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Channel 8

07.05.2010 | 18:36 | Von Andrea Maria Dusl (Die Presse)

„Du bist tot, elender Wichser, fauchte Anastasija. Tot, wenn du mich anrührst. Rotor schnei- det dir die Kehle durch, holt dir das Herz aus dem Leib und dann reißt er deine Gedärme in Stücke.“ Aus einem Roman.

Anastasija saß bei Rotor im Taxi. Aus dem hell erleuchteten Eingang der Galerie ein paar Parkplätze weiter vorne perlte der süßlichhypnotische Swing Irving Berlins. Die Bildermaler hatten die parastalinistischen Dreißigerjahre entdeckt. Fred Astaire und Ginger Rogers tanzten über die Gehsteige der Gasse. Rotor hatte andere Sorgen. Und Fred Astaire und Ginger Rogers hätte er nicht einmal erkannt, wenn sie zu ihm ins Taxi gestiegen wären. Du musst nicht warten, sagte Anastasija. Was soll schiefgehen? Ich zieh mein Ding ab, und aus. Tausendmal gemacht. Ich habe kein gutes Gefühl, sagte Rotor, sein Gesicht konnte die Schmerzen nicht verbergen. Nicht ganz. Jeder Atemzug fiel Rotor schwer.

Anastasija war hartnäckig. Du fährst jetzt in das verdammte Spital und machst dieses Röntgen. Vielleicht ist es nur ein verschluckter Kirschkern, wer weiß. Aber vielleicht ist die Rippe angeknickt. Du bist nicht unzerstörbar. Und ich geh da jetzt rein. Ich mach das nicht zum ersten Mal. Du weißt, ich zwicke nur, wenn die Luft absolut sauber ist. Ich zwicke nur, wenn ich absolut sicher bin. Rotor startete den Motor.

Ich habe kein gutes Gefühl, Nastja. Anastasija küsste Rotor auf die Wange, stieg aus und warf die Autotüre zu. In der Galerie stand die Luft. Tout le demi-monde saint-pétersbourgeois schien hier zu sein. Künstler gammelten die Räume voll und die, die sich für welche hielten. Studenten von den Akademien, schlecht gekleidete Journalisten, die Nasen voll schlechtem Koks, dazwischen, wie Kirschen auf einer Torte, die neureichen Russen mit ihren fetten Uhren und den zaundürren Begleitungen. Viel Rauch zog an die Decke, viel heiße Luft. Schwaden von Allure mischten sich mit Weißem Patchouli, Schwarzem Jasmin, hermetischem Kelly-Calèche und Pradas Infusionen. Ohne die scharfen Wolken aus den falschenCohibas der Oligarchendarsteller wäre die puffige Luft unerträglich gewesen. Galerienbesuche waren Schwerstarbeit. Optisch wie olfaktorisch.Vor dem größten ihrer Werke standen die beiden Stars des Abends. Ein neoakademischer Schinken, in der zwei Bleichgesichtige in Unterhosen Dutzende von Löwen und Tigern domptierten, pathetisch vor den Zirkuskatzen kauerten und mit einem weißen Kruzifix fuchtelten. Oleg Maslov und Viktor Kouznetsov sahen gelangweilt ins Nichts, aschten auf den Teppich und gaben sich Mühe, unaufgeregt zu wirken. Um die beiden hat sich ein Auditorium gebildet, Musik und Vernissagen-Rhabarber erloschen. Der Galerieintendant, ein nikotingegerbter dürrer Kerl mit wirren weißen Haaren, begann, die poetisch infundierte Vita der beiden Hudoschniks aufzusagen, sie handelte, erfunden oder nicht, von den Themen, die ihre Bilder umkreisten, war von den schwülstigen Metaphern der Kritikerkasper durchzogen, ihren dreisten Erläuterungen und halbgaren Vergleichen. Die Namen Caravaggio und Michelangelo kamen in der hustenden Suada des Nikotinhierophanten ebenso vor wie Dürer und Holbein. Die Genannten hatten mit Maslov und Kouznetsov und ihren Begabungen so wenig zu tun, wie ein Shakespeare-Sonett mit der zusammengekleisterten Lolita-Erotik der Popamseln t.A.T.u.

Maslov und Kouznetsov trugen schwarze Sakkos und graue Rollkragenpullover und posierten vor ihrem Gesamtwerk. Nackte junge Männer, die vor azurblauen Hochsommerhimmeln an den scharfkantigen Felsen diverser Schwarzmeerbadestrände lehnen.

Käufer würden sich finden. Neue Modelle für weitere Werke auch. Anastasija trug ihr taubengraues Chanel-Kostüm und eine Kette aus zinnoberroten Korallenkugeln. Über ihre Brust spannte sich der Gurt einer Freitag-Tasche. Sie war aus einer roten Lastwagen-Plane geschneidert, auf der die Buchstaben E, Y, und E zu lesen waren. Gelangweilt bohrte sich Anastasija durch das Vernissagengewühl. Biss von ihrem Keks. Am Buffet griff die Hand eines Neuen Russen nach einem Horsd'œuvre. Es war ein bulliger Mann, er trug einen unfassbar roten Anzug aus fester Seide, sein Handgelenk umspannte das dickgliedrige Armband einer fetten Rolex. Es war nicht irgendeine Rolex. Es war eine Daytona. Ein Sammlerstück, Siebzigerjahre, sagte sich Anastasija, Rechtshänder. Schwierig. Drei Trabanten. Nicht die flinkesten. Aber ausgeruht. Der Galerienzampano klatschte und eröffnete das Buffet. Vor der Tür der Galerie stand ein Security-Mann, dicke Schultern, leichte X-Beine, Drei-Millimeter-Glatze. Sein Funkgerät begann zu krächzen. Trottel, dachte Anastasija, und sie lag nicht so falsch. Den hab ich schon gesehen, maulte der Security- Mann in sein Walkie-Talkie. Was hast du sonst noch? Kommen.Es krächzte. Spielt da Uma Thurman? Kommen. Stille, Krächzen. Das ist die andere, na du weißt schon. Die, die du meinst, heißt, verdammt, es liegt mir auf der Zunge. Irgendwas mit R. Oder mit U. Der Krächzer blies Antworten in seinen Apparat. Aber nein, sagte der Security-Trottel unglücklich, hach, es liegt mir auf der Zunge.

Anastasija hatte einen dicken Fisch an der Angel. Der Mann im roten Seidenanzug war malerisch in die Hocke gegangen und half ihr, die Perlen ihrer Kette aufzulesen. Anastasija ließ die Kugeln hektisch in ihre Tasche sinken und fragte nach der Uhrzeit. Schräge Uhr, sagte Anastasija und drehte dasHandgelenk des Roten. Mann, neun, ich mussgehen, meine Kleine ist alleine. Fantastischer Anzug, sagte sie zum Roten und fegte ein Krümel von seiner linken Schulter. Vielen Dank! Sie stand auf und wand sich Richtung Ausgang. Verdammt, verdammt, Fehler, sagte Anastasija zu sich. Sie trat auf die Straße und lächelt den Security-Mann an.

Aber das Unglück war schon geschehen, und jetzt nahm es seinen weiteren Weg. Die rote Anzughand griff nach Anastasijas dünnem Arm und drehte sie herum. Wie war er so schnell durch das Gedränge gekommen? Du hast meine Uhr, sagte der Mann mit dem roten Anzug.

Welche Uhr?, wollte Anastasija wissen. Was willst du, du tust mir weh! Meine Uhr, sagte der Anzugmann und zog den Schraubstock um Anastasijas Handgelenk fester. Deine Uhr?, schnaubte Anastasija. Meine Uhr, genau. Eine dicke fette Rolex Daytona. Paul Newman hat sie getragen. Jeden Tag zwischen 1972 und seinem Tod. Meine Uhr. Anastasija deutet dem Roten-Anzug-Mann, er solle sich zu ihr beugen. Ich habe deine Uhr nicht,flüsterte sie tonlos, und wenn du mich fragst, Paul Newman hätte bei dir nicht einmal einen Reifen wechseln lassen. Was sagst du? Der Anzugmann hatte nicht verstanden. Ich habe deine Uhr nicht, schoss Anastasija in seinen Gehörgang, der Satz hatte 256 Dezibel und bohrte sich in das Trommelfell des Anzugmanns wie ein glühender Pfeil. Für einen kleinen Moment verlagerte sich seine Aufmerksamkeit. Anastasijas Arm glitt aus seinem Griff. Anastasija gab Fersengeld. Sie hatte die Laufschuhe an.

Was schaust du so dämlich, du Bauer? Wo ist der andere? Der Anzugmann haute dem Wächter eine runter. Hol meine Uhr! Der Security-Mann schaute bloß, schaltete Licht an in seiner Gehirnwindung und begann, Anastasija nachzusetzen. Er war ein Trottel und hatte den Intelligenzquotienten von Weißkohl, aber er konnte laufen.

Am Fontankakai hatte der Security-Mann Anastasija eingeholt, er drängte sie gegen eine Hausmauer und drehte ihren Arm auf den Rücken. Lernte man das jetzt so bei der OMON-Miliz? Anastasija verharrte in Duldungsstarre, wie eine kleine zierliche Gazelle, die von einem Tiger geschlagen wurde. Ich habe die Elster, Slava, keuchte der Weißkohl in sein Talkie. An der Fontanka. Ums Eck vom Singer-Gebäude. Kommen. Es krächzte aus dem Talkie. Das Singer-Gebäude, du Lusche, das mit der Buchhandlung. Kommen. Jetzt krächzte Slava noch länger. Nein. Nicht die. Das ist, wo daneben ein Schuhgeschäft war. Kommen. Russland, was ist aus dir geworden, spottete Anastasija. Ein Trottel blöder als der andere. Das ist ganz woanders, blies der Weißkohl ins Sprechgerät. Egal, Slava. Ich hab sie jedenfalls. Kommen. Uhr, krächzte der andere. Uhr, ja. Uhr, verstanden. Du bist tot, elender Wichser, fauchte Anastasija. Tot, wenn du mich anrührst. Rotor schneidet dir die Kehle durch, holt dir das Herz aus dem Leib und dann reißt er deine Gedärme in Stücke. Wir werden gleich sehen, wer tot ist, kleine Prinzessin! Der Security-Mann leerte Anastasijas Tasche und fuhr mit dem Fuß durch die Dinge, die herausgepurzelt waren. Die Korallenkugeln, Kekse, ein Geldbündel, Zettelkram und Ausweise, Nabokovs Ada. Wo hast du die Uhr?, schrie der Weißkohl und tastete Anastasija ab. Er zog ihr die Jacke aus und schüttelt einen Schlüsselbund und das Handy heraus. Du hast die Uhr doch irgendwo. Wo ist die Uhr, Schlampe?

Das Licht ging an in Paris. Valentin warf eine goldene Uhr auf Moniques Küchentisch. Sie war plötzlich in seinen Händen gewesen, hatte gebrannt wie rot glühendes Eisen. Das seltsame Objekt aus der anderen Welt lag auf dem leeren Küchentisch. Fremd wie der Benben, wie ein frisch gefallener Meteorit. Valentin bebte.

Sein Herz füllte den Raum und schlug an die Wände. Valentin stand vor Kifti Rosts Tür. Sein Herz raste. Er läutete, wartete kurz, läutete ein zweites Mal, horchte an der kalten Tür und drückte den Kiftirufknopf ein drittes Mal. Nichts passierte. Der vertrocknete Tadschike wohnte doch hier! Hier in seiner lausigen Praxis! Hatte er doch erwähnt! Mehrmals. Wo war er, wenn man ihn brauchte, wo war der faltige Bandit, wenn einem das Wasser bis zur Unterlippe stand! Valentin läutete ein viertes Mal. Licht ging an in den tadschikischen Katakomben, leises Ächzen war zu hören, Geklappere, Schnaufen. Schließlich kam ein Schlurfen näher. Kifti öffnet die Türe. Seine Augen waren hinter verklebten Schlitzen verborgen, sein hagerer Hals ragte aus einem jadefarbenen Morgenmantel. Was machen Sie hiewl? Ist Mittewlnacht! Ist. Kifti sah auf die Uhr im Flur, Dlei Uhwl Tswantsig. Ich weiß, sagte Valentin trocken. Kann ich Sie sprechen? Auf Kiftis Stirne hatten sich Falten des Ungemachs gelegt. Eine thailändische Kindfrau trat schlaftrunken aus einer Katakombentür in den Kifti'schen Flur. Die Thaikindfrau hatte eine glasschneidende Stimme, ihrem Singsang war nicht zu entnehmen, was sie von Kifti wissen wollte. Was machst du hiewl!, knirschte Kifti, geh tsu Bett, ich sbleche mit Klient! Dem ließ Kifti bellende Verwünschungen in der Singsangsprache der siamesischen Lolita folgen. Ich muss mit Ihnen reden, sagte Valentin, wir müssen reden! Fawlen tsu Hause, legen wiedewl hin, machen tsu essen, hörlen Muziq, lesen Buch, machen iwlgendetwas, abewl bitte gehen wiedewl!

Ich war wieder dort, sagte Valentin trocken. Wawl Twlaum, Valentin, Twlaum. Was wawl, wawl Twlaum. Wleden mowlgen. Ja? Kommen mowlgen. Können wluhig sein. Nichts passiewlen. Wleden mowlgen. Ja? Mowlgen. Gute Nacht, Valentin, gute Nacht.

Kifti schloss die Türe. Valentin klopfte zaghaft. Kifti öffnete. Wann morgen?

Tseit neun Uhwl. Kiftis Augen hatten sich zu hauchdünnen rauchenden Schlitzen geschlossen. Dunkel umhüllte Valentin, als die Türe des Tadschiken endgültig zuging.

Rotor war außer sich. Er warf sein Taxi mit hoher Geschwindigkeit durch das nächtliche Petersburg. Hupte und fluchte. Anastasija saß verstört auf dem Nebensitz, ihre Nasenflügel bebten. Ziel hatten die beiden keines. Nicht in diesem Moment. Rotor konnte nicht denken, wenn er sich nicht bewegte. Die fette Sau, schrie Rotor. Schwöre, dass er dich nicht angerührt hat! Er hat mich nicht angerührt, schrie Anastasija. Nicht, was du denkst.

Was ich denke, was ich denke, tobte Rotor, ist doch völlig egal, was ich denke. Ich fahre zurück und mach ihn kalt. Der klapprige Lada bretterte über das Kopfsteinpflaster der Petrogradski-Insel. Straßenbahn sollte jetzt keine vorbeikommen. Lass das, sagte Anastasija. Du hast ihn schon halbtot geschlagen. Schwöre, dass du okay bist, schrie Rotor, er begann, neben seiner Fassung jetzt auch seine Stimme zu verlieren. Ich habe Kopfweh, du fahrst wie ein Irrer. Die fette Sau, krächzte Rotor kehlig.

Die Morgendämmerung schob sich fahl leuchtend unter die dünnen Nebelschwaden, die vom Canal Saint Martin aufstiegen. Die Gehsteige der umliegenden Quartiers waren menschenleer. Irgendwo auf den Boulevards musste sich schon was tun, ganz entfernt war Straßenlärm zu hören, aber irgendwo in Paris waren immer ein paar Wahnsinnige unterwegs. Paris war nicht New York, nicht die Stadt, die nie schlief. Paris war eine nervöse alte Concierge, die in der Nacht döste wie ein betrübter Karpfen und dabei immer ein Auge offen hielt. Eine Hand an der Nachtkästchenlampe. Eine Schachtel mit Lakritz in Griffweite.

Einsam saß Valentin auf einer Bank an der Promenade neben dem Kanal. Den Kragen hochgestellt, die Arme tief ineinander verschränkt, sah er seinen Atemfahnen nach und wartete die Zeit herbei, zu der er den Tadschiken wieder stören durfte. Wäre Valentin sein bester Freund gewesen, er hätte ihm abgeraten, den seltsamen Therapeuten auch nur um einen Zahnstocher zu bitten. Der Mann war ein Kurpfuscher, ein Hochstapler, und allem Anschein nach trieb er Unerlaubtes mit Minderjährigen, zumindest beherbergte er sie und borgte ihnen Bademäntel. Aber so war das mit echten Gurus. Sie waren weder echt noch Gurus. Man war ihnen verfallen, mehr als den Ratschlägen der besten Freunde. Der Tadschike war wie Nikotin. Und es steckte, darauf hätte man hohe Summen verwetten können, mehr Nikotin in Kifti als Tadschikentum. ■


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