diepresse.com

Textversion
Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

Artikel drucken

Ein Tag, der bleibt

30.10.2009 | 16:32 | Von Norbert Rief (Die Presse)

Es wurde viel geweint an diesem Abend. Einem Abend, der die Vereinigten Staaten veränderte. Und nicht nur die. Vor einem Jahr, am 4.November 2008, wurde mit Barack Obama zum ersten Mal ein Schwarzer zum US-Präsidenten gewählt. Ein Rück- und ein Ausblick.

Es war ein stiller, sehr persönlicher Moment in dem Wahnsinn, der sich an diesem Abend im Grant Park in Chicago abspielte. Ganz allein war die alte Afroamerikanerin an einen Baum gelehnt gestanden, ohne Begleitung, mit einer dunkelbraunen Handtasche, die sie fest mit beiden Händen umklammerte. Stundenlang war sie dagestanden, hatte nur nach vorne geschaut, zur Bühne und auf die riesigen Videoschirme. Irgendwann nach 22 Uhr sank sie langsam, am Baum entlang, zu Boden. So, wie man eben umfällt, wenn einen ein Übermaß an Gefühlen in die Knie zwingt. Tränen rannen über ihr Gesicht. Und dann saß sie da im kalten Gras, das Gesicht in die Hände vergraben, die noch immer die braune Handtasche hielten, und weinte hemmungslos.

Es wurde viel geweint an diesem Abend. Von Jesse Jackson etwa, dem Bürgerrechtler, der gemeinsam mit Martin Luther King für mehr Rechte für Schwarze gekämpft hatte: Er stand mit hoch erhobenem Haupt in der Masse in Chicagos Stadtpark, während Tränen wie Flüsse über sein Gesicht rannen. Colin Powell, der ehemalige Außenminister, saß daheim vor dem TV-Gerät und weinte mit der ganzen Familie, wie er später erzählte. Da brach ihm wieder die Stimme, als er sich an diesen Abend erinnerte.

Es war ein Abend, wie man ihn nur ganz selten erlebt. Ein Moment, über den man noch mit seinen Enkelkindern reden wird. Einer, über den in der Schule berichtet und nach dem in Trivial Pursuit gefragt werden wird. Ein Moment, der die Geschichte veränderte: der Abend des 4.November 2008, als Barack Hussein Obama zum 44. Präsidenten der USA gewählt wurde.

Es raubt einem noch immer den Atem, wenn man sich die Bedeutung dieser Wahl vor einem Jahr bewusst macht. Man muss in diesem Land gelebt haben, muss die Diskriminierung der Minderheit erlebt haben, die nie offen, aber immer versteckt passiert. Man muss gesehen haben, wie Schwarze noch heute in Bundesstaaten wie Mississippi oder Alabama leben und behandelt werden, um die ganze Bedeutung zu begreifen.

Man muss sich die junge Geschichte dieses Landes in Erinnerung rufen. Ein schwarzer Präsident! Nicht einmal 150 Jahre, nachdem Abraham Lincoln mit der Emanzipationserklärung die Sklaven für frei erklärt hat. Menschen, die auch noch viele nachfolgende Jahre nicht viel besser lebten als Vieh. Ein schwarzer Präsident, nicht einmal 60 Jahre, nachdem Schwarze aus speziellen Brunnen trinken, eigene Toiletten benutzen und in eigene Schulen gehen mussten. Als es Schwarzen nicht erlaubt war, mit Weißen im selben Kaffeehaus zu sitzen. Gerade einmal 53 Jahre, nachdem die müde Rosa Parks dafür verhaftet wurde, dass sie einem weißen Fahrgast nicht ihren Platz im Bus gab.

Was auch immer man gegen Barack Obama vorbringen mag, auch wenn er als Präsident grandios scheitern sollte, auch wenn er kein einziges Vorhaben umsetzen kann – eines kann man ihm nicht wegnehmen: Er hat einen Bann in den Vereinigten Staaten gebrochen und Geschichte geschrieben. Hautfarbe allein mag kein Verdienst sein – in diesem Fall aber schon. Ein Afroamerikaner als Präsident der USA ist wie eine türkischstämmige Frau mit breitem Akzent und Kopftuch als Bundeskanzlerin von Österreich.

Obama hat die Vereinigten Staaten allein deswegen zu einem besseren Land gemacht, weil sie ihn gewählt haben. Allein dafür hat er sich den Friedensnobelpreis verdient. Mag schon sein, dass er nicht in der Tradition eines Nelson Mandela steht oder eines Henry Dunant. Mag auch sein, dass ausgerechnet ein Friedensnobelpreisträger vermutlich einen Krieg (den in Afghanistan) eskalieren muss. Aber Obama hat ein „völlig neues internationales Klima“ geschaffen und die „internationale Diplomatie“ gestärkt, wie das Nobel-Komitee befand. Er hat acht Jahre unilateraler Politik George Bushs revidiert, der in seiner schwarz-weißen Welt nur unterschied zwischen denen, die für ihn waren, und dem Rest, der im schlimmsten Fall eine „Achse des Bösen“ gegen die USA bildete. Das war ein wesentlicher Grund für die Preisverleihung – und ein durchaus gerechtfertigter.

Vor allem aber hat Obama der Welt wieder Hoffnung und Vertrauen in ein Land gegeben, dem als letzte verbliebene Supermacht zwangsläufig die Rolle des Weltpolizisten zufällt. Und in der sieht man lieber einen besonnen Intellektuellen als einen einfach gestrickten Texaner. „Jeden Tag sag ich mir in der Früh laut vor: Präsident Obama“, erzählt Cuttie Bacon. „Und jeden Tag machen mich diese Worte unglaublich glücklich und stolz.“ Cuttie wohnt etwas außerhalb von Washington im US-Bundesstaat Maryland – und ist schwarz. „Obamas Wahl zum Präsidenten hat mehr für uns Afroamerikaner getan als jedes Universitätsprogramm oder jede Förderung.“

Auch das kann man ein Jahr nach dem 4.November 2008 nicht hoch genug bewerten: den Effekt, den die Wahl Obamas auf die afroamerikanischen Bewohner des Staates hatte, denen der Weg ins höchste Amt des Landes wegen ihrer Hautfarbe verwehrt schien. Man feierte es als Sensation, als Powell der erste schwarze Außenminister und Condoleezza Rice als erste farbige Frau Sicherheitsberaterin wurde (beide übrigens unter Bush). Aber ein Präsident? Das war eine Dimension, die nicht möglich schien.

„Seit der Wahl gibt es in unserer Schule weniger Probleme mit der Disziplin, alle strengen sich mehr an“, erzählt Cutties Tochter Christian-Alexis, die in eine Schule mit vornehmlich afroamerikanischen Kindern geht. Eingebildet oder nicht, Faktum ist, dass schwarze Eltern jetzt auch ihren Kindern vom großen, amerikanischen Traum erzählen können, dass man es mit harter Arbeit und Disziplin bis zum Präsidenten schaffen kann. Auch wenn in der Realität wahrscheinlich viele wegen ihrer Hautfarbe schon bei der Jobauswahl für den Supermarkt scheitern, seit Obamas Wahl können sie immerhin träumen.

Welche Verantwortung Obama deswegen mit sich trägt, dürfte dem Bewohner der Pennsylvania Avenue 1600 durchaus bewusst sein. Denn das Urteil über sein Handeln wird unterschwellig auch zu einem Urteil über seine Hautfarbe. Man muss nur die rechten Diskussionsforen im Internet lesen oder sich diverse konservative Radiosendungen in den USA anhören, um die Botschaft teils durchaus offen zu hören: Kein Wunder, dass politisch nichts weitergehe, dass die politische Bilanz nach einem Jahr eine nüchterne ist – bei dem Präsidenten. Und mit dem ist die Hautfarbe gemeint. „Ein Nigger ist ein Nigger und bleibt ein Nigger, auch wenn er im Maßanzug auftritt“, schrieb einer auf „Conservatives Forum“. Es bleibt beispielsweise dahingestellt, ob sich der Kongressabgeordnete Joe Wilson auch bei einem weißen Präsidenten die Respektlosigkeit herausgenommen hätte, bei einer Rede an die Nation den Zwischenruf „Sie lügen“ zu tätigen. In all den Jahren, in denen Bush die Nation mit seinen Geschichten über irakische Massenvernichtungswaffen irreführte, bezichtigte nie ein einziger Demokrat den Präsidenten öffentlich der Lüge.

„Manche“, folgerte Maureen Dowd in der „New York Times“ über den Wilson-Zwischenruf, „wollen einfach nicht glauben, dass ein Schwarzer Präsident ist, und werden es nie akzeptieren.“ Auf der anderen, der demokratischen Seite ist die Verlockung natürlich groß, jede Kritik am Präsidenten in Rassismus umzumünzen. So kann man Attacken zum Schweigen bringen und hat eine Erklärung, die niemand zu hinterfragen wagt, weil man dann selbst fürchten muss, als Rassist zu gelten. Doch die Kritik am Präsidenten hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern mit dem Faktum, dass die politische Bilanz seit seiner Wahl ausgesprochen dünn ausfällt.

Das hat freilich weniger mit mangelndem politischem Gestaltungswillen zu tun, sondern mit der Größe der Aufgaben. Die schwerste Wirtschaftskrise seit 70 Jahren; die meisten Arbeitslosen seit 26 Jahren; eine Reform der Krankenversicherung, an der schon Bill Clinton scheiterte; eine Reform der Pensionsversicherung, an der seit Ronald Reagan jeder Präsident scheiterte; ein drohendes Nordkorea und ein köchelnder Iran; ein Krieg im Irak, der beendet, einer in Afghanistan der erst richtig geführt werden muss. Herkules wurde in der griechischen Mythologie in den Olymp aufgenommen, als er seine zwölf Aufgaben erfolgreich vollendet hatte. Viel weniger würde einem US-Präsidenten bei erfolgreicher Absolvierung dieses Arbeitspensums auch nicht zustehen.Allein die Umstellung des US-Gesundheitssystems auf eine allgemeine, staatlich unterstützte Krankenversicherung bedeutet einen Mentalitätswechsel in der US-Bevölkerung, der nicht binnen zweier Präsidenten (Clinton, Obama) vollzogen werden kann. Dazu kommen Abgeordnete, die schon auf die Kongresswahl im kommenden Jahr schielen, und Tausende Lobbyisten von Versicherungsfirmen, die um ihre Einnahmen fürchten. Deshalb ist das, was jetzt als Kompromiss in den Senat kommt, im besten Fall ein Reförmchen.

Selbst Guantanamo Bay, den Inbegriff arroganter Missachtung aller Menschenrechte, kann man in der Praxis nicht so einfach schließen, wie sich Obama das in der Theorie gedacht hat. Neben Dutzenden Unschuldigen sitzen dort nämlich auch ein paar gefährliche Terroristen ein. Und die muss man erst irgendwo unterbringen.

Dass die Republikaner mit allen Mitteln Erfolge dieses Präsidenten verhindern wollen, hat – das gestehen wir ihnen zu – nichts mit Rassismus zu tun, sondern mit reiner Parteipolitik. Man weiß um die Ernüchterung, die mittlerweile in der amerikanischen Bevölkerung eingesetzt hat. Die Umfragen, die dem Präsidenten geringe Unterstützung bescheinigen, zeigen es deutlich. Das Popstar-Image, das Obama seit seiner Rede in Boston im Jahr 2004 begleitete, konnte nicht von Dauer sein. Er hätte schon über das Wasser des Swimmingpools des Weißen Hauses wandeln müssen, um all die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen.

Also tut die Opposition alles, um seine Präsidentschaft zu einem einzigen Misserfolg zu machen. Wissend, dass die Kombination aus Ernüchterung und wenig Herzeigbarem die Chancen eines republikanischen Kandidaten im Jahr 2012, wenn sich Obama der Wiederwahl stellen muss, dramatisch steigert. Ob das gut für das Land ist, war in der Parteipolitik noch nie eine Kategorie.

Wenn es eine wirkliche Überraschung in der Obama-Präsidentschaft gab, dann die, wie schnell die Republikaner die parteiübergreifende Zusammenarbeit, die sie nach der Niederlage im November 2008 angesichts der schwierigen Zeiten versprochen hatten, aufkündigten: Nicht ein Mandatar votierte für Obamas Stimuluspaket, das die Wirtschaft ankurbeln sollte. Geschlossen trat man gegen die Gesundheitsreform auf, ebenso geschlossen gegen eine Änderung des Pensionssystems. Daran war schon Bush gescheitert – wegen des Widerstands der Demokraten.

Auch ein anderer Präsident, bei dessen Namen noch heute ältere Menschen glänzende Augen bekommen, hat politisch wenig vorzuweisen. John F. Kennedy war etwas mehr als 1000 Tage im Amt, bevor er in Dallas erschossen wurde. In der Zeit konnte seine Politik nie wirklich Kontur annehmen. Aber deswegen wird er in den USA auch nicht verehrt, sondern weil der Charismatiker den Menschen und der Welt Hoffnung, Zuversicht und Optimismus gab. Vielleicht bleibt von Barack Obama nicht viel mehr als der 4. November 2008. Aber das genügt. ■


Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

© DiePresse.com