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Das elektrische Herz

30.10.2009 | 16:32 | Von Peter Stephan Jungk (Die Presse)

„Das Bewusstsein, dass du nur lebtest, weil ich schlug, raubte dir den Schlaf. Du sorgtest dich, du hattest Angst. Berechtigte Angst, wie wir beide bald erfahren sollten.“ Beginn eines Romans.

Ich und du, wir beide haben zweimal das Licht der Welt erblickt – das erste Mal, als wir zwanzig Jahre alt waren. Das zweite Mal vor nicht allzu langer Zeit – über drei Jahrzehnte später. Du hörst mir zu. Endlich hörst du auf mich. Du bist aufmerksam. Du zeichnest auf, was ich dir zuflüstere, einsage, vorschlage, woran ich dich erinnere. Du verleihst mir deine Stimme. Ich werde dein Zumurmler sein. Wir leben. Ich und du, wir haben überlebt. Unsere Eltern reisten mit uns durch die Welt, von Amerika nach Europa, von Europa zurück nach Amerika. Sie suchten nach einem Zuhause. In unserem sechsten Lebensjahr ließen sie sich endgültig in Wien nieder.

– Endgültig? Davon kann keine Rede sein.

– Wer erzählt nun unsere Geschichte? Du oder ich?

– Du. Ich werde, wie vereinbart, unsere Geschichte von dir geflüstert hören und sie so aufschreiben, Wort für Wort, wie du sie mir diktierst.

Ich flüstere also: Unsere Eltern verließen Amerika. Sie fürchteten, du könntest ihnen fremd, ein forscher Businessman mochte aus dir werden, der kein Wort seiner Muttersprache verstünde, dem die Herkunft seiner Vorfahren eher peinlich wäre, denn zum Stolz gereichte. Trotzdem steckten sie dich in Wien in eine amerikanische Schu-
le. Du wuchst zweisprachig auf. Wir wa-
ren elf, ich und du, da schulten sie dich um. Du musstest die idyllische International School verlassen und das altehrwürdige Gymnasium am Beethovenplatz besuchen. Neben dem Haupteingang war eine fleckig-beige, an den Rändern brüchige Steintafel angebracht, die darauf verwies, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und Stefan Zweig hätten hier ihre Matura absolviert. Angstjahre folgten: Vor einer tyrannischen Professorenschar, wie aus dem späten neunzehnten in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts herübergerettet. Deine Noten blieben konstant mangelhaft, du warst immer gefährdet, ein Schuljahr wiederholen zu müssen.

Die ersten Sommerferien nach der Umschulung verbrachtest du
in einem hochgelegenen Graubündener Dorf,wohntest in arvenholzgetäfelten Räumen mit Blick auf ein ansehnliches Schloss und die Bergspitzen rundherum,auf denen auch den Sommer über Schnee lag. Der süße Holzduft dort ist mir noch deutlich präsent. Im Nachbarort gab es ein geheiztes Schwimmbad, du gingst täglich dorthin, selbst bei Schlechtwetter; Vaters rüstiger Cousin Arnold brachte dir das Vom-Brett-Springen bei, und du bist oft gesprungen, immer und immer wieder. Du schafftest es nicht, es gelang dir kein einziges Mal, den alten Herrn zufriedenzustellen. Du schlucktest lauwarmes Wasser in großen Mengen. Wir wurden krank, du und ich. Wir wurden beide sehr krank.

– Fasse dich kürzer, oder willst du mir ein ganzes Buch diktieren?

– Vielleicht solltest du unsere Geschichte doch lieber selber erzählen...

– Es war dein Wunsch, wenn ich dich daran erinnern darf, meine Lebensgeschichte nachzuerzählen.

– Augenblicke aus meiner und deiner Lebens- und Leidensgeschichte zeichne ich nach. Mehr nicht.

– Und wen, außer dich und mich, soll das aufwühlen oder gar erschüttern?

– Jeden, der je gelitten hat. Oder leiden muss. Oder je leiden wird.

– Unser Leiden hielt und hält sich doch in Grenzen.

– Es war schlimm genug. Der Tod rückte nah und näher.

– Mach nur weiter. Unbedingt du. Wenn ich mich auch frage, was du im Schilde führst.

– Du wirst meine Gründe verstehen.

– Wann werde ich... deine Gründe verstehen?

– Nicht heute. Nicht morgen.

– Du machst mich neugierig. Erzähle weiter.

Du hattest dich im geheizten Schwimmbecken infiziert. Du bist vor Schmerzen im Rücken, in den Schultern, im Nacken beinah ohnmächtig geworden, hast gewimmert, bei jedem Schritt. Du konntest den Kopf nicht mehr senken. Rheumatisches Fieber hatte dich und mich gepackt.

In der zweiten Hälfte des Sommers bereitete Vater den auch heute noch als weitsichtig geltenden Politthriller „Die Meute“ vor, mit Marcello Mastroianni in der Titelrolle des Industriellen Mannoia, angesiedelt in der Wollbekleidungsindustrie Umbriens; bei großer Hitze besichtigtet ihr am Stadtrand von Perugia eine Fabrik für Kaschmirpullover. Dir war inmitten der tausend tickenden Strickmaschinen so elend zumute, dass du kaum gehen, kaum noch stehen konntest. „Würdet ihr heute sterben“, hast du den Eltern zugeflüstert, „ich legte mich gerne neben euch. Um auch zu sterben.“ „Ich darf und werde jetzt nicht sterben“, hat Mutter dir geantwortet, „ich erwarte nämlich ein Kind. Du bekommst eine Schwester, vielleicht einen Bruder!“

Ein Arzt in Perugia – wie vielen Ärzten sind wir im Leben bisher begegnet? Hundert? Hundertfünfzig? Zweihundert? – verschrieb Höchstdosen Penizillin, du durftest das Hotel nicht mehr verlassen. Zweimal am Tag kam eine herbe Krankenschwester in das stickige, mit dunkelgrünen Holzläden verdunkelte Zimmer im fünften Stock, um dir Spritzen zu geben.

Ich höre die besorgten Stimmen unserer Eltern, unserer Ärzte, deine mutlosen Fragen, die bis heute in mir nachhallen, erinneremich an die Warnung des alten Schweizer Kinderarztes, den Vater und Mutter am Endejenes Sommers konsultierten. „Das Rheumatische Fieber leckt an den Gelenken, beißt aber das Herz“, murmelte Alfons Chiari. „Lange nach Ende der akuten Infektion können Vernarbungen im Bereich der Herzklappen mit daraus resultierenden Beeinträchtigungen der Herztätigkeit auftreten. In Zukunft muss selbst bei harmlosester Erkrankung, sogar bei einem länger anhaltenden Schnupfen, sofort Penizillin verabreicht werden, oder?“ Wobei dieses „Oder?“ nicht als Frage, vielmehr als nachdrückliche Bestätigung des Gesagten gemeint war. „Und ab sofort“, setzte er hinzu, „darf am Turnunterricht nicht mehr teilgenommen werden. Höchstens Schonturnen ist gestattet, oder? Das Herz darf ja nicht wieder überanstrengt werden, mindestens bis ans Ende der Entwicklungsjahre, wenn nicht gar darüber hinaus.“

Nach diesem Katastrophensommer kam deine und meine Schwester Vivien zur Welt, ein kerngesundes Wesen,elf Jahre jünger als du...

– Verzeihe mir, wenn ich dich wieder unterbreche. Ich schlage vor, die Zeit bis zur Entdeckung deines leisen Geräuschs etwas knapper zusammenzufassen.

– Deine Hast raubt mir die Lust am Erzählen. Nur mit der Ruhe. Warum willst du immer verknappen? Deine Leser haben mehr Geduld als du.

– Meine Leser sind mit Sicherheit etwas verdutzt. Sie verstehen nicht, von wem du sprichst, wenn du „wir“ sagst. Wen du meinst, wenn du „ich“ sagst. Wen du meinst, wenn du „du“ sagst.

– Unsere Leser werden mich verstehen. Sorge dich nicht.

– Ich sorge mich.

Das Turnverbot erniedrigte dich, du
warst dem Gespött deiner Mitschüler ausgesetzt, wurdest in den ersten Jahren nach unserer Erkrankung als Klassentrot-
tel behandelt. Ich entsinne mich des hämischen Gelächters der ganzen Schulklasse nur allzu gut. „Wer keinen Sport treibt, ist minderwertig“, rief man dir zu, noch Mitte der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts.

Erst Jahre später sollte sich das Blatt wenden, denn du, nur du konntest die Texte der Beatles, der Rolling Stones, der Kinks, Troggs, Monkeys und Herman's Hermits verstehen und übersetzen. Mit einem Mal erlebtest du die Wertschätzung deiner einstigen Peiniger. Du hättest deinen neuen Status gerne länger ausgekostet, aber wenig später übersiedelten wir nach Berlin. Vater war eine Regie-Professur an der Filmakademie angeboten worden, er sagte zu – froh darüber, die verhasste Donaustadt, in der der gebürtige Triestiner nie heimisch geworden war, hinter sich zu lassen.

– Siehst du. Also von endgültigem Niederlassen in Wien konnte keine Rede sein.

– Sei nicht rechthaberisch. Das tut dir und mir nicht gut.
– Außerdem: West-Berlin. Die Mauer trennte ja noch den West- vom Ostteil der Stadt. Wenn du nur Berlin sagst, könnte man auf die Idee kommen, wir hätten im Osten gelebt, als Freunde des Ulbricht-Regimes.

– Haarspaltereien.

– Ich darf dich doch von Zeit zu Zeit korrigieren?

– Du darfst alles. So war es seit unserer Geburt.


In Berlin störte es niemanden, dass du nicht turntest. Unsportlichkeit galt an der Rudolf-Steiner-Schule, im Stadtteil Dahlem, als progressiv-revolutionäre Grundhaltung. Deine neuen Mitschüler mochten dich so, wie du warst, fanden deinen Wiener Sprachklang allerdings lachhaft. Beinahe jedes Wort brachte sie zum Kichern, verführte zum Spott. Du hast deinen Akzent über Nacht abgelegt, ihn abgetötet, kein weicher Klang entglitt dir mehr. Du gabst ab sofort hochdeutsche Neutralsprache von dir. Noch etwas missfiel ihnen: Du seist viel zu unpolitisch, warfen sie dir vor, kein bekennender Kommunist. Weder Trotzkist noch Maoist, weder Bolschewik, Leninist noch Titoist. In Wien war dir das Gegenteil vorgehalten worden – Vater galt als Sympathisant, wenn nicht gar Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs, obwohl er das gar nicht war. Man warf John Stein seine Reisen in die Sowjetunion vor, die er wiederholt unternahm, um bei Filmfestivals sein Œuvre vorzustellen und dabei öffentlich für atomare Abrüstung und gegen eine Neu-Aufrüstung des Westens zu plädieren.

Zu Beginn der Berlin-Zeit: eine Klassenreise. Im Bus neben dir und mir Florentine Junghans.

– Felicitas. Sie hieß Felicitas...

– Felicitas?

– Felicitas Junghans gab mir den ersten Zungenkuss meines Lebens.

– Und du hast sie zurückgeküsst, hitzig, unwissend, ungeschickt. Ich begann so rasch zu pochen wie nie zuvor. Zu schnell, ich schlüge viel zu schnell, beklagtest du dich an jenem Abend, im tiefen Teutoburger Wald, in der übel riechenden, heruntergekommenen Jugendherberge nahe dem grässlichen Hermannsdenkmal.

Von der Klassenreise zurückgekehrt, hast du dich dann auch bei unseren Eltern ausgeweint, ihnen von meinem heftigen Klopfen und Hämmern berichtet. Dabei tat ich doch bloß meine höchste Pflicht. Vor allem vor dem Einschlafen spürtest du mein Trommeln, mein Flattern, ich hielt dich oft stundenlang wach. Danach hast du mir jeden Abend vor dem Einschlafen, an jedem Morgen beim Aufwachen denselben Vorwurf gemacht, jahrelang: Das Bewusstsein, dass du nur lebtest, weil ich schlug, raubte dir den Schlaf, ob du auf dem Rücken lagst, auf der Seite, oder auf dem Bauch, ganz gleich ob eingerollt oder ausgestreckt. Du sorgtest dich, du hattest Angst.

Berechtigte Angst, wie wir beide bald erfahren sollten: Zwei Berliner Ärzte hörten unabhängig voneinander ein deutliches Geräusch, als sie mich auskultierten. Sie vermuteten einen Geburtsfehler. Hielten Spätfolgen des Rheumatischen Fiebers für denkbar. Ich kannte den Grund für deine Zustände, du aber hörtest noch nicht auf mich, auf meine Zeichen, auf mein Flüstern, warst noch unfähig, mich wahrzunehmen.

– Darf ich dich einen Moment unterbrechen?

– Unterbrich mich einfach. Spiel nicht auf höflich.

– Du behauptest, ich hätte auf dein damaliges Flüstern, deine Zeichen nie geach- tet. Kein Tag verging, in den folgenden vier, beinahe fünf Jahren, an dem ich nicht mehrmals in der Stunde meinen Puls fühlte. Ich drehte den Unterarm nach oben, legte die Mittelfingerspitze an die Gelenksunterseite meiner rechten Hand – und richtete den Blick auf die Armbanduhr. Zählte, wie oft du in fünfzehn Sekunden schlugst, multiplizierte das Ergebnis mit vier. Du hast nie langsamer als neunzig bis hundert Mal in der Minute geschlagen. Normal sind sechzig bis siebzig Schläge.

– Und bei Elefanten? Was ist bei Elefanten normal?

– Wie kommst du jetzt auf Elefanten? Fünfundzwanzig bis dreißig Mal in der Minute. Bei Walfischen selbst bei Anstrengung nur achtzehn Mal. Je größer das Lebewesen, desto langsamer.

– Und bei Kanarienvögeln?

– Tausend Mal.

– Dann sind doch hundert Schläge pro Minute nicht so schlimm?

– Ich bin doch kein Kanarienvogel. Dein Rasen quälte mich ohne Unterlass.

– Mein Tumult? Mein Aufruhr? Das tut mir leid. Schon damals hätte man dich und mich jener Untersuchung unterziehen müssen, die mit Sicherheit feststellt, ob ein Geburtsfehler vorliegt, oder nicht.

– Du hast recht, mein Herz...

– Wolltest du etwas hinzufügen?

– Ich trieb an der Berliner Schule zwar nicht Sport, bekam aber dreimal in der Woche den seltsamsten Unterricht erteilt, der sich denken läßt: Eurythmie. Sichtbar gemachte Sprache und sichtbar gemachter Gesang. Jedem Buchstaben des Alphabets entsprachen festgelegte Bewegungen, jedem Ton der Tonleiter ebenso. In choreografischen Gruppeninszenierungen trugen sowohl die Jungen wie die Mädchen lange, ungemusterte farbige Gewänder und Schleier. Faszinierend peinlich. Bewegungen in den sechs Raumrichtungen, überlagert von wallenden Gebärden der Arme, je nach Tönen, Intervallen, Lauten, in der Verknüpfung untereinander vielfach variiert... ■


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