Zu den Topoi liberaler Rhetorik gehört das Lob auf den sogenannten „Querdenker“, vorzugsweise in Nachrufen, wenn die Gefahr gebannt ist, dass einem der Gepriesene mit seinem Denken in die Quere kommt. Im Übrigen darf er sich gegen den Konformismus des Denkens nicht allzu sehr querstellen. Wer sich tatsächlich dem allgemeinen Konsens verweigert, wird ausgegrenzt, diffamiert oder ignoriert. Er darf nicht mitspielen. Für ihn ist in der Sandkiste kein Platz. Die freundlichere Variante ist das joviale Schulterklopfen mit dem augenzwinkernden Signal: „Ist ja alles schön und gut, aber so recht ernst nehmen kann man es nicht.“ Die angebliche Liebe zum Querdenken erweist sich als pure Heuchelei.
Dass der Kapitalismus ganz so unproblematisch nicht sei, wie man nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu propagieren versuchte, hat sich seit Ausbruch der jüngsten Finanzkrise als öffentliche Meinung verbreitet. Erstaunlich freilich ist, wie schnell sich die Verteidiger des Status quo von ihrem Schock erholt haben und zu Business as usual zurückgekehrt sind. Es wird weitergewurstelt, und wer davon trotz allem profitiert, hat keinen Grund, auf Kosten und Opfer zu achten. Da meldet sich einer jener berüchtigten „Querdenker“ zu Wort, denen man mit schöner Regelmäßigkeit schrille Töne vorwirft, wenn man sich in Wahrheit um eine Auseinandersetzung mit den Inhalten herumschwindeln möchte.
Jean Ziegler, lange Zeit Abgeordneter im Schweizer Parlament und mittlerweile 75 Jahre alt, begnügt sich nicht mit der üblichen weinerlichen oder mahnenden Feststellung, dass der reiche Westen vom Rest der Welt gehasst, vielleicht bedroht werde, sondern er geht den Motiven nach, die dem „Hass auf den Westen“ zugrunde liegen – und er erkennt darin so manche Plausibilität, die jenen entgeht, die nur die eigenen Privilegien und Interessen im Blick haben. Nicht Verbarrikadierung, sondern Solidarität, nicht Hysterie, sondern Verstehen sind die altmodischen Kategorien, die Zieglers Denken bestimmen.
Das Erstaunlichste an diesem Buch ist seine literarische Qualität, für die der deutschsprachige Leser auch dem Übersetzer danken muss. Wer meint, ein politisches Pamphlet – und das ist diese Schrift zweifellos – müsse sprachlich spröde und ästhetisch belanglos sein, wird eines Besseren belehrt. Stellenweise liest sich „Der Hass auf den Westen“ wie ein szenischer Roman. Agitation und Literatur schließen einander nicht aus. Das konnte man eigentlich schon seit Büchners „Hessischem Landboten“ wissen oder seit der „Scuola di Barbiana“, diesem wunderbaren Büchlein, das 1970 bei Wagenbach erschienen ist. Jean Ziegler steht in der Tradition jener politischen Autoren, die selbst für ihren Zorn den adäquaten Ausdruck finden. Dazu, freilich, muss auch ein kräftiges Wort erlaubt sein. Zuspitzung ist eine bewährte rhetorische Technik, und ein irritierendes Bild macht manches deutlicher erkennbar als eine umständliche Beschreibung. Nur böswillige Entstellung könnte Ziegler Dogmatismus, abstrakte Thesenbildung vorwerfen. Seine Argumentation beruht im Gegenteil auf Empirie, auf zahllosen Daten, die er – nicht zuletzt als Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung – aus aller Welt, mit den Schwerpunkten Nigeria und Bolivien, zusammengetragen hat. Es ist Mode geworden, die Einfühlung in fremde Kulturen als falsche Toleranz oder gar als Vorschubleistung für den Terror zu diffamieren. Mag das noch diskutabel sein, wo es nur bei einer wohlfeilen Geste ohne Kenntnisse bleibt, so ist es mit Sicherheit unangebracht gegenüber Zieglers gut informierter Sympathie für die Benachteiligten auf dieser Welt.
Man hat Ziegler schon im Vorfeld angekreidet, dass er von einem „wirtschaftlichen Weltkrieg“ spreche und davon, dass jeder Hungertod eines Kindes der Mord an einem Kind sei. Natürlich sind das Metaphern. Aber kommen sie der Wirklichkeit nicht sehr nahe? Treffen sie nicht genau dort den Sachverhalt, wo der vermeidbare Tod von Millionen billigend hingenommen wird? Dass die Globalisierung die Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln ist, kann man nur um den Preis der Doppelzüngigkeit leugnen. Und auch der Kolonialismus wurde meist zum Krieg, wenn sich die Kolonialvölker gegen ihre Ausbeutung wehrten. Ziegler: „Die Gewalt, die durch die viel zitierte ,unsichtbare Hand‘ des Marktes ausgeübt wird, und die Monopolisierung des Reichtums durch die transkontinentalen Oligarchien setzen die drei früheren Unterdrückungssysteme in verstärkter Form fort.“ Die Metapher von der „unsichtbaren Hand“ stammt aus der ökonomischen Theorie von Adam Smith; mit den drei Unterdrückungssystemen sind die Eroberungen zu Beginn der Neuzeit, der Sklavenhandel und der Kolonialismus gemeint.
Ziegler schert keineswegs alle antiwestlichen Äußerungen und Aktionen über einen Kamm. Er differenziert sehr genau. Aber grundsätzlich gilt: „Wir erleben eine Zeit der Wiederkehr der Erinnerungen. Plötzlich besinnen sich die Völker auf die Demütigungen, die Schrecken, die sie in der Vergangenheit erlitten haben. Sie haben sich entschlossen, vom Westen Rechenschaft zu fordern.“ Der Westen aber will den Hass der armen Völker nicht verstehen: „Denn das Gedächtnis des Westens ist hochfahrend, jedem Zweifel unzugänglich. Das der südlichen Völker dagegen ist ein verwundetes Gedächtnis. Und der Westen weiß nicht, wie tief und schwer diese Wunden sind.“
Jean Ziegler stellt einen Vergleich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit an: So wie das kollektive Bewusstsein erst nach Jahrzehnten an einem Punkt angelangt war, an dem es die Realität des Holocaust zuzulassen bereit war, so erwacht es erst jetzt, mit großer Verspätung, in Bezug auf die verdrängte Erinnerung der einstigen Kolonialvölker. Ziegler zitiert den einstigen ägyptischen Staatspräsidenten Nasser: „Wenn die Kreuzzüge in Europa den ersten Schimmer der Renaissance ankündigten, so haben sie für unser Land den Beginn des dunklen Zeitalters eingeläutet. Unser Volk hat ganz allein den Schock dieser Schlachten erlitten; sie ließen es vollkommen verarmt und hilflos zurück.“ Es lohnt sich, über diese Worte nachzudenken, ehe man vom „Clash of Civilizations“ tönt.
Eine Rezension kann einem Buch wie diesem nicht gerecht werden. Denn es begnügt sich ja nicht mit einer ethischen und politischen Haltung. Es strotzt nur so von Fakten und wenig bekannten Details. Um sie zu erfahren, muss man schon das ganze Buch durchackern. Es lohnt sich. Querdenker sollten nicht, wie einst Klopstock, nur gelobt, sie sollten auch fleißiger gelesen sein. ■
Jean Ziegler spricht am 25. November
um 19.30 Uhr im Wiener Volkstheater
zum Thema des Buches.