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Auf Öl und Sand gebaut

07.09.2012 | 18:44 | Von Najem Wali (Die Presse)

Deutsche Panzer nach Bahrain, nach Katar und nach Saudi Arabien, ein Attentatsversuch gegen den Saudischen Botschafter in den USA, der Tod des Saudischen Kronprinzen und Verteidigungsminister, seit 40 Jahren Sultan Bin Abdul Aziz, und die Nominierung eines Falken als neuen Kronprinzen, nicht zuletzt die Unruhen und die Erschießung von Demonstranten in der Stadt Qatif in der Öl reichen östlichen Provinz ‘Asîr. Dies ist alles Stoff für ein Debatte über Saudi Arabien. Was läuft im „mysteriösen“ Königreich? Hier ist ein Bericht über Saudi Arabien vom irakischen Schriftsteller Najem Wali, der vor kurzem durch SA gereist ist.

Im Königreich Saudi-Arabien brodelt es seit einiger Zeit. Wie sehr auch immer die saudischen Herrscher über ihr „Königreich“ betonen mögen, dass die Ereignisse in der Welt oder um sie herum nichts mit ihnen zu tun haben, die Entwicklungen innerhalb der saudischen Gesellschaft besagen das Gegenteil. Die erste Lektion, die der Besucher des Landes lernt, wie ich es während meines letzten Besuchs unternahm (ich war auf Einladung der Deutschen Botschaft dort zu einem „Streifzug durch die deutsche Kultur“ in Saudi-Arabien unterwegs), ist, dass die Politik der Isolation, die die saudischen Herrscher seit Jahrzehnten verfolgen, sich immer schwerer gegen den Wind der Veränderung, der in den letzten zwei Jahrzehnten zu wehen begonnen hat, durchsetzen lässt.

Denn ein Dogma wie der Wahhabismus – die offizielle Ideologie Saudi Arabiens – scheint direkt aus dem Mittelalter zu stammen: Der Ausschuss zur Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters besitzt mehr Vollmachten als Polizei und Armee. Er hat das Recht, jeden zu verfolgen, festzunehmen und zu inhaftieren, von dem er meint, er folge nicht dem islamischen Recht nach wahhabitischer Auslegung. Dies gilt insbesondere für den Umgang zwischen Mann und Frau. Das Dogma ist eine lebendige Verkörperung des Widerspruchs: Auf der einen Seite die Ideologie, die alles ablehnt und aufhebt, was sich ihr nicht beugt, und das offizielle Motto „Gehorsam gegenüber dem Befehlshaber“ propagiert, womit natürlich der König gemeint ist. Auf der anderen Seite eine Gesellschaft, die immensen Veränderungen ausgesetzt ist, seit das Land mit der Außenwelt in Kontakt getreten ist. Nicht nur wegen moderner Kommunikationsmittel, sondern auch weil das Königreich seine Märkte ausländischen Investitionen und fremden Arbeitskräften geöffnet hat. Und natürlich auch wegen der omnipräsenten amerikanischen Militärbasen.


Bei der letzten Überschwemmung Dschiddas etwa berichteten Presse und Medien erstmals von dem Mut einer Frau, die mit ihrem Auto zahlreiche Bedürftige rettete. Eine solche Nachricht ist in anderen Ländern an der Tagesordnung. Nicht aber in Saudi-Arabien, wo es für eine Frau eines der größten Vergehen überhaupt ist, am Steuer zu sitzen.


Viele Frauen haben nicht nur mit dem Ausschuss zur Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters gebrochen, der ihnen verbietet, Umgang mit dem anderen Geschlecht zu pflegen oder in Positionen zu arbeiten, die diesen Umgang erfordern.

Dieser von den Frauen ausgeübte Druck führt dazu, dass sie selbst an Arbeitsplätzen den Ton angeben, die ihnen zuvor verboten waren. So wagen sie es etwa, Konferenzen zu organisieren, ohne die traditionelle saudische Verschleierung, den Niqâb, anzulegen, wie ich es im Khazâmi-Hotel in Riad und im Sheraton-Hotel in Dammâm sah. Sie bestehen darauf, an kulturellen und literarischen Veranstaltungen teilzunehmen, selbst wenn sie sich verschleiern oder in einem eigens für sie eingerichteten Saal sitzen müssen. Dies war der Fall, als ich im Literaturklub von Dammâm über meine literarischen Erfahrungen und mein Verhältnis zur deutschen Kultur sprach. Wichtig ist jedoch, dass sie anwesend sind. Mithilfe von in den Lesesälen installierten Kameras und über Monitore konnten sie der Veranstaltung von ihren Plätzen aus folgen. Am Schluss jedoch diskutierten sie leidenschaftlich mit. Einige hatten alles gelesen, was ich bisher geschrieben habe. Andere brachten Exemplare meines Romans „Die Reise nach Tell al-Lahm“ (Hanser Verlag, München 2004) mit, obwohl sein Vertrieb im Königreich des Staubes verboten ist. Waren die Frauen während meiner Lesung im Literaturklub Riad nicht im Saal anwesend, so hatten sie in Barîda, der wahhabitischen Hochburg, aus der eine Anzahl al-Qaida-Kämpfer stammen (dort kamen zwei Sicherheitskräfte, um den Konsul und mich zu beschützen), ihre eigene Veranstaltung.


Die gesellschaftlichen Diskussionen in Bereichen wie Kultur, Literatur, Kunst und Pädagogik sind den Diskussionen um die Stellung der Frau durchaus ähnlich. Was jedoch ihren Umgang mit nicht-islamischen Relikten aus vergangenen Jahrhunderten auf dem Boden der saudischen Halbinsel betrifft (wie etwa die der Sumerer und Sassaniden, die kürzlich auf der Insel Darîn in der Region ‘Asîr gefunden wurden), so leisten einige Archäologen der Politik der Auslöschung von vorislamischen Überresten Widerstand. „Es ist nicht rechtens, den Umgang mit archäologischen Relikten dem Ausschuss zur Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters zu unterwerfen“, sagte mir einer der Archäologen. Bis heute werden solche Überreste, sofern man sie nicht einfach vergisst, vom Lokalmuseum der Insel konfisziert und in die Hauptstadt Riad gebracht. Dort werden sie dann in irgendwelchen Kisten aufbewahrt, weil sie nach wahhabitischem Dogma als nicht islamisch gelten. Sie entstammen dem „Götzenkult“, ihre Erforschung ist „Ketzerei“, und die muss man ablehnen. Die reine wahhabitische Kultur hat keinen größeren Feind als die Rationalität.


In all diesen Diskussionsveranstaltungen zeigte die Forderung nach Verbesserung und Veränderung einen bemerkenswerten Eifer und Mut. Sogar die drängenden Fragen nach meinem Besuch in Israel schienen eher von Neugier getrieben, mehr über meinen Standpunkt zu erfahren.


Ich musste wieder an diese Reise denken, als der Funken der Volksrevolutionen in vielen arabischen Ländern auf die Länder der arabischen Halbinsel und den Golf übersprang, wie etwa die letzten Proteste und die Erschießung von Demonstranten in dem vom Öl reichen östlichen Provinz ‘Asîr in Saudi Arabien zeigten. Kein Land fürchtet Veränderungen in der Region mehr als Saudi Arabien selbst. Dies ist verständlich, weil nicht nur das Schicksal des einzigen Herrschers oder Königs davon abhängt, sondern das Schicksal von nahezu 33.000 Emiren, die bis heute, ohne in Frage gestellt zu werden, vor sich hin leben. Vielleicht hat die tunesische Revolution den saudischen Herrscher überrascht. Oder Tunis liegt einfach zu weit weg und hat nicht viel Gewicht in den Entscheidungen über die arabische Politik. Die Ereignisse in Ägypten haben ihn jedoch wach gerüttelt. Nicht nur wegen des Erfolgs der Revolution, sondern auch weil die Vereinigten Staaten von Amerika ihren Alliierten und Freund Mubarak auf weiter Flur allein ließen.


Wer in diesen Tagen die saudische Presse und die Internetzeitungen liest, wird auf Äußerungen stoßen, die bis vor wenigen Jahren in Saudi Arabien unvorstellbar waren. Sie zeigen, dass der Druck auf die Gesellschaft und die liberale Haltung, die der Wind der Veränderung in der Region mit sich bringt, auch Saudi Arabien nicht aussparen. Nachdem sich, mit vielen Jahren Verspätung, die Diskussion um die Ereignisse in der Region in den verschiedenen Medien allgemein verschärft hat, beginnt selbst das streng traditionelle und eindimensionale Dogma, das die saudischen Bürger über einen langen Zeitraum hinweg am Kragen gepackt hielt, zu begreifen, dass es sich selbst verändern muss, um die Veränderungen zu überleben. Auch wenn es nur für eine begrenzte Zeit ist.
Die saudischen Herrscher sind sich dessen bewusst. Warum sonst sollten sie versuchen, die Mode mitzumachen, hier und da „ein paar Löcher zu stopfen“? Mal indem der König die Armen beschenkt, ein andermal, indem er die Gehälter der Beamten erhöht. Mal indem er Häuser baut oder den Dialog mit den religiösen Minderheiten, den Schiiten beispielsweise, eröffnet. Mal indem er Frauen aus der Haft entlässt, deren Vergehen darin bestand, Auto zu fahren, mal indem er die Finanzierung terroristischer Bewegungen verbietet. All dies spielt sich auf der innenpolitischen Ebene ab.


Was aber die außenpolitische Ebene betrifft: Warum setzt Saudi-Arabien nicht einfach seine alte, erprobte Waffe ein, das Geld? Alle Revolutionen, die im vergangenen Jahrhundert in der Region ausbrachen, brachte Saudi-Arabien zu Fall, indem es sie untergrub oder sie wenigstens davon abhielt, sich dem System in Saudi Arabien entgegenzustellen. Dies widerfuhr den linksgerichteten palästinensischen Organisationen, wie etwa der „Volksfront für die Befreiung Palästinas“, oder dem „Schwarzen September“ (die das Attentat gegen die israelische Mannschaft bei der Münchener Olympiade verübte). Sie standen unter der Führung christlich-stämmiger Palästinenser, propagierten den Marxismus-Leninismus und traten, mit der Entführung von Menschen und Flugzeugen, in den bewaffneten Kampf ein. Aber diese Organisationen blieben stumm angesichts der Menschenrechtsverletzungen in Saudi Arabien, weil das Königreich bis zum Erscheinen der Hamas-Bewegung der Hauptgeldgeber der palästinensischen Befreiungsbewegung war. Jede Organisation innerhalb der PLO hatte ihren Anteil am Geld. So erkaufte sich Saudi-Arabien das Stillschweigen jener Linken gegen seine Politik des Mittelalters und die wahhabitische Ideologie mit allem, was sie an Salafitismus und Verachtung für das außerhalb ihres Gehorsams liegende enthält. Es ist eben dieses Geld, der fette Handel, der den Westen über den Terrorismusexport Saudi-Arabiens schweigen ließ. Die saudische Schule in Bad Godesberg in Bonn, die die schulische Erziehung von Kindern in die Ausbildung zu Terroristen umwandelte, war ein Beispiel. „Das Geld sprechen zu lassen“ ist das Prinzip, auf das sich ihre Politik stützt. Die arabische Presse und die arabischen Fernsehstationen jedoch, die selbst noch nicht von den Saudis aufgekauft wurden, sind einer Medienpolitik unterworfen, die von einer einzigen Firma beherrscht wird. Und die gehört den Saudis. Es ist heutzutage schwierig, wenn nicht gar unmöglich, einen Artikel in dieser bestechlichen Presse zu veröffentlichen oder eine Nachricht zu verbreiten, die die saudische Politik opponiert oder verrät.


Dieser Erfolg ist es, der die Saudis dazu bringt, denselben Weg in der Zusammenarbeit mit den Protestbewegungen auf den arabischen Straßen, dem „Arabischen Frühling“ einzuschlagen.


Als sie nach dem Erfolg der ägyptischen Revolution, sich der ägyptisch-iranischen Annäherung bewusst wurden (die Wiedereröffnung von Botschaften in beiden Ländern) und einige moderate Stimmen aus den Reihen der Muslimbrüder lauter wurden und für einen gemäßigten islamischen Weg zu plädieren begannen, weit entfernt von der wahhabitischen Salafia, griffen sie eilig zu ihrer üblichen Waffe: dem Geld. Vier Milliarden Dollar war die Unterstützungssumme, die Saudi-Arabien Ägypten im Mai vergangen Jahres zukommen ließ. Einige Vermutungen weisen darauf hin, dass die Zusammenstöße zwischen koptischen Christen und Muslimen in Ägypten auf die Rolle Saudi-Arabiens zurückzuführen sind. Dies erklärt auch, warum zwei neue Staaten in den Golf-Kooperationsrat aufgenommen wurden: Marokko und Jordanien. Zwar liegen beide Länder nicht am Golf, ihre Mitgliedschaft erlaubt es den Saudis jedoch, bei Ausbruch von Revolutionen auf ihren Straßen militärische Einheiten zur Abschreckung zu entsenden, um die Proteste zu untergraben – wie es in den Straßen Bahrains geschehen ist. Oder Jordanien in einen Krieg mit seinem Nachbarland Syrien zu verwickeln, und die Truppen in Richtung Syrien zu entsenden.


Eine sunnitische Front vom atlantischen Ozean bis an den Golf, um die herrschenden Systeme zu erhalten und dem wachsenden Einfluss Irans entgegenzutreten, ist das erklärte Ziel der Saudis. Das nicht offen erklärte oder in weiter Ferne liegende Ziel besteht darin, die gegenwärtigen Protestbewegungen auszunutzen und ihren demokratischen Verlauf hin zur Festigung der wahhabitisch-salafitischen Herrschaft zu verändern und ein Territorium zu schaffen, auf dem die wahhabitische Flagge wehen soll.


Bisher ist es den Saudis gelungen, ihre Probleme nach außen zu verlagern. Aber wird es ihnen diesmal wieder gelingen? Oder werden die Saudis, wie sie selbst meinen, wenigstens über einen weiten Zeitraum den Status quo bewahren können? Ich glaube nicht. Die Dinge liegen nicht mehr so wie früher. Dies sehen sogar die Reformer innerhalb des Systems ein. Um die Zukunft Saudi-Arabiens zu sichern, muss es seine Lebensform ändern und das Gerüst überprüfen, auf dem es erbaut wurde: das Erdöl, das die Mehrheit in Bequemlichkeit und Faulheit hat versinken lassen. Aber das Erdöl steckt in der Krise. Was, wenn das Öl knapp wird? Was, wenn die Arbeitsbedingungen sich verändern und die asiatischen Arbeiter und die fremden Arbeitskräfte, mit deren Händen das Land erbaut wurde, ihre Rechte einfordern? Was, wenn sie nicht mehr bereit sind, sich knechten zu lassen? Oder wenn die Minderheiten ihre Rechte einfordern? Die Schiiten in der Provinz ‘Asîr etwa – der erdölreichsten Region, wo die Menschen trotzdem als Bürger zweiter Klasse behandelt werden?

Die Geschichte kann man nicht für immer anhalten, dies versucht vergeblich Assad in Syrien. Die Geschichte hat ihren eigenen Lauf. Früher oder später wird der Wind der Umwälzungen in der Region Saudi Arabien erreichen. Das wissen die Saudis selbst, daher leben sie in Angst. Es ist eine Frage der Zeit, und es werden weder deutsche Panzer noch Öl helfen. Gewiss ist nur, dass das Ende des saudischen Systems die Veränderung der gesamten Region bedeuten würde, ihre Befreiung von der wahhabitisch-salafitischen Ideologie und der Macht des Petro Dollars.

Sagte nicht einst ein arabischer Dichter: „Die Zeit wird dir zeigen, was du nicht wusstest, und Neuigkeiten bringen, die du nicht kanntest“? Bis vor Kurzem war das Königreich Saudi-Arabien, oder das Königreich aus Sand, wie ein befreundeter Dichter es nannte, Herkunftsland Nummer eins für islamische Terroristen und die fanatische wahhabitische Ideologie. Wird der Fall des Wahhabismus dem Säkularismus die Tür öffnen, und den Wind des „arabischen Frühlings“ frischer wehen lassen, nicht kontaminiert von dem Sand und dem Öl des Königreichs der Saudis, wie es zurzeit der Fall ist?


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