Wir sind das Volk“, skandierten vor 20 Jahren die Deutschen im Osten und ertrotzten mit unablässigen Aufmärschen und Versammlungen etwas, was unmöglich schien: ihre friedliche Befreiung aus dem eingemauerten Unrechts- und Spitzelstaat. Der Funke Freiheit, der sich nicht mehr ersticken ließ, saß in den Köpfen der zunehmend Unbeherrschbaren fest und setzte ihre Füße in Bewegung.
In den Köpfen saß dieser Funke Freiheit auch dank einem Kultur- und Bildungssystem, das entlang den aufklärerischen Leitlinien von Rousseau bis Kant und den dar-aus geformten pädagogischen Maßgaben Humboldts dem einzelnen weniger das Konkurrenz- als vielmehr das Autonomieprinzip nähergebracht hatte: Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung. Immerhin enthält Kants Begriff der Autonomie neben dem frei entscheidenden, der Vernunft folgenden Subjekt auch den Nomos, das nach diesem Postulat geformte Ordnungsgesetz, das zum allgemeinen Prinzip erhoben werden kann – und sich als Solidarität bewährte: „Wir sind das Volk“ hieß das dann.
Der viel geschmähte Bildungskanon der aufklärerischen deutschen Klassik – schwer vorstellbar, dass sich ohne ihn der Aufbruch aus Kirchen und Pfarrhäusern, aber ebenso aus Schulen und Theatern so friedfertig und zugleich so eigenmächtig vollzogen hätte. Mit dem emanzipatorischen Grundgesetz von Kants Selbstbestimmung des Individuums waren damals auch Schiller und sein ästhetisch-erzieherischer Freiheitsappell geistig im Lager der Demonstranten. Kaum ein Autor war in deutschen Theatern hüben wie drüben häufiger auf seine Gegenwartstauglichkeit befragt worden als er. Das Prinzip der in Geschichte versteckten Zeitkritik hatte man dabei vom Dichter selbst übernommen: Schon Schiller hatte die Probleme seiner Zeit – Selbstbestimmung des Einzelnen, Aufstand des Volks gegen Fremdherrschaft, Rebellion gegen die Hybris von Macht und Machthabern – in historische Stoffe gehüllt. In den gut gehaltenen Theatern des Ostens, die neben den Kirchen meist die einzigen Versammlungsorte gemeinsamer Reflexion bereitstellten, erreichten die Aufführungen den Wert geistiger Grundnahrungsmittel, während sie am reich gedeckten Unterhaltungstisch des Westens oft nur zu den flambierten Nachspeisen zählten.
Unzweifelhaft zeigte sich dort vor zwei Jahrzehnten wie zuvor schon: Das Wort Schillers bewährt sich in voller Tragweite vor allem in Zeiten der Unterdrückung. Dieser Deutsche ist der politischste Dichter, den sie im Talon haben. In all seinen Bühnenwerken tobt der Kampf um gerechte wider ungerechte Herrschaft, gegen Gewalt, Despotie und anbefohlene Unmündigkeit, aber auch zunehmend der Disput um die Legitimation des Widerstands Einzelner wie – später – des Volks. Ihr Grundstoff ist der Antagonismus von gewaltsamer Entrechtung und naturrechtlich begründeter Befreiung. Im „Wilhelm Tell“, dem Schauspiel vom Aufstand eines ganzen Volkes, wird aus dem Mund Werner Stauffachers emphatisch jenes Widerstandsrecht beschworen, das Schiller gegen Kant geltend machte: „Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht, / Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, / Wenn unerträglich wird die Last – greift er / Hinauf getrosten Mutes in den Himmel / Und holt herunter seine ewigen Rechte, / Die droben hangen unveräußerlich / Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst – / Der alte Urstand der Natur kehrt wieder.“ (Der spätere Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg hatte einst als Schüler begeistert die Rolle gespielt. Im Dritten Reich ließ dann Hitler höchstpersönlich 1941 das einstmals gefeierte „Vaterlandsstück“, in dem, wie er einwandte, „dieser Schweizer Heckenschütze verherrlicht wird“, für Bühnen und Schulen verbieten.)
Schillers Begriff der Freiheit stand nie ein für allemal fest, sondern entwickelte sich schubweise entlang seiner lebensgeschichtlichen Erfahrungen, die ihn aus der traumatisch erlebten Willkür der Macht an der herzoglich-württembergischen Militärpflanzschule in die Verantwortung als erfolgreicher Schriftsteller im Umkreis des Weimarer Hofs und in den Ruhm als Ehrenbürger der Französischen Revolution führte, für die er zunächst Begeisterung, später freilich, nach der Enthauptung des Königs und dem Schrecken des jakobinischen Terrors, nur mehr Abscheu empfand. Oder, wie Goethe es nach des Dichters Tod Eckermann erklärte: „Durch alle Werke Schillers geht die Idee der Freiheit, und diese Idee nahm eine andere Gestalt an, sowie Schiller in seiner Kultur weiter ging und selbst ein anderer wurde. In seiner Jugend war es die physische Freiheit, die ihm zu schaffen machte und die in seine Dichtungen überging; in seinem späteren Leben die ideelle.“
Wie sehr ihm diese ideelle Freiheit auch in seinen reifen Mannesjahren – in Jena und Weimar – „zu schaffen machte“, kann man nun in einer lang erwarteten, doch noch rechtzeitig zur 250. Wiederkehr von Schillers Geburtstag am 10. November erschienenen Studie über „Friedrich Schiller und die Politik” nachlesen. Verfasst hat sie der 91-jährige Doyen der Schiller-Forschung und Emeritus der Münchner Germanistik, Walter Müller-Seidel. Nicht nur wird hier den Höhenwegen der Schiller-Exegese in den vergangenen 80, 90 Jahren, aber auch ihren tiefen Abstürzen ins nationalistische Geröll nachgegangen. Vor allem wird abermals und nachhaltig das über Generationen hinweg von der Schulbildung errichtete Marmorbild des idealistischen Klassikers vom Sockel gestoßen, der fern von den politischen Umstürzen seiner Zeit vorwiegend an seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“ samt den dazugehörenden Balladen gesessen sei. So mag manchem der Programmatiker Schiller erscheinen, der ein wirkungsmächtiger Propagandist seiner – nicht zu allen Zeiten wirklichkeitsnahen – Theorie vom Spielcharakter der Künste war. Der Dramatiker Schiller indes war Realist, und er war dies in einem Ausmaß, wie es nur eine hellwache Auseinandersetzung mit den epochalen zeitgeschichtlichen Ereignissen seiner kurzen Lebensspanne – er wurde nur 46 Jahre alt – zuließ.
Unablässig drängte Schiller vor allem mit seiner Dramenkunst auf politische Wirkung, auf Veränderung durch Ästhetik. Spätestens seit dem Ausbruch der Französischen Revolution und ihren blutigen Folgeereignissen ist er beständig im Wandel, wie Müller-Seidel feststellt. Sein Band fasst bisheriges Wissen beeindruckend dicht zusammen: „Diese außerordentliche und stürmische Zeit, die der Menschlichkeit des Menschen vieles schuldig blieb, reflektiert Schiller in seinen literarischen Werken in dieser Zeit. Sie fördern einen Geschichtspessimismus von großartigem Ausgriff zutage, der aus seinem dichterischen Weltbild, seit der ,Wallenstein‘-Trilogie, nicht mehr wegzudenken ist.“
Napoleons Aufstieg schließlich brachte Schiller in stürmische Opposition zu der rücksichtslosen Eroberungspolitik des Korsen und dessen Entwicklung zum imperialen Usurpator. Er sah darin – ungleich zu Goethe, Herder und dem ganzen neutralen Weimar, die zumindest vorübergehend der Magie der Macht und dem Charisma einer weltgeschichtlichen Führergestalt erlagen – den Missbrauch politischer Herrschaft verkörpert, „eine Entzauberung menschlicher Größe“ (Müller-Seidel) und die Wiederkehr eines tyrannischen Herrschaftstypus. In der französischen Besatzungszeit entwickelte Schiller eine geheime Widerstandsdramatik, die bei Aufführungen der „Jungfrau von Orleans“ und des „Wilhelm Tell“ vom Publikum ganz so verstanden wurde. Schon Wallenstein hatte versichert: „Es soll nicht von mir heißen, dass ich Deutschland / Zerstücket hab, verraten an den Fremdling.“
Die „dunkle Total-Idee“, von der Schiller geheimnisvoll im Zusammenhang mit dem Kampf der Johanna von Orleans gegen die Invasoren schreibt, ist wohl die Konterbande jener radikal gewordenen Ästhetik des Widerstands, die im unvollendet gebliebenen „Demetrius“, dem Drama über die angemaßte Zarenwürde eines Hochstaplers auf dem russischen Thron, gipfelte: Als Schiller daran schrieb, krönte sich Napoleon in Paris gerade zum Kaiser. Sein Vorhaben hatte der Dichter so formuliert: „Ein großes, ungeheures Ziel des Strebens, der Schritt vom Nichts zum Throne und zur unumschränkten Gewalt. Der Effekt des Glaubens an sich selbst und des Glaubens anderer. Demetrius hält sich für den Zar, und dadurch wird er's.“
Safranski freilich meint in seiner gewohnt flüssig und episodenreich geschriebenen „Geschichte einer Freundschaft“ zwischen Goethe und Schiller, „Demetrius“ als Künstlerdrama lesen zu müssen. Es wird Zeit, dass sich herumspricht, welch hart an die politischen Realitäten seiner Gegenwart geknüpfter Zeitdiagnostiker Schiller, der Weltbürger im Vaterland und Wegbereiter einer Psychologie der Macht, war. ■
