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Kaviar und Milchkaffee

30.10.2009 | 16:32 | Von Martin Leidenfrost (Die Presse)

In der Serie „Brüssel zartherb“: Macht Urlaub in den europäischen Institutionen! Eine Empfehlung.

Nun, da sich mein Jahr in Brüssel dem Ende zuneigt, stelle ich an mir ein erstes Vorgefühl der Wehmut fest. Das überrascht mich, wusste ich doch wenig Gutes über die Feen und Heinzelmännchen der Europablase zu berichten. Ich nannte sie sogar „plastifiziert“. Und nun ertappe ich mich, wie ich mir einen Billigflug nach dem anderen buche, weit ins nächste Jahr hinein, zu diesen Plastifizierten. Der Beitrag der Billigflieger zur europäischen Integration wäre auch einmal eine Untersuchung wert. Ich zum Beispiel besitze etliche Flugtickets zum Retour-Gesamt-Preis von 12, 15 oder 20 Euro, der Shuttlebus Charleroi–Brüssel kostet mehr. Ich könnte diese Flüge verfallen lassen. Ich verbinde mit ihnen aber eine Vision: Ich will künftig in Brüssel Urlaub machen. Urlaub in den europäischen Institutionen.

Ich denke, ich werde das Frühstück in der Europäischen Kommission einnehmen. Ich hole mir die Presseschau des Tages, suche im Heuhaufen der hundert Seiten nach der Stecknadel eines kommissionskritischen Berichts und tunke dabei das günstige Kommissionscroissant in den ebenso günstigen Kommissionskaffee.


Glück beim 18.30-Uhr-Empfang

Danach käme mir eine Konferenz mit Mittagsbuffet gelegen. Gern lasse ich mich eine Weile berieseln. „Raising awareness“, „communicate sustainable consumption“, „lifestyle assessment“, was halt dem Europäer gerade guttut. Den höchsten Erholungswert böte so etwas wie die Konferenz der Lobby, die ich wegen ihres ansprechenden Namens besuchte: „Chemical Regions“. Am Buffet war ich der Erste, zweimal ließ ich mir Nachschlag geben. Da rief man mich dummerweise zum Presse-Briefing.

Mein Ausflugsziel am Nachmittag ist bestimmt das Europäische Parlament. Niemals würde ich den Ferienflieger in der Woche nehmen, wenn das EP in Straßburg tagt. Ich werde in der hellen Weite der „Mickey Mouse Bar“ abhängen, mit Blick auf den Park draußen und auf die Praktikantinnen drinnen. Ich werde noch einen Kaffee „lait russe“ nehmen, später ein Gläschen vom erfreulich günstigen Portwein, „un euro nonante“, 1,90 Euro.

Mein Urlaubsglück ist erst mit einem 18.30-Uhr-Empfang komplett. Entweder jemand zwitschert mir eine Einladung, oder ich streife aufs Geratewohl an den Sälen beim „Members Restaurant“ entlang. So wie neulich, als ich mit natürlicher Grazie die Empfangsdamen umschritt und mich auf dem rein britischen Empfang der rein britischen „Food and Drink Federation“ fand. Die Tür des kleinen Saals wurde geschlossen, ich war der Einzige ohne Namensschild am Revers. Die Kaviarbrötchen waren vorzüglich. Dummerweise kam auf jeden Abgeordneten, Assistenten oder Journalisten eine eingeflogene britische Lobbyistin. „Sind Sie an Essen interessiert“, sprach mich umgehend eine Food-Lobbyistin an. Ich schluckte hinunter.

Auf den Urlaubstag folgt die Urlaubsnacht. Gut gesättigt und maßvoll vorgeglüht, werde ich es wie in meinen aktiven Zeiten halten, ich fliehe zu den Afrikanern. Sagt selbst, ist das ein Leben? So stelle ich mir Ferien vor. „Und was machst du in Brüssel?“, werden mich die Bekannten fragen, deren Zeitfenster ich durchkreuze, die Briefenden und Gebrieften der Arbeitshauptstadt Europas. „Ich mache Urlaub“, werde ich mit fester Stimme antworten, „ich mache Urlaub in den europäischen Institutionen.“ Der Gesichtsausdruck, den ich damit ernte, wird mir die größte Erholung sein. ■


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