Unsichtbarer Abgrund
Der Schriftsteller H. schenkte mir einmal eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie, die ihn als jungen Gerichtssaalberichterstatter in einem Schwurgerichtssaal zeigt. Vor dem Richtertisch mit Kruzifix und Aktenbergen harrt mit blassen und angespannten Zügen der Angeklagte. Dieser Richtertisch stellt zugleich einen unsichtbaren Abgrund dar, voll unermesslicher Tiefe. Ob vor dem Gesetz schuldig oder unschuldig, der hier auf diesem Platz zitternd Wartende begreift sofort, dass er in höchster Gefahr schwebt. Deshalb war es verwunderlich, dass der Angeklagte, ein schlanker, gut aussehender Dreißigjähriger, überaus gefasst, ja ausgesprochen gelassen wirkt; ganz im Unterschied zu allen anderen Prozessbeteiligten, die seltsam verloren und geistlos im dicht gefüllten Raum herumstieren. Dagegen die stolze Erhabenheit und Sorglosigkeit im ganzen Wesen des Angeklagten.
Dieser Angeklagte ist niemand anderer als Konrad Meßnitzer – sofort erkannte ich ihn auf der etwas verblichenen Fotografie wieder. Seinetwegen war damals in den Fünfzigerjahren ein kleines Bauerndorf im Weinviertel in Aufruhr geraten. In der Bevölkerung gab es leidenschaftliche Stimmen für ihn und gegen ihn. Eine umstrittene Figur, die später zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist. Nichts besonders Spektakuläres; es gab nur am Rande vereinzelte Gerüchte, die den Fall mit anderen Gewichten maßen. Aber ein Gerücht ist nur ein Gerücht. In Wahrheit war Meßnitzer völlig unschuldig. Man betrachte in Ruhe die alte Fotografie: Er strahlt größte Zufriedenheit aus, einer, der alle Abgründe und Dunkelheiten überwunden hat. Völlig unschuldig! Die Tathandlung, die zur Anklage und letztlich zu seiner Verurteilung geführt hatte, hatte nämlich einzig und allein seine Mutter begangen. Ja, sie war die Täterin, hatte ihren Ehemann, ein ausgesprochenes Krispindel, nichtsdestotrotz ein elender Tyrann, mittels Gift beseitigt. Meist weiß ohnehin die halbe Dorfgemeinschaft um solch problematische Verhältnisse, wo dann sogenannte Familientragödien vorgezeichnet sind – aber was immer im Laufe der Zeit sich zusammenbraut, gerade diese engsten Mitwissenden schweigen eisern. – So wurde der Sohn ohne Widerspruch als Täter akzeptiert, die Verurteilung durch das Gericht war dann nur eine Formsache.
Und Meßnitzer nahm mit überzeugender Entschlossenheit alle Schuld auf sich. Und lud natürlich eine fürchterliche Last auf sich, denn er wusste zugleich, dass er nicht die schwere Bürde der Mutter aus der Welt schaffen konnte. – Doch vor dem Richtertisch gab er sich gelassen, hin und wieder etwas nachdenklich, zerstreut; mit gefrierenden Blicken – unsichtbar für die anderen. Und doch war im Innersten der Seele diese zur Schau getragene Unerbittlichkeit ein einziges Fiasko. Aber was zählt das schon? Die Mutter war eine sterbenskranke Frau. Schon Gott nahe. So drückte man sich vorsichtig aus. Und der Sohn scheinbar dem Teufel nahe. Scheinbar. Aber wo es um Schwäche, um Qualen, um Wahnsinn geht, da glaubt fast jeder an irgendeinen Gott, gerade eben in diesen dunkelsten Stunden. Es ist vermutlich dieses direkte Gegenüberstehen, dieses Schauen von Angesicht zu Angesicht, was selbst das verstockteste Herz öffnet und ein Klammern an eine letzte Hoffnung bewerkstelligt.
Ich mag diese uralten verblassten Fotografien. – Konrad Meßnitzer hat mich lange Zeit beschäftigt. Über seine Mutter weiß ich – bis auf Kleinigkeiten – nicht das Geringste; – oft, eigentlich immer, sind es die Mütter, die ihren Sohn, auch wenn er noch so missraten sein sollte, vor allen Unbillen schützen und nicht davor zurückschrecken, auf gerissenste Art in das Schicksal einzugreifen.
Ein bangendes Nichts
Damals musste ich öfters in das Spital nach M., um Besuche abzustatten. – Durchwegs Schwerkranke, die da in den Zimmern versammelt waren, phlegmatische Existenzen, die um ihr Schicksal wussten und auf Wägelchen lautlos in den Operationssaal oder – auch das kam vor – in die Totenkammer geschoben wurden. An den Arzt wandte ich mich nie. Was hätte er mir auch sagen können? Ich sah genug, musste gar nicht die Augen aufreißen. Wusste bald alles; – pausenlos ungewollt Wahrnehmungen in den Sälen, auf den Gängen, in der Intensivstation – in all diesen armseligen Bezirken. Unfreiwillig war ich dort ständiger Gast. So wie der Tod – unausgesprochen von allen Betroffenen – dort ebenfalls ständiger Gast war. In den Bewusstseinsabläufen völlig verdrängt, völlig unsichtbar. Aber kann jemand unsichtbar bleiben, den man innigst herbeisehnt und den man in seiner Einsamkeit nicht als fremd betrachtet?
Auch mir war alles Ohnmächtige und Orientierungslose vertraut. Das Schreckliche ist eben ein Teil unserer Existenz. Ich kannte bald die jeweilige Leidensgeschichte der einzelnen Patienten sehr gründlich, fast alle litten schwer. Und doch – einige benahmen sich auffallend gelassen und spazierten – zuweilen etwas schlurfend – in dieser gottlosen Wüste in ihren bunten Nachtkleidern wie Könige umher. – Einmal, ich war durch meine ausgedehnten Besuchsreisen schon mit fast allen Patienten bekannt, entdeckte ich, dass eine sonst hermetisch abgeschlossene Tür einen Spalt offen stand. Es dämmerte bereits, – ich war in meinen Gedanken schon mehr daheim. Da hörte ich jäh etwas Schnaufen und dann im Flüsterton eine weibliche Stimme: „Heute Nacht habe ich geträumt, ich bin im Gebirge.“ Dann, nach einer kleinen Pause: „Ein hohes, weites Gebirge. Ich bin gegangen, gegangen ... Einer Enthauptung entgegen, an einen Ort, wo kein einziges Wesen meine Sprache spricht ...“
Schmerzhaft berührten mich diese verworrenen Worte. Das Gebirge. Sich auf den eisigen Höhen zurechtfinden, wenn es um Leben und Tod geht. Das Gebirge. Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz – und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf und trat vor die Sonne hin ...
Da lag keine Aphrodite und auch keine Kosmetikkönigin – keineSchminktöpfe, irgendwann ist man einmal nur mehr die Braut von Würmern und irgendwelchen Totenkäfern. Ja, selbst von den Halbtoten kann man noch mit offenen Augen auf furchtbare Weise angeblickt werden. Diese Greisin lag im Bett und keuchte ein wenig. Nichts Tröstliches konnte ich ihr entgegenhauchen. Lange hatte ich meine Blicke auf sie fixiert. Erst nach einer Weile bemerkte ich, dass noch eine zweite Person im Raum anwesend war. Auch diese vermutlich rettungslos dem Tode geweiht. Allerdings schien sie ihre ausweglose Situation nicht wahrzunehmen, war bester Laune und trank aus einer Flasche Rotwein. Ich wollte dieser knöchernen Gestalt helfen und ein Glas reichen, aber meine Hilfe wurde schroff zurückgewiesen. Zwar sprach die Frau einige Sätze, welche mir sehr sinnentleert vorkamen. So sagte sie: „Dass der Georg gleich nach dem Tod von meinem Mann das Haus verkauft hat, das kränkt mich schon. Heftigster Tadel! Bloßgestellt, bloßgestellt, selbst bloßgestellt!“Dazu lachte sie auf ganz unverschämte Weiseund ziemlich laut. Und dann: „Egal. Ich kannmir ja ohnehin nichts in die Ewigkeit mitnehmen, soll der Kronprinz machen, was er will!“ Nicht ganz verständlich, aber keine Niedergeschlagenheit, nein, nicht die geringste Spur von Verzweiflung.
Ich wandte mich direkt an diese unbekümmerte Person, und dabei deutete ich vorsichtig mit meiner Hand auf die schlummernde Greisin: „Von wo stammt denn die Frau Möstl her?!“ Dass sie Möstl hieß, konnte ich an dem Täfelchen entnehmen, das amBettende angebracht war. „Aus Neukürchen.“ Ich nickte. Eigentlich hieß dieser Ort hochsprachlich richtig Neunkirchen; andererseits war er in meiner uralten Wanderkarte rätselhaft ebenfalls als Neukürchen gekennzeichnet. Abgesehen von dieser unbedeutenden Angelegenheit, diese Frau namens Möstl stammte aus einem in den höheren Bergen gelegenen Dorf, gänzlich abgeschnitten von der Welt. Also deshalb derTraum vom Gebirge vermutlich.
Ich kannte übrigens das erwähnte Dorf gut; man musste, um es per Fuß zu erreichen, endlos finstere Wälder durchstreifen, stets sehr steil hinauf, durch vom Regen ausgewaschene Wege stapfen, vorbei an bemoosten Granitblöcken und windschiefen Holzkreuzen, wo man auf verwitterten Schildern Hinweise auf tödlich Verunglückte fand. Zum Beispiel: „Hier ruht der Bindermeister Josef Moser, der an dieser Stelle am 25. Januar 19.. vom Schneesturm überrascht wurde ...“ Natürlich waren solche Gedenkkreuze – etwas abseits vom Fußpfad – von jungen Fichtenbäumen und Sträuchern überwuchert. Auch die strengen Winter in dieser Einöde trugen zum Verfall solcher Holzkreuze bei. Unvergesslich schreckliche Winter gab es genug, nur die kräftigsten Bäume strotzten der Schneelast und dem klirrendem Frost. So ähnlich muss man sich die Bewohner dieser stillen rauen Gegend vorstellen: einfach, ausdauernd, selbstbewusst. An solchen Orten schaute man ganz anders zum Himmel. Der Mensch ein Ausgestoßener. Ein bangendes Nichts. Des Träumers Traum versagt ... Neukürchen, ein abseitiges Nest, eine baufällige Kapelle, ein paar Gehöfte und auch bucklige, geknickte, verwachsene Bäume. Die Menschen: nur arme Hunde, Verirrte, Drückeberger, verschlagen, hartnäckig. Stummheit. Keine Musik. Nur Melancholie. Die Disteln mannshoch, Gewächse, die es auch im Jenseits geben wird, nur um das Doppelte höher und tausendmal stacheliger.
Die Stimme aus einem verdunkelten Raum, die irgendetwas leise dahinmurmelt, reuig, auf Mitleid aus, zehnmal mea culpaauf den Lippen, aber das bedeutet nichts, oft ist der wirkliche Schrecken den Menschen abhanden gekommen, sie fürchten weder Gott noch Teufel, sie sind scheinbar ohne Angst, sie wissen gar nicht um ihre Schuld, sie lächeln, streiten alles ab, lügen bis zum letzten Atemzug. Lebenskampf nennen sie das anmaßend, aber es ist nur ein einziger Todeskampf in ihrem fortwährenden unsinnigen Tun.
Dann erschien der Arzt. Er war sehr jung; ich hatte ihn auf der Station noch nie gesehen.
Er fragte: „Sind Sie ein Verwandter von Frau Möstl?“
Ich schüttelte den Kopf. Sagen wollte ich nichts. Konnte auch nichts erklären.
Er sagte: „Sie können bei der Schwester Ihre Telefonnummer hinterlassen. Wir werden Sie verständigen; Frau Möstls Zustand ist sehr schlecht, sie kann jeden Augenblick –“
Der Arzt sprach es nicht aus.
Heimkehr in eine bessere Welt.
Ich dachte: Ich werde in ein paar Minuten weit entfernt vom Krankenhaus im Nachtzug sitzen, werde in einem gepolsterten Abteil dösen, die Zeitungen durchblättern und einige Abschnitte anlesen, eine Orange schälen und deren Spalten gegen den Mund führen, dann mit einem wohlriechenden Papiertaschentuch ganz langsam über meine Lippen wischen ...
Endlose Exzesse
Jetzt verstehe ich H., der damals einige Monate vor seinem siebzigsten Geburtstag davon sprach, ein völlig neues Leben anzufangen. Er träumte von einem recht merkwürdigen Leben – zuerst würde er eine Bank ausrauben, dann – im Besitze der reichlichen Moneten – sich in schwereloser Art in endlose Exzesse stürzen; sich über Vermittlung einer Bordellmutter mit einer von dieser ausgewählten siebzehnjährigen Jungfrau in liebestolle Nächte stürzen ... Überhaupt dann auf einer fernen Insel unter Palmen in einer Hängematte genussvolle Tage auskosten, unschuldige Mädchen müssten opferwillig rund um die Uhr neben der Hängematte verweilen und mit Fächern kühle Luft in sein Gesicht wehen.
Ich fragte H.: „Warum vertraust du das gerade mir an?“
Er sagte: „Weil ich dich für einen intelligenten Menschen halte, der mich versteht.“
Aber ich verstand ihn in keiner Weise.
Jetzt erst begreife ich langsam H. – Er ist allerdings bereits beim Bankraub gescheitert; ein mit der mitgebrachten Waffe abgefeuerter Schuss in den Schädel machte mit seinem von neuen Prinzipien erfüllten Leben ein jähes Ende. Auch diesen durch und durch geplanten und höchst riskanten Schlusspunkt hatte er aufrichtig und erhobenen Hauptes angekündigt. ■
