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Was die Ringe bringen

30.10.2009 | 16:33 | Von Georg Renner (Die Presse)

Bedeuten Olympische Spiele unterm Strich einen Gewinn für den Veranstalter? US-Forscher haben ausgerechnet, dass die Spiele Exporte der Veranstalternation in die Höhe schießen lassen. Streng genommen liegt das aber nicht an der Veranstaltung, sondern an den Ländern selbst.

Sogar Barack Obama war gekommen, um die Wichtigkeit des Moments zu betonen. Kopenhagen, am 2.Oktober dieses Jahres: Große Staatsmänner und kleine Sportfunktionäre zittern im „Bella Center“, einem riesigen Kongresstempel auf einer Insel in einem Hafen der dänischen Hauptstadt, gemeinsam einer Entscheidung entgegen, die ihrer Heimat einen starken Impuls geben könnte.

Es geht um die Austragung der Olympischen Sommerspiele im Jahr 2016. Und obwohl sich der mächtigste Mann der Welt massiv für seine Heimatstadt Chicago ins Zeug legt, triumphiert an diesem Tag ein anderer: Es ist Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der sich letztlich über die Austragung der Sommerspiele in sechs Jahren in seiner Heimat freuen kann. Als das Internationale Olympische Komitee um 18.50Uhr seine Entscheidung in Kopenhagen präsentierte, stürzten sich am Strand der Copacabana – in einer drei Stunden zurückliegenden Zeitzone – knapp 100.000 Menschen in einen Freudentaumel, der die Sechs-Millionen-Stadt die ganze Nacht über in Atem halten sollte. Auch die internationale Medienlandschaft wertete Brasiliens Erfolg als positives Signal – endlich würde auch Südamerika zum Austragungsort Olympischer Spiele, endlich emanzipierte sich das Komitee von den „klassischen“ Veranstalterländern wie den USA, die seit dem Zweiten Weltkrieg bereits fünfmal Gastgeber der Wettbewerbe waren.

Aber freuen sie sich zu Recht? Immer, wenn von den großen Chancen, die die Austragung Olympischer Spiele – oder eines anderen sportlichen Großereignisses wie einer Fußball-WM – einem Gastgeberland biete, die Rede ist, bilden sich rasch zwei Fronten: Zum einen ist da eine Allianz aus Touristikern, Händlern und Politikern, die von Milliardenumsätzen sprechen, die zusätzlich in die Kassen geschwemmt würden, von einem Gemeinschaftsgefühl, das das Veranstalterland durchziehen werde, und von Werbeeffekten für Stadt und Land, die über Jahrzehnte wirken würden. Eine Auffassung, die naturgemäß auch vom Internationalen Olympischen Komitee propagiert wird: „Neben dem sportlichen Aspekt liegen die Hauptgründe, sich um die Ausrichtung der Spiele zu bewerben, in den Möglichkeiten für wirtschaftliche und touristische Entwicklung, die in der Natur eines solchen Ereignisses liegen“, heißt es etwa in einer Broschüre des Komitees.

Zum anderen tauchen regelmäßig skeptische Ökonomen auf, die in der Ausrichtung Olympischer Spiele blanke Geldvernichtung sehen, weil die Investitionskosten (Stadien sind zu bauen, Unterkünfte und Infrastruktur zu schaffen) in Milliardenhöhe die zu erwartenden Gewinne bei Weitem übersteigen. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman kommentierte in diesem Zusammenhang, dass manche Länder dabei im Glauben, Investoren anzulocken, zu geradezu „perversen“ Ausgaben bereit seien. Ein Gedanke, der angesichts der geplanten Investitionen, die für die Spiele in Rio de Janeiro eingeplant sind – knapp 9,63Milliarden Euro –, nachvollziehbar scheint.

Vor Kurzem sind zwei US-Ökonomen der Frage nachgegangen, ob durch die Ausrichtung solcher Großereignisse nun wirklich ein messbarer Effekt entstehe. In ihrer im April beim Nationalen Amt für Wirtschaftsforschung der USA (NBER) publizierten Studie „The Olympic Effect“ kommen die Forscher Andrew K. Rose aus Berkeley und Mark M. Spiegel von der Federal Reserve Bank San Francisco zu dem Schluss, dass es sich auszahlt, Spiele zu veranstalten.

Die beiden haben in umfangreichen Vergleichsrechnungen die Wirtschaftsdaten jener Länder unter die Lupe genommen, die seit dem Zweiten Weltkrieg Austragungsort Olympischer Spiele gewesen sind beziehungsweise sich um deren Austragung beworben haben. Gerade bei einer der aussagekräftigsten Zahlen über die Wirtschaft eines Landes, der Exportleistung, kommen Spiegel und Rose zu dem Ergebnis, dass die Spiele eine signifikante Steigerung zur Folge haben – und das, obwohl die Autoren einleitend feststellen, bezüglich eines solchen Effekts sehr skeptisch in die Untersuchung gegangen zu sein. Wo auch immer abgehalten, in so verschiedenen Staaten wie Großbritannien (London 1948), Mexiko (Mexico City 1968), der Sowjetunion (Moskau 1980) oder Südkorea (Seoul 1988): Nach den Spielen verzeichnen die Ökonomen einen Anstieg der Exportwerte um rund 30 Prozent – und das langfristig. Staaten, die Olympische Spiele abhalten, exportieren danach also um ein Drittel mehr Waren als davor.

Damit aber noch nicht genug: In „The Olympic Effect“ stellen Spiegel und Rose dieselbe Steigerung bei Ländern fest, die mit ihrer Bewerbung um die Abhaltung Olympischer Spiele gescheitert sind. Aus diesem Ergebnis konstruieren die beiden Ökonomen die Theorie, dass es sich bei der Steigerung der Exporte nicht um eine spezifische Folge der Spiele handelt, sondern um einen Effekt, der auch ohne sie eingetreten wäre.


Bewerbung: Symptom der Öffnung

Die Bewerbung als olympischer Austragungsort sei nämlich kein Impuls für einen wirtschaftlichen Aufstieg per se, sondern vielmehr ein Symptom einer geistigen und wirtschaftlichen Öffnung eines Landes – die sowieso einen Aufschwung der Exportwirtschaft zur Folge hätte, auch wenn sich der Staat nicht als Austragungsort beworben hätte. Als Belege für diese Theorie führen Spiegel und Rose eine Reihe historischer Zusammenhänge an: etwa, dass China, zwei Monate nachdem es im Juli 2001 den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 erhalten hat, seine Beitrittsverhandlungen mit der Welthandelsorganisation WTO abgeschlossen hat. Oder dass Italien 1955, als Rom die Abhaltung der Spiele von 1960 zugesprochen wurde, der UNO beitrat und die Verhandlungen initiierte, die später zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsunion führten. Oder – um auch ein Beispiel einer abgelehnten Bewerbung zu bringen – dass Südafrika, das 1997 im Bewerbungsprozess um die Sommerspiele 2004 Griechenland unterlag, zu jener Zeit seine Außenhandelsbestimmungen drastisch liberalisierte.

Kurz gefasst kommen Spiegel und Rose zu dem Schluss, dass „die Bewerbung für die Austragung Olympischer Spiele ein teures Signal ist, dem regelmäßig eine Liberalisierung der Bewerbernation folgt“. Der „olympische Effekt“, also eine permanente Steigerung des Exports um ein Drittel, kommt aber „nicht von einem plötzlichen großen Wurf durch die Spiele selbst“, sondern ist eben das Ergebnis der Liberalisierung in dem Land.

Für Österreich, das bereits zweimal Olympische Spiele (1964 und 1976 in Innsbruck) abgehalten und sich drei weitere Male erfolglos beworben hat, treffen die Ergebnisse aus „The Olympic Effect“ aber nicht zu: Denn nach Winterspielen würde dieser Effekt aufgrund ihres vergleichsweise kleineren Ausmaßes leider nie eintreten. ■


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