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Schepp oder: Alles nicht so schlimm

06.11.2009 | 15:43 | Von Jochen Jung (Die Presse)

Die Rache der toten Ehefrau: Polityckis „Jenseitsnovelle“.

Wenn ein Autor gleich in den ersten Sätzen eines Buches ebenso demonstrativ wie augenzwinkernd sein Können vorführt, lehnt man sich noch ein bisschen mehr zurück, ahnend, dass hier der Genussleser angesprochen wird: Matthias Politycki zeigt vom Fleck weg, wie er Töne, Farben, Atmosphären mischen kann, mal beiläufig, häufiger pointiert, immer effektsicher. Da treffen dann gleich zu Beginn auf knappem Raum Wörter wie zart, dezent, gelbgold und seidenbezogene Sitzmöbel auf Glatze, faulende Gladiolen, Operation, Urin. Das und der feste Indikativ im zweiten Satz, wo die Grammatik einen Konjunktiv verlangt – da spürt man schon, dass sich etwas zusammenbraut, das signalisiert, was dann prompt kurz darauf gewiss ist: Doro, Schepps Ehefrau, die der da morgens an seinem Schreibtisch findet, ist tot, um nicht zu sagen: mausetot.

Schepp riecht es, wenn er auch nicht gleich weiß, ob es das faulende Gladiolenwasser ist oder gar Doro, geborene Dorothee Wilhelmine Renate Gräfin von Hagelstein, die ihn da nach 29 Ehejahren verlassen und dabei auch ein weniges unter sich gelassen hat. Schepp ist naturgemäß bestürzt, vor allem, wenn er, an den Gliedmaßen der Verstorbenen herumdrückend, sehen muss, wie sich der Mensch verfärbt und wie er steif wird, ja wie er überhaupt an Ansehnlichkeit verliert, wenn ihn der Tod ereilt hat.

Ja, „voller Ehrfurcht atmete Schepp den Geruch des Todes“, was so formuliert an dieser Stelle nur heißen kann: Du, lieber
Leser, musst diese Ehrfurcht auf keinen Fall teilen; schmeck's lieber nach, wenn dir etwa gesagt wird: „Genau dort drückte er seine Lippen auf ihre kalte Haut; wo auf der an-deren Seite sein Lieblingsleberfleck saß.“ Und so weiter? Mitnichten. Dr. Hinrich Schepp, Sinologe, Fachmann für altchine-sische Philologie, hat sich zuzeiten auf die Doro, Fachfrau fürs „I Ging“, kapriziert, als diese ihm anhand von Böcklins „Toteninsel“ erzählte, wie sie sich den Tod denkt, nämlich als einen dunklen, tiefen See. Neinnein, Doro meint es ernst, in dieses Jenseits-Wasser muss man rein, um dort ein zweites Mal zu sterben, ungern natürlich, denn bis zum andern Ufer schafft es niemand. Der einzi-ge Trost ist es, am Ufer zu warten, bis auch der andere gestorben ist, um dann gemeinsam hinauszuschwimmen und ebenso gemeinsam unterzugehen, endgültig. Und Doro verspricht, auch wenn sie die Jüngere ist, auf Schepp zu warten. Schließlich liebt sie ihn.

Das ist die zweite Ebene, die dritte aber liefert der Text, den Doro sterbend vor sich hatte, daran herumredigierend: eine Erzählung, die Schepp vor Jahren schrieb und nicht zu Ende brachte, eine Wirtshaus- und Liebesverfallsstory, von Ghostwriter Politycki verfasst in einer Tonlage, die sich als eine Art schwache Früher-Arno-Schmidt-Parodie als Gegensatz zum Geklöppelten der eigentlichen Geschichte inszeniert und aufführt wie ein kleiner Kulturschock, ganz so, als käme derart erst Schepps Eigentliches zum Vorschein. Egal, erzählt wird jedenfalls von einem, der, wie einst Professor Unrat, in einer Bar einer Bedienung ganz und gar verfällt, und Doro zeigt in ihrem Kommentar, den sie in ihren letzten Stunden noch verfasst hat – Schepp kann nicht anders, Schepp muss ihn lesen und kann's nicht leugnen –, dass das natürlich nichts anderes als die Geschichte seiner eigenen Untreue ist, die er da geschrieben und nun abermals vor Augen hat. Und was er auch zur Kenntnis nehmen muss, ist, dass ihm seine Frau all seine Heimlichkeiten nicht nur mit präziser Kenntnis des Verlaufs auf seine Augen drückt, sondern dass sie sich, ohne dass er auch nur das Geringste davon gemerkt hätte – nun gut, alles soll hier nicht vorweggenommen werden. Nur so viel noch, dass Doro ihm knallhart klar macht, was für einen „Möchtegern-Mann“ sie da jahrzehntelang an ihrer Seite hatte.

Ja, Schepp ereilt die Wahrheit über sein vertanes Leben, und es ist kein Wunder, jedenfalls in diesem Buch nicht, dass alles das Schepp auf seine tote Frau so wütend macht, „dass er sie hätte erschlagen oder ihr sonst etwas zuleide tun können“.

Und was hat all das ausgelöst? Schepps Augenoperation, die seine 20 Dioptrien weglaserte und ihm mit einem Mal sein Leben scharf stellte. Und ist auch alles wahr? Ach, leider nicht, der Autor findet da am Ende einen ganz konventionellen Schlenker. Und wie ernst soll man das alles nehmen, schließlich sind Tod und verratene Liebe das Thema? Nicht allzu sehr, nicht ernster jedenfalls als der Autor selbst, am besten grad so viel, wie es braucht, um mit Vergnügen bei der Sache zu bleiben. Denn darum geht es, und gewiss nicht um „bedrückende Dichte“, wie der Klappentext meint. Eher schon um berückende.

Wobei einem freilich Matthias Polityckis Könnerschaft sehr hilft. Er versteht es, die Erzählung novellenhaft zügig voranzutreibenund ihre Wirkungen präzise zu kalkulieren. (Umso erstaunlicher, dass gegen Ende eine verlorene Füllerkappe auf dem Boden gesichtet wird, die 80 Seiten vorher schon auf den ihr zugehörigen Füller geschraubt worden war – egal.) Den Könner Politycki selbst verliert man nur selten aus dem Blick – vor allem durch das Schmock- und Schmunzel-, bisweilen sogar Scherzkekshafte (ich sage nur: die Fliege!). Immer wieder macht er auf sich und seine Einfallskünste aufmerksam. Nichts Schlimmeres soll uns jedoch passieren in diesem Bücherherbst als ein Autor, der uns das Schlimme mit so viel Unterhaltungswitz zu servieren versteht. ■


Matthias Politycki liest am 9. November um 19 Uhr in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Wien I, Herrengasse 5.


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