Für die kommenden langen Herbstabende im trauten Kreise der Familie haben wir im letzten "Spectrum" ein Wettdichten besonderer Art vorgeschlagen: Wer kann den längsten Satz unter Verwendung eines einzigen Vokals bilden - oder eines Zwielauts, um es noch schwerer zu machen. Ich muss gestehen, dass die eigenen Versuche, vor allem das tückische eu in Sätze zu zwingen, bei weitem nicht so umfangreich geglückt sind wie jene unseres Lesers Georg Mihli, der dabei allerdings auch nicht ohne den reichlichen Gebrauch des Apostrophs auskommt, etwa bei folgender "landwirtschaftlicher Maßregelung": Neun Leut deucht eu'r Heu (Spreu, Streu...) feucht. - Euch freut's?!
Heult! Heult! Schneuzt euch!
Als praktisch erwies sich auch der passend benamte Vater der Psychoanalyse, zum Beispiel in der zoopsychologischen Feststellung: Eur' Heuleul' scheucht Freuds Leu.
Das Ganze wirkt natürlich etwas wie die dreu Cheuneuseun meut deum Keuntreubeuss, die uns in unserer Kindheit schon erheitert haben. Georg Mihli hat aber auch einen beeindruckenden Satz mit dem einzigen Vokal e eingeschickt, der mit 206 Worten allerdings rund 40 Zeilen dieser Seite füllen würde und damit länger wäre als diese Kolumne selbst.
Mihli macht übrigens auf den 1816 erstmals erschienenen und 180 Jahre später bei Christian Brandstätter wieder aufgelegten Roman "Keine Liebe ohne Qualen" des Wiener Autors Leopold Kolbe aufmerksam, der auf 100 Seiten ohne r auskommt. Ein populäres Kinderlied schafft dies übrigens in der ersten Strophe bis zur letzten Zeile, wo dann ein einziges r steht. Wissen Sie, welches?