnung und Jilians E-Mails und Voice-Mails gehen in die Hunderte, wenn nicht Tausende. Am anderen Ende der Welt wird zwischen den Entführern und den Angehörigen der Entführten undurchsichtig verhandelt – wieder geht es um die Virtualität von Millionen.

Schöne neue reiche Welt. Während Jilians Betrügereien am Ende aufzufliegen drohen, kann sich ihr Gatte schließlich dem Zugriff seiner Häscher entziehen. Am Ende dreht sich der Reigen von Geld und Liebe. Das Paar, das nie eines war und auch nach der Trennung eines bleibt, findet Rettung in Gestalt eines Millionärs und einer Millionärin. Neue Partnerschaften sind im Werden. Am Ende meint es das Kalkül gut mit dem Gefühl und umgekehrt. Beinahe endet es wie im Märchen.

Händler füllt die Seiten in gefällig-modischem Schmock, gespickt mit amerikanischen Wortfloskeln, gängigen Markennamen und übergewichtigen Anmerkungen zu Tiffanyglas oder Piante grasse und zum Zeitbegriff der alten Azteken. Der Roman, in dem sich Affirmation mit Zynismus miteinander vermischen, liest sich über weite Strecken so, als sei er einem Seminar mit dem Titel „Wie schreibe ich einen Bestseller?“ entsprungen. Das macht schon das Eingangskapitel sinnfällig, wenn Jakob und seine Begleiterin, die Architektin Madeline, sich auf der Flucht vor ihren mexikanischen Verfolgern befinden: „,Good-bye Tijuana!‘, Jacob Arnost schrie in den Fahrtwind.“ Was da nachgestellt wird, kennt jeder aus dem Film. Der Autor erfüllt die selbst gestellte Herausforderung, eine solche Filmsequenz literarisch umzusetzen, durchaus achtbar. Aber der Film kann das eben besser, so, wie man, literarisch gesprochen, als kritischer Leser das amerikanische Original (zum Beispiel Roth, Auster, Hustvedt) besser findet als die Händler'sche Kopie, die stets unter dem Übermaß an Fremdbildlichkeit leidet.

Es wimmelt in der „Welt aus Glas“ nur so von stereotypen Figuren, und der Automatismus der Stereotypie klickt sofort ein: Natürlich ist die Mexikanerin Pilar eine geile, hinterlistige Schlampe, der Partner Chuy ihr gewalttätiges und korruptes männliches Pendant, Madeline ein verwöhntes New Yorker Luxusweibchen, die italienische Filmdiva Rita Moroni, zeitweilig Liebesgespielin der Protagonistin, ist maliziös, die venezianischen Aristokraten, die wir schon von Henry James kennen, sind hochmütig, Jilian ist eine eiskalte, geldgierige lesbische Person und Jacob, eben der „suave guy in a tight spot“ (wie er sich selbst vor dem analen Akt etikettiert), der erfahrene Liebhaber mit dem unglücklichen Geschäftsgebaren, dem es zuweilen dämmert, „dass die Idee des Guten“ „nicht im Ficken“ bestehen kann. Etwas von männlicher Wehleidigkeit und Melancholie blitzt bei diesem muskulösen Schwächling zuweilen auf. Wie in den „neusachlichen“ Romanen der 1920er- und 1930er-Jahre sind die Männer die Verlierer der Glitzerwelt einer unverschämten kapitalistischen Kultur. Im Gegensatz zu den Figuren Kästners, Falladas und Roths allerdings auf höchstem ökonomischen Niveau.

Alles, was derzeit „hip“ ist, wird in Händlers Roman aufgeboten: New York, die mondäne Welt angewandter teurer Kunst, die „kriminelle“ Grenze zwischen den USA und Mexiko, grausame mexikanische Kidnapper, das große Geld und die exklusiven Fetische des Kapitalismus, lesbische Liebe, kalter Machismo, alte italienische Männer (so alt wie die Kultur, die sie repräsentieren), die niemals jung waren, dafür aber unermesslich reich sind. Auch ein Hauch von Bush und Berlusconi darf atmosphärisch nicht fehlen. Boshaft gesprochen ist der Roman ein integraler Bestandteil dessen, was er beschreibt. Unübersehbar ist er verliebt in die eigene Romanwelt.

Nach ihrem „Tod“, erkennt Jilian, dass sie in ihrem ersten Leben ein „egoistisches Arschloch“ gewesen ist. Aber zugleich hat sie das Gefühl, gar nichts mehr zu sein. „Leben und Tod, Liebe und Hass“ sind aus der Mode gekommen, heißt es im Gespräch mit ihrem neuen Mann. „Überschwang, Seligkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit sind nicht cool.“ Solche Diagnosen konnten wir bei Milan Kundera bereits in den 1980er-Jahren lesen, nur ungleich plastischer, präziser, feiner, ironischer.

Stereotypie ist ein Verfahren, das Gemeinsamkeiten zwischen Autor und Publikum abruft. Gerade auf diesem Einverständnis basiert Händlers jüngstes Buch. Ein amerikanisches Publikum würde sich über derlei Amerika-Klischees bestenfalls amüsieren. Aber das ist, was dem Roman wirklich fehlt, die Brechung durch Ironie, Witz und Humor; sie sind das Salz, das Stereotypien genießbar macht. Händlers Roman ist nicht ironisch, sondern geschwätzig. Der Autor scheint nicht zu wissen, wie gefährlich und verfänglich das essayistische Metier ist, in dem der überraschende Einfall leicht in angestrengte Hochstapelei und Faselei umschlägt.


Angestrengte Aphorismen

Eine Kostprobe: „Das Geld dagegen prahlte mit seiner Ungerechtigkeit. Damit, dass es von vornherein nie auch nur versuchte, den Menschen, den Dingen oder den Gedanken der Menschen gerecht zu werden. Alles, was nicht in die Bestimmung des Geldwerts eines Dings, eines Menschen, eines Gedankens einging, war nicht. Das Geld tauschte den Tod gegen das Leben und das Leben gegen den Tod.“ Diese Paraphrase von Marx und Baudrillard ist nicht einmal halb wahr, was so schlimm nicht sein müsste, wenn sie wenigstens originell wäre. Stattdessen wird sie breitgetreten. Es gibt viele solcher angestrengter Aphorismen im Wortkosmos dieses Romans, über das Glas, die Azteken, das Geld, den Sex und überhaupt die ganze Welt.

Mann und Frau sind im Roman nicht nur äußerlich getrennt; Milano und die mexikanische Grenze liegen ebenso weit auseinander wie das Leben der beiden Hauptfiguren Jilian und Jacob, und was verboten ist in diesem Roman, das ist jedwede Form des Tragischen, verbunden mit dem Pathos, wie viel Kälte der Mensch in Kauf zu nehmen bereit ist. Das gilt für die Sexszenen, die heute im Roman scheinbar unverzichtbar geworden sind, wie auch für die gespreizten Gespräche in Restaurants und Hotelbars. Dass hierbei männliche Überlegenheitsfantasmen obwalten, gehört zum Grundton des Romans. Jilian und Jacob führen ein Leben im Nebeneinander, das für beide beinahe letal endet. Das hätte womöglich ein Thema abgeben können. Stattdessen surft der Roman behände im symbolischen Meer der Hypermoderne und fischt sich aus ihm Prachtstücke heraus so wie das Glas, das – da ist eben des Guten zu viel – mit den grünen Augen der gerissenen Kunsthändlerin und mit der Kälte der Kultur des Geldes korrespondiert. „In der Glaskunst gibt es keine Porträts.“ Wie die gläsernen Objekte, Kunstgebilde ohne die Aura des Authentischen, sind die zweidimensionalen Romanfiguren in Händlers Roman synthetisch, zweite Natur, „Medien“, Oberflächen.

Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass hier eine Analyse mit literarischen Mitteln vorliegt, die den Zynismus dieser Kultur mit einem zynischen Nein konterkariert. Aber dazu ist dieser ausufernde Roman viel zu selbstgefällig, und er verleiht jenen Stimme und Perspektive, die den unverschämten Lebensstil der Superreichen repräsentieren. Zu den Zumutungen dieser Art von Romanen und Filmen gehört, dass sie uns zu Empathie mit menschlichen Figuren nötigen, die diese nicht recht verdienen. Die, die außerhalb dieser Welt stehen, haben dabei ebenso wenig eine eigene Stimme wie jene Mexikaner(innen), die mit unverhohlen kolonialem Blick betrachtet werden: als exotische Objekte oder als Halbmenschen.

Symptomatisch gelesen ist dieser Roman indes eine anregende Lektüre. Dabei geht es nicht um die Verdammung der Unterhaltsamkeit, wie wir sie von Hermann Broch oder Theodor W. Adorno kennen, sondern um die Frage, ob eine Literatur noch möglich ist, die mehr will als Literatur wie diese. Ist der Anspruch an die Literatur maßlos, der ihr einen Erkenntnisanspruch und -zugewinn zuschreibt, der verlangt, uns zu zeigen, was wir vielleicht übersehen haben: dass es – unter der Oberfläche – doch noch seelische Mechanismen und vertrackte gesellschaftliche Widersprüche gibt und nicht nur bösartige leichte flotte Sprüche? ■


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