Wann hab ich die letzte Vogelscheuche gesehen? Ich meine, wann war es das letzte Mal, dass ich eine gesehen habe? Aber vielleicht war meine letzte ja tatsächlich die letzte überhaupt, hätte ich nicht sonst inzwischen mal wieder eine entdeckt?
Mein letztes Mal ist jedenfalls länger her, als dieses Jahrhundert alt ist. Ich war nach einem ausgedehnten Waldspaziergang auf einmal auf eine Lichtung gekommen, die dann der Waldrand war, hinter dem sich zwei, drei, vier Felder erstreckten, und auf einem davon stand eine. Oder vielmehr etwas, denn so genauließ sich das nicht gleich ausnehmen, als ich aus dem Waldesdunkel in die Felderhelligkeit kam und da dieses Ding sah.
Aus der Ferne sah es noch aus wie der Gekreuzigte im Fasching. Oder auch nur im Winter, er war jedenfalls sozusagen warm angezogen, im Näherkommen sah ich es immer deutlicher: Er trug eine alte Jeansjacke, die eigentlich noch ganz brauchbar schien, und unten war eine Hose, die allerdings so aussah, als hätte sie zuletzt jemand im Russisch-Japanischen Krieg getragen, egal auf welcher Seite. Am Ende des Querstocks steckte links ein Gartenhandschuh, dessen Daumen nicht zu sehen war, aber auf der rechten Seite war gar nichts, es lag auch nichts am Boden. Es sah aus wie nach einer Amputation.
Da, wo der Kopf hingehörte, steckte ein kleiner Kürbis. Die Augen waren zwei Löcher, mehr war nicht zu sehen. Ein wenig war dieser Kopf zur Seite gerutscht, was wieder an das geneigte Haupt des Gekreuzigten denken ließ. Dann sah ich, dass da doch noch ein Mund hineingeschnitten war, und der grinste.
Im Winde flatterten unsere Hosen
Mehr war nicht. Oder doch: Wind war da, der langte in die Jacke und in die Hose, beide flatterten ein wenig, und ich merkte, dass ich mir Sorgen machte, vor allem wegen der Hose und wie sie wohl befestigt sein mochte, aber es hielt alles. Auch meine Hose flatterte. So stand ich inzwischen dem andern gegenüber und versuchte, auch zu grinsen. Viel wurde nicht daraus, nehme ich an, aber ich kam nicht umhin zu denken, dass es da zwischen uns beiden eine Art Verwandtschaft gab.
Allerdings, ich mag Vögel. Ich finde, dass es in Ordnung ist, dass sie den Himmel und die Bäume für sich haben und dass sie sich hinsetzen, wo sie wollen, und dass sie fressen, was sie finden. Ich gehör nicht zu denen, die in die Hände klatschen und sich dann freuen, wenn die Vögel hochgescheucht sind und kreuzund quer aufflattern. Vögel sind ängstlich,und ich kann es auch sein.
Scheuchen – ein seltsames Wort und fast so selten wie die Scheuchen selbst. Ob es noch andere gibt als die Vogelscheuchen? Und was, wenn es nun auch die nicht mehr gibt? Wenn das damals wirklich die letzte war, ohne dass es jemand gemerkt hätte, ich auch nicht? Stirbt dann auch das Wort?
Natürlich nicht, Wörter sind keine Scheuchen, Wörter leben ewig. Kürzlich hörte ich, wie am Nebentisch ein Burschemit einem Kopfnicken zu seinem Kollegen auf eine alte Dame wies, die vielleicht tatsächlich etwas wunderlich aussah: Schau dir die alte Vogelscheuche an, sagte er. Und genau in diesem Moment drehte die Dame sich ihnen zu, fletschte ihre schrecklich weißen Zähne und war auf einmal eine echte schaurige Scheuche. Da sah ich, wie die beiden sich erschrocken zur Seite drehten. Zwei Minuten später waren sie verschwunden.
Es gibt keine Vogelscheuchen mehr. Und mir fehlen sie. ■