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Wasser. Viel zu viel Wasser.

27.07.2012 | 18:27 | Von Peter Zakravsky (Die Presse)

ORF-Moderatoren in Gummistiefeln, ein Landeshauptmann in brusthohen Fluten, Experten, die mit ihren Aussagen völlig danebenliegen, neun Tote, drei Milliarden Euro Schaden. Vor zehn Jahren: das Hochwasser an Donau und Kamp. Haben wir etwas gelernt?

In der Nacht vom 7. auf den 8. August 2002 eskalierte nach tagelangen atypischen meteorologischen Turbulenzen, als ob die Gewitterwolken am Himmel festklebten, im Kamptal die Situation. Mit Durchflüssen von 460 Kubikmetern pro Sekunde bei Zwettl-Eisenbahnbrücke (mittlerer Durchfluss 5,80 Kubikmeter pro Sekunde), bei Stiefern 800 Kubikmetern pro Sekunde (mittlerer Durchfluss 8,60 Kubikmeter pro Sekunde) und geschätzten 1000 Kubikmetern pro Sekunde im Mündungsbereich erreichte das Kamptalhochwasser jenseits des Vorstellungsvermögens festzumachende Jährlichkeiten. So schnell, wie sie gekommen war, verschwand die Welle wieder, die eine furchtbare Verwüstung des beschaulichen Tals angerichtet hatte, und die Menschen machten sich ans Aufräumen. Übers Wochenende schien die Sonne, bestes Wachauwetter! Doch die Front kehrte mit neuen, prall gefüllten Regenwolken zurück. Bereits für Sonntagabend prognostizierten die Wetterstationen neuerlichen Starkregen. Und sie sollten recht behalten.

Die Protagonisten. Überaus maßgebend, was das kühle Nass in Österreich anbelangt, sind unter Berücksichtigung der Hierarchie zahlreiche mit der Materie Wasser befasste Beamte des Bundesministeriums für Land und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, das zumeist feschals „Lebensministerium“ vor die Öffentlichkeit tritt. Wer etwas über Österreichs Wasser wissen will, beginnt mit seiner Recherche am besten auf der ministeriellen Internetseite. Dort kann er beispielsweise das seit 1893 ununterbrochen erscheinende „Hydrografische Jahrbuch“ entdecken, Beleg dafür, dass die Nation bei der einschlägigen Wissensproduktion nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen ist. Ihr Metier beherrschen auch die in den Landesämtern tätigen Fachkräfte. Hinzu kommen die diversen wissenschaftlichen Institutionen und ihre auf die Bedürfnisse der Wasserverwaltung ausgerichtete Zuarbeit: Immer wieder taucht die Universität für Bodenkultur in Wien auf, sie gewiss am häufigsten, gefolgt von den technischen Universitäten; die Universität Graz bringt sich außerdem mit der am Institut für Soziologie beheimateten Forschungsstelle „Krisen- & Katastrophenforschung“ ein.

Seinen Anteil, wenn es um die prüfenden Blicke auf das Wasser geht, hat auch die staatliche Umweltschutzsstelle, das „Umweltbundesamt“, das in regelmäßigen Abständen den „Umweltkontrollbericht“ auf den Markt wirft. Den Reigen schließt die „Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik“ (ZAMG), übrigens eine nachgeordnete Dienststelle des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung. Alle haben sie mehr oder weniger umfangreiche Statements zu den Hochwasserereignissen 2002 abgegeben. Egal woher es kommt und wo es sich aufhält, ob von oben, auf der Erdoberfläche oder darunter, jeder Tropfen Wasser wird eingefangen, vermessen und analysiert. Die Ergebnisse gelangen in die internen Datenspeicher, seit 2002, oh Wunder, jedoch verstärkt an die Öffentlichkeit, hauptsächlich in Form von Internetseiten.

Aber auch das gute alte Druckpapier hat längst nicht ausgedient. Ein publizistisches Juwel ist der im Österreichischen Kunst- und Kulturverlag erschienene „Hydrologische Atlas Österreichs“. „Das einzige derartige Projekt der Welt, das fertiggestellt werden konnte, die Schweizer sind gescheitert“, erklärt der Verleger. Achteinhalb Kilo Karten- und Textmaterial, zweisprachig, deutsch, englisch.

Wechsel von der Verwaltungs- zur Produktionsebene, zum freien Unternehmertum, von dem Wasser, insbesondere seine Kraft und Beschaulichkeit, sein Erholungswert, zur Erzielung durchaus ordentlicher Gewinne genutzt wird. Namentlich die EVN, seinerzeit ein regionaler Stromproduzent, heute ein mächtiger, weithin verzweigter, in etliche Produktsparten diversifizierter Konzern, sowie die Fremdenverkehrswirtschaft seien ins Spiel gebracht.

Parallel zur professionellen Ebene der Staatsapparate hat sich im Lauf der Zeit ein Cluster an Plattformen, Arbeitsgemeinschaften und NGOs gebildet, deren Mitglieder, zumeist die Repräsentanten der Staatsebene selbst, Umweltschützer, Mitarbeiter der Feuerwehr respektive des Bundesheers – die Katastrophenprofis – und all die in den Alarmplänen mit Zuständigkeiten ausgestatteten zusätzlichen zivilen Hilfskräfte, von Veranstaltung zu Veranstaltung hecheln, um auf dem Laufenden zu bleiben. Die „ERFA Hochwasser“, um eine Vorstellung zu erzeugen, lud vergangenen April zum „5. Österreichweiten Erfahrungsaustausch für Hochwasserschutz- und Erhaltungsverbände“. Der Jahreskalender ist voll mit vergleichbaren Meetings, Seminaren, Kursen, Übungen, Fachtagungen, Exkursionen, und man staunt nicht schlecht über die Kursgebühren, die gelegentlich verlangt werden.

Das Ensemble von Playern sieht sich in seinem Tun durch das Wasserrechtsgesetz und hier insbesondere durch den siebenten Abschnitt, „Grundsätze der Überwachung und der Erhebung“, mehr als ausreichend legitimiert. Der tragende Terminus technicus ist der Begriff „Netz“: Überwachungsnetz, Basisnetz, Messnetz. Allein das Land Niederösterreich betreibt 150 Pegel- (für Fließgewässer und Seen), 260 meteorologische (für Niederschlag und Temperatur) und 530 Grundwasser-Messstellen, insgesamt also 940 Messstellen. Fast könnte man meinen, das Wasser habe, um der bürokratischen Einhegung, der technokratischen Kontrolle, der radikalen privatwirtschaftlichen Nutzung zu entkommen, eben nur eine Wahl: zu steigen und noch einmal zu steigen, Überflutungen zu bilden, in die sorgsam gehüteten Häuser und Felder einzudringen, eine Sintflut zu erzeugen, an die man sich auch noch viele Generationen später erinnert.

Bei der Freiwilligen Feuerwehr. Ein herannahendes Hochwasser ist lange, bevor sich in der Bevölkerung das gewisse mulmige Gefühl breitmacht, registriert, nämlich von den Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr. Gerhard Urschler von der Freiwilligen Feuerwehr Krems zeigt mir bei meinem Besuch das Alarmzimmer und lenkt mein Augenmerk auf einen Bildschirm, der ständig zwischen den vier für die Region bestimmenden Pegeln hin und her wechselt. „Die Informationen sind absolut aktuell, ohne Zeitverzögerung. Wir mussten kämpfen. Die Bürokraten wollten uns im Zuge der Digitalisierung mit einem halbstündigen Verzögerungsfaktor abspeisen.“

Er zeigt mir den hausinternen Einsatzplan, „unser Regiebuch“: sechs prall gefüllte Leitzordner, darin minuziös aufgelistet, welche Handlungen bei welchen Pegelständen von wem wo zu setzen sind. „Da steht drinnen, bei sechs Meter fünfzig sind die kleinen Dammbalkenverschlüsse zu setzen. Wenn wir im Zweifel sind, fragen wir noch einmal rück, lieber Meteorologe“, und wenn der sich nicht festlege, dann werde eingebaut und vielleicht zwei Tage später wieder abgebaut. „Wenn ich das Risiko minimieren will, muss ich manchmal Maßnahmen setzen, die nicht notwendig sind.“ Bei einem längeren Gespräch fächert der erfahrene Feuerwehrmann den Hochwasserverlauf auf einer Zeitachse in Phasen auf: „In der ersten Phase, wo die Hochwasserwelle im Steigen begriffen ist, sind die Nöte der Bürger in erster Linie Information. Die Behörde hält sich zu diesem Zeitpunkt meist recht bedeckt, weil sie ja selbst nicht genau weiß, welches Ausmaß die Katastrophe annehmen wird, und legt jedes ihrer Worte auf die Goldwaage. Das ist ein Regelkreis, der in die Panik führt.“

In Phase zwei wird es infolgedessen sehr hektisch: „Das heißt, die Leute sagen schon, puh, da muss ich was machen, wo krieg ich Sandsäcke her, wo krieg ich Sand her, wo bekomme ich dieses und jenes, und das versucht die Leitstelle zu organisieren. Wir haben ungefähr eine Million Sandsäcke hier am Standort umgeschlagen oder mit LKWs nach Krems gebracht, Sandsackdepots, und haben das ausgegeben. Diese Sandsäcke sind natürlich leer, das sind Jutesäcke, die muss sich der Bürger selbst mit Sand befüllen.“ Phase drei: „Wenn das Wasser dann da ist, dann haben die Leute konkrete Probleme, sprich: Mein Haus steht unter Wasser, mein Hund ist weggeschwommen, das Ölfass schwimmt dort, wie komm ich zur Großmutter, die dort und dort wohnt, und die Straße gibt es nicht mehr. Also da haben wir dann Notfallsituationen.“

In dieser Phase helfe die Feuerwehr aus vollen Kräften. Ansonsten könne man während der Spitze des Hochwassers die Gefahr für Leib und Leben respektive die Beschädigungen der Infrastruktur nur „achselzuckend zur Kenntnis nehmen“: „Da können wir nichts tun, wir müssen warten, bis das Wasser zurückgeht. Und in der vierten Phase sind Aufräumarbeiten gefragt.“

Was die Leute in keiner der vier Phasen brauchen, ist realitätsabgehobenes Zeigefingergewedel: „Ich brauch keinen Meteorologen, der den Leuten erklärt, dass es vielleicht regnen wird. Der Bürger will Entscheidungen für sich selber treffen können, der will das nicht vorgesetzt bekommen, mit Notfallplan, evakuieren Sie, fahren Sie nach Norwegen, dort sind Sie sicher. Die Leute wollen im Haus bleiben.“

„Es war für uns alle eine große Zäsur.“ Ich bin in Weißenkirchen. Mein Gesprächspartner ist Diplomingenieur Toni Bodenstein, Bürgermeister von Weißenkirchen, 2002 im Amt des Vizebürgermeisters und an führender Stelle im Katastropheneinsatz. Schon nach wenigen einleitenden Worten, fällt der Satz: „Aber es war für uns alle eine große Zäsur.“ Doch mein Gegenüber dirigiert den Erzählfaden in eine ganz andere Richtung. Viel von Häusern, alten, sehr alten, von Lesehöfen, Renaissancebauten, gotischen Türmen, uralten Marterln ist die Rede. Nach weiteren Abschweifungen versuche ich, das Gespräch sachte zurück zur bis dahin isoliert im Raum stehenden „großen Zäsur“ zu lenken. „Und nach 1991 war dann – wenn ich das ganz kurz replizieren darf – der Moment, wo sehr viel zerstört war und die Infrastruktur brachgelegen ist, wir als Fremdenverkehrsregion Wachau wochenlang nicht besucht werden konnten, weil ja alles kaputt war und gestunken hat. Das war der Anlass, dass man sich Gedanken gemacht hat, wie kann man die Stadt und die Wachau schützen. Man hat gesagt: Zwei oder drei derartige Ereignisse – und das hat sich 2002 ja dann entsprechend wiederholt – genügen, um die Kosten für einen Hochwasserschutz zu amortisieren. Genau das ist das Thema gewesen, und genau das kann ich jetzt als betroffene Gemeinde in der Wachau nach einem erfolgreich abgeschlossenen Hochwasserschutz nachweisen, ja.“

Dann, endlich, ein rhetorischer Schlenker in meine Richtung: „Wenn schon – und da bin ich jetzt bei Ihnen – die Zäsur mit der Donauuferstraße gegeben ist, dann kann ich mir nur vorstellen, statt der Leitplanke entlang der Donauuferstraße dieses Mauerwerk in Höhe von 82, 83 Zentimetern, unten verspundet, und nach oben bis zu drei Meter hohe Mobilelemente.“ Eine echte Bewährungsprobe dieses im März 2010 fertiggestellten Schutzbaus steht noch aus, Hochwasserschauen wird, wie es scheint, in Weißenkirchen jedenfalls nicht mehr möglich sein, man wird sich ein bisserl fühlen wie hinter den monströsen Lärmschutzwänden entlang Österreichs Autobahnen. Nach eingehender Reflexion seiner Aussagen bin ich mir allerdings ziemlich sicher, der Weißenkirchener Bürgermeister und ich haben divergierende Vorstellungen vom Begriff Zäsur.


Die Bilder. Soeben ist eine CD vom Landesstudio Niederösterreich mit den Sondersendungen des Formats „Niederösterreich heute“ vom 8., 12. und 13. August 2002 zur Hochwassersituation in diesem Bundesland bei mir eingetroffen. Bilder, Bilder, Bilder. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön. Die Bildmedien sind wichtige Teilnehmer am Katastrophendiskurs; sie liefern Material, nach dem die Menschen der Gegenwart süchtig sind. Rasch schaue ich mir die CD an, ich bin neugierig: Die Sondersendung „Niederösterreich heute spezial“ vom 8. August 2002 beginnt. Marie-Clair Zimmermann berichtet aus Jettsdorf am Mühlkamp, steht in Gummistiefeln auf einer offensichtlich nur fersentief überspülten asphaltierten Dorfstraße. Sofort stellt sich Hochwasser-Feeling ein. In Zöbernitz werden Menschen mit Hubschraubern aus lebensgefährlichen Umständen gerettet. Zwei Jugendliche haben die Nacht auf einem Baum mitten im reißenden Kamp verbracht.

Landeshauptmann Erwin Pröll, links und rechts von kräftigen Feruerwehrmännern gestützt, robbt, in einen Ganzkörpergummianzug gepackt, bei Nacht durch brusthohes Wasser auf die Kamera zu. Schwer betroffene Ortschaften: Weitra, Gmünd, Senftenberg, Thurnberg, Gars, Langenlois. Marie-Clair Zimmermann interviewt zwei Experten, eine Wettertante und einen Hydrologenonkel. Beide liegen mit ihren Aussagen komplett daneben, versuchen – aus welchen Gründen immer –, die Gefahr herunterzuspielen.

Die Spezialsendungen vom 12. und vom 13. August kommen aus Ybbs und Weißenkirchen. Bei der Sendung aus Ybbs ist der bange Kamerablick auf die Anfänge des Donauhochwassers an diesem Tag gerichtet. Die Liste der bei weiterem Ansteigen massiv gefährdeten Gemeinden ist lang. In Weißenkirchen steht die Kamera oberhalb der Gärtnerei, längst sind die Werte von 1991 überschritten, das Donauhochwasser wird bis Mitternacht sogar noch um einen weiteren Meter auf die historische Höchstmarke von 10,87 Metern (Pegel Kienstock) steigen.

Am Regiepult scheinbar kosmische Gelassenheit. Der Bildausschnitt ist bis auf den wie schon in Ybbs wieder in Gummistiefeln auf dem überspülten Asphalt stehenden männlichen Moderator menschenleer, es gibt nichts mehr zu schauen, die Katastrophenkiebitze haben sich verdrückt, kein Plätschern, keine Geräusche; die hohen Wasser, ihr verhängnisvolles Dahingleiten, verschlucken sämtliche Naturlaute. Das ist die Form, in der die Donau ihre Macht zum Ausdruck bringt.

Mitten in die Sendung platzt die Meldung, Stein müsse evakuiert werden, der neu errichtete mobile Hochwasserschutz reiche nicht aus. Zum Glück hat er dann doch bis auf wenige Zentimeter gehalten, Stein konnte aufatmen. Aber Weißenkirchen zum Beispiel: 60 Prozent des Häuserbestands betroffen, konfrontiert mit einem noch nie erlebten Schadensausmaß.

Anderen Ortschaften ergeht es nicht besser, einigen viel schlechter. Der Gemeinde Grafenwörth wird die Lage an der Mündung des Kamps in die Donau zum Verhängnis, der gigantisch angeschwollene Strom blockiert das Einmünden-Wollen des nach der Vorwoche abermals mit einem Höchststand daherkommenden Zubringers, drängt dessen Wasser zurück in die Ebene, das Dammsystem kollabiert, Grafenwörth wird zur Gänze evakuiert.


„Es ist Teil meiner Geschichte.“Der Zufall, dass die Flutwelle in die Ferienzeit fällt, erleichtert den Behörden zumindest in der Gegend von Krems die Aufgabe, Evakuierte adäquat unterzubringen. Eveline Gruber von der Rotkreuzstelle Krems-Mitterau, die vorsorglich ebenfalls evakuiert wurde, leitete 2002 die ins Internat der Tourismusschule am Langenloiser Berg „dislozierte Einsatzzentrale“, wie sie es nennt. Das Rote Kreuz kommt ins Spiel, sobald die Feuerwehr oder andere Einsatzkräfte Zwangsevakuierte irgendwo auf festem Grund absetzen. „Die Behörde definiert halt jetzt einen Sammelplatz, wo die hingebracht werden, und das war dann zum Beispiel für uns so, dass wir informiert wurden, Bevölkerung aus der Gemeinde Theiß wird evakuiert in die Weinbauschule nach Krems; die Behörde ordnet an, diese Schule muss geöffnet werden, damit die evakuierten Personen ein festes Dach über den Kopf kriegen als Erstmaßnahme. Jetzt san glei amoi die Leit do, die san durchnässt, die haben Durst, und dann kommt das Rote Kreuz mit einem großen Teehäfen und kocht warmen Tee für alle.“

Der Einsatz des Roten Kreuzes von Krems-Mitterau zählt zu den weniger spektakulären. In der Weinbauschule wurden 80 Personen versorgt. Das ist eine überschaubare Menge. „Es ist Teil meiner Geschichte“, sagt die Rotkreuzoffizierin zum Abschied und meint das Hochwasserereignis 2002 in seiner Gesamtheit. Seither geht mir dieser Satz nicht aus dem Kopf. Klingt so ähnlich wie das, was andere über das Jahr 1945 sagen.


Nachdenken. Die Trümmer sind beseitigt, die Treibhölzer eingesammelt, die von den Urgewalten der Natur zusammengeschobenen und verbeulten Blechhaufen, einstmals Autos, verschrottet, der Schlamm ist weggekratzt, die Keller der Häuser sind leergeräumt, der tagelang entlang der Zäune der Kleingärten auf den schmalen Straßen aufgestapelte Sperrmüll ist abtransportiert, manche Behausung feuchtelt noch. Die Schadensermittlungen haben längst begonnen, sie werden sich auf rund drei Milliarden Euro für ganz Österreich summieren; die demokratischen Gremien, der Nationalrat (19. August 2002), der Landtag von Niederösterreich (11. September 2002), der Bundesrat (26. September 2002) respektive der Gemeindebund tagen. Man beklagt die direkt im Zuge der Katastrophe zu Tode gekommenen neun Opfer und verspricht rasche, flächendeckende Hilfe.

Die Protokolle würden Stoff für gut ein Dutzend Nestroy-Stücke abgeben. Nichts beherrschen österreichische Politiker und Politikerinnen besser, als den von Katastrophen Betroffenen ihre Anteilnahme auszusprechen. Es gibt keine Verantwortlichen, keine Täter, auf gar keinen Fall Schuldige, sondern nur die tief gekränkten Volksseelen und ihre charismatischen Tröster. Die Experten, Beamten, das mit der einschlägigen Materie befasste wissenschaftliche Personal, der „staatliche Wasseradel“, um Pierre Bourdieu zu paraphrasieren, ziehen es vor, eine Weile auf Tauchstation zu gehen.

Zur Verfügung stehen mehrere Möglichkeiten, ein Ereignis wie das Hochwasser 2002 begrifflich zu fassen, zum Beispiel auf Basis des wirtschaftswissenschaftlichen Ansatzes, bei dem das Katastrophenmanagement als Spezialfall der Betriebswirtschaftslehre behandelt wird. Der Katastrophenschutz ist einer der Kernbereiche staatlichen Handelns. Davon geht die Langenloiserin Verena Adam in ihrer Arbeit zum Hochwasser-Katastrophenmanagement österreichischer Gemeinden aus: „Der Schutz vor extremen Naturereignissen und die Hilfe nach Eintritt einer Katastrophe werden vom Staat als typische ,öffentliche Güter‘ zur Verfügung gestellt.“ Bemerkenswert nebstbei ihre „Hypothese 1“: „Das kommunale Katastrophenmanagement im Zuge des Hochwasserereignisses im August 2002 wies Defizite auf. Ressourcen und Prozesse des Katastrophenschutzes und der -hilfe waren nicht vorhanden beziehungsweise nicht vorgesehen und trugen nicht in einem ausreichenden Maß zur angemessenen Vorsorge und Bewältigung des Ereignisses bei.“

Adams Ansatz näher umreißend, schreibt Oskar Grün, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, zugleich Betreuer der Arbeit Adams: „Trotz der Erkenntnis, dass Katastrophen eine Folge langfristiger natur- und sozialwissenschaftlicher Entwicklungen sind, liegt ein genuin betriebswirtschaftliches Problem vor: die kurzfristige qualitative und quantitative Anpassung sowie der Zwang zur Kooperation von Institutionen zur Bewältigung existenzgefährdender, zeitlich befristeter Ereignisse.“ Es handle sich „um einen Extremfall des klassischen betriebswirtschaftlichen Problems der Betriebsanpassung“.

Für den vermeintlich betont „praxisorientierten“ Katastrophenmanagement-Ansatz jedweder Provenienz, egal ob betriebswirtschaftlich, soziologisch, psychologisch oder sonst wie fundiert, gilt, was Martin Voss festhält: „Tatsächlich behandeln die Managementtheorien nicht das Management der Katastrophen, sondern Fragen der Steuerung des Verhaltens von Akteuren in und nach Katastrophen. Untersucht wird die Frage, wie sich Menschen ,managen‘ lassen, während die Katastrophe selbst und ihre Bedingungen weitgehend unhinterfragt bleibt. Diese Art katastrophensoziologischer Forschung verspricht also kein systematisches Bild von ,der Katastrophe‘, vielmehr offenbart sie, dass menschliches Verhalten sich besonders in Extremsituationen kaum allgemein begreifen und entsprechend kaum ,steuern‘ lässt.“

Ab nun befinden wir uns in den weiten Gefilden der Soziologie in ihren interdisziplinären Ausprägungen, namentlich der Diskursanalyse, der Sozialgeografie und der Kulturwissenschaft. Michel Foucault und Pierre Bourdieu sind die Referenzpersönlichkeiten, so manche der zahlreichen Resultate der jüngsten Katastrophenforschung basieren auf deren Begriffsapparaten. Die Naturkatastrophen der vergangenen Jahre haben die stark positivistisch überfrachtete wasserwirtschaftliche Verwaltung und ihre wissenschaftlichen Zuträger arg zerzaust. Das Bedürfnis nach neuen Methoden und Ansätzen, nach verstärkter Einbindung der Bevölkerung ist stark gestiegen. Im Programm der heurigen Flussbautagung (19. bis 21. September) beispielsweise findet sich ein ganzer Block zum Thema „Öffentlichkeitsbeteiligung – Beteiligung der Betroffenen“, ein absolutes Novum. Da und dort wird bereits der Begriff „Paradigmenwechsel“ herangezogen, um den Veränderungen einen Namen zu geben.

Bei der Eröffnung des Hochwasserschutzbaus von Spitz, eines technischen Zwillings des Bauwerks von Weißenkirchen, im vergangenen Mai dann der Rückfall. Als gäb's keine neuen Erkenntnisse und Einsichten, konnte man bei der Eröffnungszeremonie die Festredner wieder in ihren alten Rollen erleben, wie sie mit versteinerten Herzen und prahlerischer Attitüde mit gigantischen Investitionssummen um sich warfen, dem verdutzten Publikum versicherten, man habe dem Donauhochwasser nun endgültig ein Schnippchen geschlagen, und auch überall sonst im Land Niederösterreich werde derart massiv gebaut und geschützt, dass man davon ausgehen könne, ein 2002er-Ereignis werde sich nie mehr wiederholen. Nichts gelernt, nichts begriffen.

Der Doyen der Katastrophenforschung, Lars Clausen, hat vor langer Zeit ein Prozessmodell entworfen, in dem sich die „Figuration ,Katastrophe‘“ über sechs Stadien verfolgen lässt. Die Community von Spitz befindet sich im ersten Stadium, „Friedensstiftung“: „Es besteht Anlass zur Feier.“ Allerdings lassen der Tenor der Reden, notabene die „technologische Eintrübung“ des Blicks der Feiergemeinde, für die übrigen Stadien Schlimmes befürchten. ■

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