diepresse.com

Textversion
Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

Artikel drucken

Linz an der Stille

30.10.2009 | 16:32 | Von Otto Brusatti (Die Presse)

Die Donau braucht zwischen 17 und 25 Minuten durch Linz. Vom Summen der Häuser und vom Verstummen der Stadt: eine Begegnung mit der europäischen Kulturhauptstadt 2009.

Wir sind vom Norden hergekommen. Von Böhmen, aus Wäldern, zwischen den Steinen, durch die gekerbte Gegend. Es ging dann durch Gräben und entlang von Bergen, noch über der Donau. Von Eiszeiten her stammen die Gräben, und sie machen alles wirklich spannend. Denn plötzlich liegt sie da drinnen, die Donau. Sie windet sich; sie windet sich da drinnen irgendwie gern. Dann winkt der herzige Pöstlingberg. Dann schauen wieder ein paar Flussufer-Häuserreihen verwundert drein. Denn sie ist nun angekommen. In Linz. Die Donau braucht zwischen 17 und 25 Minuten durch Linz. Drinnen in der und durch die Kulturhauptstadt. Sie wird 2009 kaum Kulturhauptstadt-adäquat begrüßt. Kein knatterndes Groß-Fahnenmeer gibt es, kein merkbar anderes lockt; nicht einmal eine überwältigende Buntheit.

Die Schornsteine, die Winkel der Stadt begrüßen. Es ist ein Konzert aus von dort herausgekeuchter Musik. Die Linzer Gebäude summen oft kräftiger als in anderen Mittelstädten. Man meint, es versteckten sich Bläser- und Streicherchöre in den Häusern. Vor allem auch Basstuben und Kontrafagotte. Und aus den umliegenden Landstrichen stammen die Piccolos und Triangel. Zwischen Urfahr und der Westautobahn überwindet man viel mit Nebelhörnern. Kein Wunder, dass Bruckner gerade von und in Linz so geprägt worden ist.

Linz ist die interessanteste Stadt Österreichs. (Dieses und die noch folgenden Zitate stammen aus dem Linzer Riesenprogrammbuch zum Kulturhauptstadtjahr.)

Es gab und gibt, gleitet man in die Hauptstadt der Kultur, aber wenig Lärm. Das hat Gründe, praktische und ideologische, kluge und eher dumme. Die praktischen sind leichter aufgezählt. Die Industrie ist stiller oder weniger geworden. Die Fußgängerzonen werden begangen und die Tunnel befahren. Aber die allgemeine Geducktheit der Linzer trägt dazu bei. Eine Kulturhauptstadt-Angst; vor aktueller Kultur, heftiger als bei einer Messe?

Linz ist schon auf der Zielgeraden: kontrastreich, unkonventionell.

Nichts scheint richtig zusammenzuhängen. Das spricht für Linz. Die Straßen treiben innerlich auseinander. Die Voest et al. sind wie ein Riesendorf im Riesenmarktflecken. Die hübschen Stadthügel werden von vielen gewundenen Bahnen durchzogen. Fährt man in Linz herum, glaubt man, dauernd auf Ausfallstraßen zu sein. Die alten und die neuen großen Zentren in einem zu finden ist schwer.

Linz hat sich von einer Stadt der Arbeit weiterentwickelt zur Stadt der Kulturen.

Die Stadt bietet 2009 so viel, dass niemand auch nur peripher alles erleben kann. Das ist gut so, das macht schon primär eine Kulturstadt aus. Wir staunen folglich, manchmal, über die Angebote, vor allem die orthodoxen. Natur und Naturerleben und angeblich das Ganze verbunden mit Kunst, aha. Dann ein bisschen mehr schon hin zum Aktuellen. Auftragsglück, ganz schematisch zwischen Oper und alter Avantgarde, aha. Performance, Installationen, Stadtbewegung, Symposien, Infragestellung.

Linz braucht mindestens ein Kunstwerk, das Weltruhm erlangt.

Zu Beginn hat man viel verkündet in Linz prae Kulturhauptstadt-Zeit. Vor allem: Dieser Bruckner, der soll bleiben, wo er ist, denn es gibt nur Neues. Schmeck's. Jeder subventionierte Komponist macht weiterhin vorweg Brucknerparaphrasen. So als wäre nix geschehen, als gäbe es keinen Kulturhauptstadtbefehl. Oder man macht auch gern Brucknervernichtungen. Oder notwendige Brucknerverbesserungen.

Der andere Säulenheilige, der Stifter Adalbert, der entzieht sich ein wenig. Er wurde allerdings schon vor 2009 sicherheitshalber und ordentlich abgefeiert. Außerdem wird der A. St., beschäftigt man sich mit ihm, gleich unheimlich. Wie auch der Bruckner Anton, sowieso. Romantiker, Befindlichkeitsduselige, diese zwei Monster vor Gott und den Frauen.

Wir kommen nun in das Linz, das wir das hör-ideologische nennen. Es geht um: Ohr-Aufmerksammachen, Beschallungsmissbrauch, Ruherechte. Die Hörstadt Linz leistet sich ein Akustikon, hat Klangbaustellen, Hörstellen. Es gibt gestaltete Ruhepole, Hörschärfungschancen. Ja mehr noch, es wird das ideologisch-bewusst zum Politikum gemacht. Mit allen Politikern geht man daran, Linz als Hörstadt zu begreifen. Und dazu propagieren die allesamt dann eine Linzer Charta. Tatsächlich, eine von den politischen Trägern offiziell beschlossene. Eine, die man dann der unbelehrbar lauten Welt entgegenschleudern wird. Der Linzer Gemeinderat wirkt stolz als hörmessianischer Vorreiter, meint er. Die Linzer Charta ist die bodenlose Beschämung der übrigen Welt, meint sie. Die Kulturhauptstadt Linz ist die utopisch-akustische Musterstadt Europas.

Die Charta versetzt Linz in die weltweit erste Stadt für akustisches Handeln.

Das muss man sich erst einmal trauen; allein man traut sich noch viel mehr. Hüte sich nun, wer da glaubt, gen Linz aufzubrechen und mit Lärm zu kommen. In Riesenmengen werden rote Karten verteilt, mit und auf diesen wird gefordert.

Stopp der musikalischen Dauerberieselung von der Wurstabteilung bis zum Klo!

Dazu kommen Massen an ziemlich ungustigen Ohrstöpseln in den Verkehr. Außerdem einige Mengen an Aufklebern. Die sollte man überall hinpicken, gefragt oder ungefragt. Ein weißes Klebeding, mit einem stilisierten Ohr und einem schlimmen Text.

BESCHALLUNGSFREI / Zone ohne Hintergrundmusik

Wir schaudern; diese schrecklichen Worte mit dem -frei am Schluss. So wie gentechnikfrei oder bakterienfrei oder judenfrei. Ach Linz, beschallungsfreies Linz, ist das alles tatsächlich dein Ernst?

Linz wird immer als eine ruhig gestellte Stadt verharren. Eine, die sich allzu gerne und ungefragt mit anderen vergleicht. Mehr eine alte Verwandte, in der man seine eigenen genetischen Fehler erkennt. Eine Stadt, die sich herausputzt, weil sie das auch einmal ausprobieren will. Eine, die eigenständig klingt und das als manieristischen Gag ablehnt. Eine, die komisch sein könnte und die vor allem zu viel imitiert.

Nicht Linz muss sich ändern, sondern die Linzer.

So spektakulär die Donau in Linz eingedrungen ist, so wenig begeisternd verlässt sie es. Sie wurde gespeist, benützt, begafft. Linz an der roten Wolke, Linz an der Tramway hat man einst liebevoll gespottet. Wie ließe sich jetzt so ein die Stadt auf den Punkt bringender Satz formulieren? Linz in der verordneten Stille?

Wir haben Linz, an der Donau bleibend, verlassen. Gleiten hinüber, in Richtung der nächsten Hügelschleusen. Wo es barock und weinhängig zugeht. Noch immer passiert es. Die Schornsteine röhren und die Plätze schwingen, im Rücken. Der tiefe Ton der Tuben, Kontrabässe und Fagotte rumort noch im Ohr. Er verhaucht. Geschafft! ■


Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

© DiePresse.com