Die Heldinnen Ulrich Seidls, soweit ich sie kennengelernt habe zumindest, bewegen sich mittels etwas, das aus ihnen selbst kommt. Es ist eine Art Stimulus, der ihnen in einer Art Pawlowscher Konditionierung (vielleicht!) eingepflanzt worden ist, man weiß nicht, von wem, es war auch keine Behandlung dazu nötig, aber, ähnlich wie Tyrone Slothrop, die Hauptfigur in Thomas Pynchons Roman „Gravity's Rainbow“, auf einen Stimulus hin, der ihm eingepflanzt worden ist (und auch er erinnert sich nicht, wer das gemacht hat und wann das passiert ist), mit Erektionen auf den Einschlag der V2-Raketen reagiert, und zwar, und das ist entscheidend!, schon bevor sie einschlagen, legen sie los, diese Frauen. Er hat es, er hat es in sich, der Tyrone. Und die Frauen in Ulrich Seidls Filmen haben es auch insich. Man ahnt zwar, woher das kommt, es wird manchmal sogar gezeigt, man kann es vielleicht psychologisierend deuten wie in „Glaube“, es wird einem sogar auf dem berühmten Tablett präsentiert, und doch weiß man nicht, was sie antreibt, Lust zu suchen, Jesus zu suchen (was bei manchen ein und dasselbe ist), sich vor Fremden bei sinnlosen Bekehrungsversuchen zu demütigen (ähnlich dem erinnerungslos eingepflanzten Stimulus empfinden sie es nicht als Demütigung,nichts kann eine Demütigung sein, wenn manWEISS, was man tut und warum, und sie können daher so recht demütig sein, diese Frauen, inInbrunst demütig. Denn von einer Implantation ihrer Wünsche wissen sienichts, sie wissen nur, daß sie ihnen nachgehen und nachgeben müssen).
Die Männer suchen natürlich ebenfalls, doch sie finden nicht, sie sind diejenigen, dieimmer schon gefunden haben und sich daherin ihren Körpern meist sehr wohl fühlen können: Sie stellen ihre Einigkeit mit sich, ihrem Körper, ihrem Leben, ihrer Existenz aus, sie können nicht aus sich heraus, und das ist ihnen auch egal (der von seiner Mutter buchstäblich verlassene Mann in seiner zugemüllten Wohnung – die Gegenstände haben ihn nicht verlassen, auf die ist nämlich Verlaß! – in „Glaube“, ist sich vollkommen sicher, er weiß nur nicht, wessen er sich so sicher ist, den hält nichts am Laufen, vielleicht weil der Mann fertig ist und die Frau nie fertig wird?, man denke nur an die Hausarbeit...), sie leben in einer wesenhaft eigenen Einheit,sie müssen sich nicht anschauen, denn die Männer sind nicht das, was angeschaut wird,sie schauen selbst, und von der Anschauung, die sich daraus ableitet und zu der sie alleine das Recht haben (während die Frau bekanntlich das ist, was angeschaut wird), werden sie angetrieben.
Das Recht des Anschauens fällt mit der Anschauung also zusammen, ihre Meinung ist das, was sie scheinbar gesehen haben, undihr Denken muß nicht mehr reflektiert werden, es ist ja immer genug Licht da, ohne daßein Reflektor nötig wäre und auch ohne daß sie sich in irgendjemandem spiegeln müßten. Insofern ist das „träge Seil“ Slothrop in Pynchons Roman nicht einer, der auf ein Ereignis,das ihn stimulieren wird, reagiert, nein, das Ereignis, das ganz gewiß eintreten wird – die Rakete ist ja bereits abgeschossen –, stimuliertihn schon davor, vor dem Einschlag, bevor etwas eintritt, insofern kann man diese Romanfigur vielleicht als etwas wie eine Parodie sehen, zum Beispiel auch auf die Frauen in Seidls Filmen, die aufbrechen, das um wirklich jeden Preis zu suchen, was sie zum Tickenbringt, und ja, bevor Sie fragen, auch Herr Jesusam Kreuz kann das sein, mit so einem Kreuz kannman ziemlich viel anfangen, wenn man sichschon mit Jesus persönlich nichts mehr anfangen kann. Beim Helden ist der Stimulus immer schon da, auch wenn er noch gar nicht da ist. Er muß nur ausgelöst werden, wie eine Waffe. Die Frau geht ihn sich holen, und zwar im Außen, das ihr aber verwehrt ist, deshalb muß sie sich eben hineinzwängen, sie ist ja noch immer, vor allem in rückständigen Gesellschaften, auf das Innen fixiert, Maria in „Glaube“ ist allerdings eine berufstätige Frau, sie ist Röntgenassistentin, geht also mit modernen Geräten um, aber sie ist und bleibt trotzdem das Innen, auch wenn sie aus sich herausgeht (aus sich herausgedrängt wird?). Doch bei ihrkönnte das Herausgehen schon das Eigentliche, das Entscheidende sein, und Gott und die Jungfrau Maria, die zufällig so heißt wie sie – aber ihr gelähmter Mann nennt sieAnna, sie scheint Annemarie zu heißen, um die Anna hat sie sich selbst unter Kasteiungen kastriert –, sind diejenigen, die sie losschicken, und jetzt geht sie buchstäblich mit dem Kopf durch die Wand, um ihrem Stimulus zu folgen, dem sie aber nur folgen kann, indem sie ihn je schon gesucht und gleichzeitig gefunden hat. Suchen und Finden ist ein und dasselbe. Sie hat Jesus gefunden. Sie ist losgelassen, nicht losgelassen worden.
Und, das halte ich für wichtig: Da sind dieLöcher in der Wand ja bereits vorgebohrt, durch die sie gehen muß. Es sind sehr große darunter, durch die sie schreiten könnte, ohnesich zu bücken. Aber sie muß sich immer durch die kleinen zwängen, durch die sie nie im Leben hindurchpaßt, das sieht sie ja, aber es ist vielleicht dieses Nie im Leben, das sie sucht. Diese Sucherinnen Ulrich Seidls, wie ersie in vielen seiner Filme darstellt, vor allem in Gestalt Maria Hofstätters (da ist einmal eine Schauspielerin, die sich selbst beimSpielen verfertigt! Keine Ahnung, wie sie das macht), die ganz offensichtlich nichts von sich weiß und dennoch alles, eine, die auf sich angewiesen ist und auch nichts sieht als sich, den sie aber Jesus nennt, der Stimulus und seine Auswirkung sind da längst eins geworden, eine Frau, die eben nichts sieht außer sich, die aber eine andere ist, nichts sieht,das womöglich auf sie angewiesen sein könnte, denn an Stelle dessen, der auf sie angewiesen ist, zum Beispiel ihr durch einen Unfall gelähmter Ehemann, ein Muslim, einer, der inden vorgefertigten Gebeten zu seinem Gott spricht, während Maria ihre Gebete im Sprechen verfertigt, obwohl sie natürlich weiß, daß die schon da sind und sie antreiben, sie hat die Gebete schließlich auswendiggelernt,die sie ticken lassen wie Zaubersprüche, und das sind sie ja auch, tritt immer nur sie selbst auf, die sie aber gar nicht selber ist.
Oder vielleicht so: Indem sie ihre Gebete zu Gott spricht, spricht sie zu sich und aus sich heraus, eigentlich eine Blasphemie, dennsie ist die, die sie ist und sein wird, indem sie sich selbst zu einer anderen macht als derjenigen, die sie ist. Eine Art Über-Gottheit, nicht Aus drei mach eins, sondern dieses Machen ist buchstäblich ein Herstellen, ein handfestes Sich selbst Erschaffen, undSelbstgeißelungen und schmerzhaftesRutschen auf den Knien erinnern an den mühsamen Vorgang dieser Selbsterschaffung. Gotteslästerung, zumindest Anmaßung, kein Zweifel, als ihr Gegenteil getarnt, demütige Unterwerfung. Ein Stimulus ist gleichzeitig ein Zauber und etwas, das sich sehr rational erklären läßt, Pawlow hat ja seine berühmten Hunde zu dieser interessanten Vorführung benutzt unddie Auswirkung an ihnen studiert.
Ich glaube, in ihrer wesenhaften Angewiesenheit auf sich selbst, in dieser Selbstgenügsamkeit, die nur der Fanatismus produzieren kann, der ja eine endlose Ausdehnung der eigenen Person bedeutet(da man sich selbst geschaffen hat, kann man mit sich auch das machen, was man will, indem man vorgibt, ein andrer, Gott, wolle es so), prallen die Figuren in den Filmen Seidls, vor allem aber immer wieder diese Frauen, gegen sich selbst und fallen mit sich in eins zusammen. Die Begriffe für ihre Anschauungen sind schon da, Jesus, dir leb ich, Jesus, dir sterb ich, Jesus, dein bin ich im Leben und im Tod, das sind schon ein paar starke Begriffe! Denken nicht mehr nötig, wozu auch? Die Figur und das, was sie stimuliert, werden eins und mit sich einig, und die anderen, um die man sich ja so bemüht, aber nur, um sie ebenfalls zu Gott zu bekehren, sindauch nichts als man selber, eine Vergrößerung des Ichs (und die Frau kann jede Vergrößerung ihres Ichs brauchen, die sie kriegen kann!). Das Ich frißt sich voll, erhöht sich in seiner Inbrunst, die eine ArtMehrwert darstellt, drängt sich in seiner Hingabe (Preisgabe?) den anderen auf, als eine Erhöhung, eine Vergrößerung dieses Ichs.
Das funktioniert aber nur bedingt. In den Experimenten Pawlows speichelt der Hund schon, wenn er nur die Glocke hört,das Futter ist dann nicht mehr nötig. Doch vom Glockenklang allein wird er nicht leben können. Je (in)brünstiger sich diese Missionarin an andere verschwendet, umsich in Wirklichkeit immer nur selbst zu erschaffen, wie alle Fanatiker, die etwas dermaßen Wichtiges wie sich selbst niemandanderem, auch keinem Gott, überlassen würden, selbst wenn sie sich für diesen Gott in die Luft sprengen und vernichten mögen, desto schneller verschwinden dieanderen in ihr; sie sind keine Menschen mehr, gelten als solche sowieso nichts, interessieren umso weniger, je leidenschaftlicher man sich um sie im Hinblick auf Gott bemüht. Die Objekte der Bekehrung sind nichts als eine Art Wasseraufbereitungsanlage, etwas, das diejenige, die sie um jeden Preis, auch den der Selbstaufgabe, zu Gott führen möchte, durchlaufenmuß, um für das saugende Nichts, das dieBekehrerin – ohne es zu wissen, doch der Stimulus weiß es – selber ist (es ist nämlichbloß das Nichts, das immer größer wird, das Ich ist vor Gott schließlich nichts), genießbar gemacht zu werden. In den Bekehrungsversuchen Marias verschwindendie anderen, verschwindet das andere.
Die Mischung macht es normalerweise aus, wenn man sich Genuß verschaffenwill. Von nichts zu viel, von nichts zu wenig. Aber in dieser Mischung wird nur das Ich, dieses nichtswürdige Ich, dieses Nichts, immer mehr, die Löcher in derWand, durch die man hindurchmuß, verweisen immer nur auf noch mehr leere Räume, welche die Sucherinnen aber nicht schrecken können, sie haben ja sich,und all die Löcher, durch die sie sich zwängen, sind ihnen schon zugewiesen, von Anfang an, Gott hat gesprochen, die Lust spricht auch, wer könnte das toppen?, sonst zählt ja nichts. Das ist die Erkenntnis,und sie fällt zusammen mit der Frau, der man diese Erkenntnis aufgetragen hat. Sieweiß nur nicht, daß das sie selbst war, die sich Jesus von Nazareth und die Jungfrau Maria nennt, beides im praktischen Doppelpack erhältlich. Die Frau erinnert sich,wann sie das Pack gekauft hat, aber nicht, was sie damit anfangen will. Aber sie tut estrotzdem. Sie fängt sich damit an. ■
Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie („Liebe“, „Glaube“, „Hoffnung“) wird ab Dezember vom Wiener Stadtkino Filmverleih in die österreichischen Kinos gebracht.