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Im Regen der Rührung

03.08.2012 | 18:47 | Von Julian Schutting (Die Presse)

Manche schauen kurz auf, nämlich dorthin, woher die Musi kommt. Manche schütteln den Kopf, ziehen weiter. Ein junges Paar, reichlich tätowiert, hält, wie von einem Zauber gebannt, inne. Wenn Oper projiziert wird – auf dem Rathausplatz und andernorts in Wien.

Dass sich so mancher Opernbesucher während der langen Opernsommerpause dann undwann auf dem Rathausplatz einfindet, angelockt von Operngsangeln, die bis in die Schottengasse dringen, also um von Aufzeichnungen aus der Jugendzeit Erinnerungen aufgefrischt zu bekommen oder um in welchen Opernhäusern auch immer Versäumtes einigermaßen tauglich nachzuholen. aber dass sich Stehplatzhabitués, Repräsentanten der klassenlosen Opernstehplatzgesellschaft, die da von der Galerie, sich des Privilegiums „Unser ist die beste Akustik!“wohlbewusst, mitleidig aufs Parkett hinunterschaut, mir nichts, dir nichts des Drinnenseins begeben, um da draußen auf dem Karajanplatz vor Großbildwand selbstverleugnungsvoll ihrem Status untreu zu werden inmitten eines Kommens und Gehens, da solch ein Gratisvergnügen die vom Zufall Hingeführten bald ermüdet? dort wird sich gewiss nicht der Ministerial- oder Medizinalrat einfinden, der gern neben einem Maschinenschlosser lehnt, von dessen handfesten Kommentaren belustigt, und genauso wenig wird dort der hemdsärmelige Abend-für-Abend-Gast einer gerade noch rechtzeitig hereingehuschten alten Dame wie unlängst zu Gewinke eines zuzischeln: „Küss die Hand,gnädige Frau! hab mir gestattet, den Platz zu meiner Rechten für Sie freizuhalten!“

Na, aber wenn dann ein alter Stehplatzler, wie ich einer war, den Andrang an der Kassa unterschätzt und also leer ausgeht? na, dann schau ich mir doch von draußen an, was mir ausnahmsweise drinnen verwehrt ist, ohne die Aura des Hauses dümmlich zu vermissen. und dürfte ich nicht mir inklusive Besetzung Wohlvertrautes einmal mit freien Augen besser als durchs beste Opernglas zu sehen bekommen wollen, weil in eine der Sängerinnen vernarrt? und warum sollte sich nicht so mancher, der erfahrungsgemäß wie ich der zweiten oder dritten unnervös verlaufenden Aufführung den Vorzug gibt, während der Premiere von draußen ein Bild machen, was ihn bald drinnen erwartet, dankbar, dass ihm der Anblick der auf Premieren gewissermaßen abonnierten Politfunktionärs- und Bankertypen erspart bleibt, deren Pausenkonversation zu lauschen nur einmal erheiternd ist, das kunstphilosophisch ambitionierte Geplapper so mancher Gattin eingeschlossen?

Also deshalb hast du dich unlängst zur Premiere der „Walküre“ statt auf den Stehplatz auf den Oper-live-Platz begeben!

Eigentlich nur, um dem großartig ersonnenen Begriff „Zaungast“ die Ehre zu erweisen, wiewohl sich der längst zu einer Metapher gewandelt hat.

Hast also, wie ich dich kenne, den Lattenzaun vermisst, über denvon Erwachsenen, durch dessen Zwischenräume von Kindern auf das Galopprennen der Walküren zu schauen wäre.

Ja, denn nun war ja nicht herauszufinden, ob eine hochmütige Adelsschicht heruntergeschaut hat auf die armen Leut, für die, hinter einem Zaun gehalten wie Vieh, eine Erahnung adeliger Vergnügungen wie Brotkrumen abgefallen ist, oder ob sich eine neugierige Unterschicht zu sie ausschließenden Anlässen selbstbewusst als „Zaungäste“ bezeichnet hat, letztlich voll der Verachtung für eine exklusiv sich gebärdende, weil heruntergekommene Oberschicht.

Hast du gewusst, dass ich zur Premiere eingeladen war?

Ja, aber ich hab dort dich drinnen Befindliche nicht beneidet – als einer, der täglich etliche Stunden seines Lebens am Schreibplatz verhockt, konnte ich mir am Stehplatz Verwehrtes reichlich genießen: mich frei zu bewegen in einem Herumgeschlender, bis dieser „Walküre“ näher zu treten geboten schien. habe mich dann an das Geländer oberhalb der Einfahrt in die Operngarage gelehnt, zwischen zwei dort angeketteten Fahrrädern. und was da „in Bild und Ton“ von drinnen an einen dringt, hat die Kraft, den fortbestehenden Stadtlärm bis auf Rettungssignale hinwegzunehmen. im Übrigen wird dort, dort heraußen, mit denen da drinnen mitapplaudiert – also wohl nur von denen, die sich drinnen Opernillusionen erworben haben wie ich!

Ja, mein Lieber, solch ein Mitapplaudieren von Draußen mit applaudierendem Drinnen würde jedem Außenstehenden, ich meine: jedem der Opernwelt Fernstehenden, sofort klarmachen, dass da eine Direktübertragung stattfindet – oder würde denn am Rathausplatz, nach einer noch so grandiosen Aufzeichnung aus den – sagen wir – Siebzigerjahren, längst gestorbenen Solisten und Dirigenten Beifall geklatscht, sobald das damals mitgefilmte Publikum klatscht und jubelt, darunter viele gleichfalls kaum noch am Leben befindliche ältere Herrschaften!

Also ich würde dort der Brünnhilde oder Isolde einer Birgit Nilsson meine damaligen Bravo-Rufe lautstark erneuern, auch damit mich umsitzenden Opernlaien ein Licht aufginge über große Opernkunst. auf dem Karajanplatz jedenfalls hat es mir behagt, den auf staatsopereigenen Sesseln und auf mitgebrachten Klappstockerln Sitzenden der Reihe nach, Reihe für Reihe, ungeniert in dievor Hingabe im Abendrot leuchtenden Gesichter zu schauen, von den letzten Sonnenstrahlen zum Erstrahlen gebracht, und ihren bloß zögerlich beginnenden Applaus zu den hellen,kleinen Schreien der Mauersegler aufsteigenzu sehen, die sich da unter Sonnenuntergangswolken in Flugkünsten üben! und Siegmund und Sieglinde, die hast ja auch du da drinnen im Zuschauerdunkel wohl großartig befunden, mögen es mir nachgesehen haben, dass zwischendurch meine Aufmerksamkeit auch den Wien-Touristen gegolten hat, die da über den Platz ring- oder innenstadtwärts am Bummeln waren.

Manche schauen kurz auf, nämlichdorthin, woher die Musi kommt und wohin die Versammelten schauen – manche schütteln den Kopf, lachen kurz auf, ziehen weiter; einer, nächst mir kurz stehen geblieben, belehrt seine Begleiterin dahingehend, das sei nun eine Szene aus einer Verdi-Oper, heiße „La Traviata“. anders eine Gruppe junger Japaner, die sich fürs Erste duckt, offenbar um dem sitzenden Publikum nicht die Sicht zu verstellen; weiß aber sofort Bescheid, kauert sich rasch hin zu Hundings Füßen.

Noch mehr aber haben es mir drei verwahrlost anmutende Burschen angetan, die, aus Bierdosen trinkend, näherkommen: plötzlich gibt es ihnen einen Ruck, kehren sich dem Bildschirm zu – werden sich nach kurzem Erstarren auf dem Pflaster niederlassen, die Dosen weggestellt haben und sich bis zum Ende des ersten Aktes nicht rühren, abgesehen von einer gemeinsam zu Ende gerauchten Zigarette: dass doch die Menschwerdung von lange daran Gehinderten auch so beginnen könnte, mit einem Bekanntschaftmachen mit dem, was also eine Oper ist!

Und mein Entzücken hat sich ein junges Paar zu teilen: reichlich tätowiert und wohl eher der Diskowelt zugehörig, wird es vom Zufall im richtigen Moment hergeführt: die beiden reißt es herum, halten, wie von einem Zauber gebannt, inne, sind schon, einander an den Händen fassend, in den Sog Siegmunds und Sieglindes Umarmung geraten: lassen sich hinsinken in eine ähnliche Umarmung: ach, dass sie nun doch fühlen, was passioniertes Lieben ist!

Zur Pause albertinawärts zu streben, im kleinen Café des Filmmuseums ein Glas Wein zu trinken – na, auf das wäre am Buffet der Galerie lang zu warten gewesen. hätte danach noch lange im Burggarten herumflanieren können, zur Verkürzung des Debattierens von Wotan und Fricka. ziehe, während Wotan und Brünnhilde wortreich ihre Argumente tauschen, auf dem und um den Oper-live-Platz konzentrische Kreise, die sich aber nicht über die Hörgrenze weiten. es beginnt zu tröpfeln, zwei japanische Mädchen spannen ihre Sonnenschirme auf, einzig ich mache mich bald davon, obwohl selbst die drei Burschen, wohl eher von zu viel Bier als von Wagnerschem Orchesterrausch benommen, der weiteren Dinge harren – haben es sich auf dem Pflaster wie auf einer Almwiese gemütlich gemacht; überlasse ihnen mit Gottes Hilfe Frischbekehrten eine Schachtel Zigaretten. treffe in der Opernpassage auf eine Wagner-Spezialistin, die nur für einen Gruß Zeit findet – es nahe ja schon die Todesverkündigung.

Wärest du doch geblieben! der Regen war sicher bald vorbei!

Aber wenn ich doch seit Langem die „Walküre“ mit dem ersten Akt enden lasse! für mein verfrühtes Weggehen hat mich aber gestern eine Großfamilie entschädigt, im Begriff, über den Karajanplatz zu schlendern; hält verdutzt vor vier kleinen Kindern ein, die da, zu für sie später Stunde „überdreht“, seltsam hüpfen, rasch sich drehen, und sollten sie in ein Torkeln geraten und stürzen – nein, die schauen nicht wie Mondscheinige zum Mond auf, schauen während ihres aufgeregten Getanzes zu ihren Vorbildern auf, Ballett live!

Es zu wagen, die Sommerabende vorm Rathaus mit Veranstaltungen in der Stadthalle oder im Großen Konzerthaussaal zu vergleichen? na, dann wäre für den Karajanplatz der intimere Brahmssaal aufzubieten; oder dem Rathausplatz mit Reminiszenzen an die Arena von Verona zu schmeicheln, wo da auf den oberen Rängen aufs leibliche Wohl des Volkes bedachter Bursche sich durch die Menge schiebt zu dem Ruf „Panini, vino, Coca-Cola!“, kaum dass eine Arie am Verklingen ist? unter Absehen davon, dass bis ans Rathaus gewehte Knoblauch- und Grilldüfte kaum einen von schön Sterbenden weglocken!

Ob aber vor der Großbildwand des Rathausplatzes, wo ja Aufzeichnungen unter Tagen wiederkehren, bei widrigem Wetter ausgeharrt wird, wie am jüngsten 10. Juni am Karajanplatz bei Donizettis „Roberto Devereux“, Edita Gruberovas „live“ singender Elisabeth I. von England zu Ehren? du flüchtest zwischendurch, wenn andere singen, unter die zugigen Arkaden – die Mehrheit von mehr als siebzig Aufrechten jedoch scheint von Sturm und Regen, ihren Genüssen offenbar nicht feindlich entgegen, bewundernswert nichts zu merken, und sollten noch so viele Touristengruppen an ihnen vorbeistieben unter sich verbiegenden Regenschirmen!

Einen Moment lang wähnst du dich zurückversetzt in die Arena von Verona, in die Nacht, wo da während einer „Lucia di Lammermoor“ ein Gewitter losgebrochen ist: die Ärmste! ihr schweres Kleid muss ja schon durchtränkt sein, sie nass bis auf die Haut! wahrhaft königlich singt sie, und königlich nimmt die im Haus nach jeder Arie „stürmisch“ Gefeierte den Schlussjubel hin: steht reglos vor dem Vorhang, lässt sich von dem Gejubel, das ihr wie das Gebrüll in ihrer Lust Ertrinkender entgegenbrandet, in Wogen übergießen, durch viele Minuten. nickt dann huldvoll – und da hört es auf zu schütten (wären manche Regentropfen an alten und jungen Wangen Tränen der Rührung gewesen?)
Für Franz-Leo Popp ■

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