Einmal in meinem Leben habe ich bis jetzt die Verwandlung erfahren. Diese war mir davor ein bloßes Wort gewesen, und als sie damals anfing, nicht gemächlich, sondern mit einemSchlag, hielt ich sie zunächst für mein Ende“,heißt es in Peter Handkes „Mein Jahr in der Niemandsbucht“. „Als ich im letzten Sommer von einer Leiter fiel: Sofort stieg ich wieder hinauf, oder versuchte es. Und ebenso wieder ich selber noch vorgestern: Nachdemdie zurückspringende Messerklinge, in einemtiefen Schnitt, der mich kurz alle Fleischschichten bis auf den Knochen sehen ließ, mir fast den Schreibfinger abgetrennt hatte, putzte ich, während ich die Hand, auf das Blut wartend, in den Wasserstrahl hielt, mit der andern sorgsam die Zähne.“ Wieder und wieder setzt Handke in diesen Sätzen Formen des Pronomens der ersten Person. Der Verwandelte, dem jeder Unfall, jede Wunde schmerzlos gleich geworden sind, bedarf wohl der Versicherung, er sei noch er selber.
Wer wollte nicht schon einmal aus der Haut fahren, in eine andere, neue? Jedenfallsim übertragenen, vielleicht im wörtlichen Sinn. Allerdings liegt Paradoxes in der Idee, sich selber loszuwerden. Denn damit einem in neuer Haut wohler wird, braucht man den Vergleich. Und dazu muss man doch – teils – der Alte bleiben, der man nicht mehr sein will. Diese Paradoxie hatte und hat die Idee der Verwandlung in ihrer Geschichte auszutragen.
Warum will manche und mancher aus der Haut fahren? An Gründen dafür hat es dem Menschenleben nie gemangelt. Die der Haut– und was dazugehört – nächsten Gründe sind Krankheit, Alter, Sterbenmüssen. Anziehend kann es auch werden, unerkannt zu bleiben. Auf diesem Gebiet hat sich ein verbannter Dichter ausgekannt, Ovid. In dessen„Metamorphosen“ wandelt sich Jupiter zum Ochsen, um Europa zu entführen; eine andere Geliebte, Io, macht der Göttervater zur Kuh, damit seine Gattin, Juno, sie nicht erkenne.
Unter Göttern ist Metamorphose schon insofern Luxus, als sie diese jederzeit rückgängig machen können. Doch in den unteren Etagen der Weltordnung, bei Menschen und Nymphen, wird daraus die liebe Not – es gibt kein Zurück. Als Apollon Daphne zu vergewaltigen sucht, wünscht sie sich, um ihm zu entgehen, die Verwandlung. Ihr Wunsch wird erfüllt. Doch der Lorbeer, in den sie sprießt, erfreut ja nicht sie selbst, sondern den Apoll als neues Accessoire.
Müssten die Träume nicht etwas höher tragen als dahin, Grünzeug zu werden? So dachten die Christen – und funktionierten die heidnische Idee der Metamorphose um. Ziemlich genau in der Mitte der synoptischen Evangelien, in deren Dramaturgie zumHöhepunkt stilisiert, wandelt sich der Wanderprediger Jesus von Nazareth. Vor drei Lieblingsjüngern sowie dem Moses und demElias wird er eine sonnenhafte Erscheinung, eine Gestalt aus Licht. Markus und Matthäus nennen den Vorgang ausdrücklich Metamorphose. Sie entschärft vorab die Demütigung des Kreuzes zur Episode.
Was also geschah da mit Verwandlung? BeiOvid konnten Metamorphosen in jede Richtung ausschlagen, auch einmal nach oben, öfter nach unten, vor allem zur Seite. Unberechenbar waren sie. Die Christen aber wollten sie auf Linie bringen, nämlich: strikt nach oben. Denn Christi Transfiguration nimmt der Art – nicht dem Grad – nach viele Transfigurationen vorweg, welche folgen sollen: die der Auferstehung. Paulus schreibt: „Wir alle aber schauen mitunverhülltem Antlitz die Herrlichkeit des Herrnwie im Spiegel und werden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit wie vomHerrn, dem Geist, in dasselbe Bild verwandelt.“ –So weit, so gut. Dochnun kann sich das Paradox der Verwandlungerst recht austoben.Denn was hätten wir vonunserer Metamorphose, würden wir etwa reines Licht? Attraktiv scheint Verwandlung, sofern wir uns im Vergleich zum früheren Zustand erhoben fühlen. Daraus speisen sich Ideen wie die „Auferstehung des Fleisches“, von der in den Evangelien nirgends die Rede ist und vor der Paulus gegraust hätte.
Doch ob nun in Licht, Geist oder besseres Fleisch transformiert wird: Diese christlichenDifferenzen treten zurück hinter eine große Einigkeit. Die Christen bändigten Verwandlung, den Wildwuchs heidnischer Göttergeschichten ohne höheres Ziel, durch einen einzigen Zweck. Als Ordnung geschaffen, in Unordnung gefallen, werde der Herr die Welterneut zu Ordnung wandeln. – Als Herr der Welt und damit Herr der Verwandlung blieb der liebe Gott indes nicht unangefochten. In der neuzeitlichen Alchemie reklamierte deren eingeweihtes Personal, Menschen also, das göttliche Privileg zu transfigurieren. Das macht Alchemie modern; doch gerade gegen diese Verwandlungslehre dürfte der Verstand moderner Menschen sich heftiger sträuben als gegen jede sonst. Denn zu ihr fällt ihm nur genau zweierlei ein: dass Alchemisten Dreck in Gold wandeln wollten sowie dass dies nicht funktionierte.
Merkwürdig ist indes, dass so erlauchte Intelligenzen wie Newton sich ihr Leben lang eingehend mit etwas befassten, von dem wir sicher sind, es sei Blödsinn. Vor allem ist Alchemie wohl der raffinierte Versuch, Verwandlung neu zu verstehen oder, eher noch, ins Werk zu setzen. Alchemisten machten ausdem verwandelten Leib, der bisher mythologische Idee gewesen war, erstmals ein technologisches Projekt: „den Menschen in seinen Gebrechlichkeiten und Zerbrechlichkeiten, die er an sich hat“, so der Alchemist Paracelsus, mittels Arbeit an seinem Stoff in „den vollkommenen Menschen“ zu überführen. Die Alchemisten waren Perfektionisten. Was die Natur unvollkommen hinterließ, wollten sie künstlich sanieren. Kommt einem das heute nicht bekannt vor?
In der Geschichte der Technologie macht es einen entscheidenden Unterschied, wie ihre Verfahren jeweils mit dem umgehen, was als Natur gegeben ist. Windmühlen lassen den Wind, den sie für sich nutzen, doch Wind sein, Dampfmaschinen hingegen lösen den Stoff auf, aus dem sie Kraft gewinnen. Ist an diesem Unterschied etwas, dann gehört Alchemie nicht mehr der guten alten Zeit an. „All die Werke, die die Natur für sich getrieben hat, müsst ihr wieder auflösen“, fordert Paracelsus. Hier zerfallen ehrwürdigeTraditionen. In seiner „Physik“ hatte Aristoteles gelehrt, Natur allein halte es mit dem Verändern und Verwandeln, nicht die Kunst.Raupen verpuppen sich und werden Schmetterlinge; Tische bleiben Tische und wollen nichts anderes werden; verrottet ihr Holz, vollzieht ein Naturprozess sich an ihnen, nicht mehr dieKunstfertigkeit der Tischler. In der Alchemie hingegen läuft der Natur die Kunst als Verwandlerin den Rang ab; „Art's Triumph over Natures Infirmities“ heißt ein alchemistischer Traktat von 1658, „Sieg der Kunst über Schwächen der Natur“. Weil sie Kunstprodukte, nicht Naturprodukte seien, hält Paracelsus im Reagenzglas erzeugte Homunkuli für dem Nachwuchs aus dem Mutterschoß überlegen.
So ist der Leib für Alchemisten nicht, wie in der christlichen Auferstehung, „individuum“ (Unteilbares), das nur als Ganzes transfiguriert werden kann, sondern „dividuum“ (Teilbares), das nicht anders zu steigern sei, als indem man es zerlege und aus seinen Elementen im Labor Neues konstruiere. Ovids Verwandlungen hatten nie auf ungestaltete Elemente geführt; sie leiteten von Figur zu Figur. Schon das Chaos, aus dem die Welt entsteht, ist in den „Metamorphosen“ kein bloß elementarer Stoff, sondern hat Gestalt, es zeigt ein Gesicht: „vultus“. So wird dann auch Arethusa nicht schlicht Wasser, sondernjene bestimmte Quelle, die ihren Namen erhält. Alchemie hingegen zerbricht Zusammengesetztes stets zuerst in Elemente.
Jeremy Rifkin hat die aktuelle Gentechnologie – die im Englischen treffender „genetic engineering“ heißt – in einer seiner Jeremiaden „Algeny“ genannt, plakativ auf Alchemie anspielend. Tatsächlich frappieren die Parallelen: Perfektionismus, Vorrang der Kunst vor Natur, Elementarismus, Kombination von Analyse und Synthese. Ins Auge springen freilich auch Unterschiede – und ein Unterschied ganz besonders: Das moderne naturwissenschaftliche Ideal der Objektivität und damit die Forderung, der Forscher möge Subjektives gefälligst aus dem Erkennen heraushalten, hätten Alchemisten nie geteilt. Im Gegenteil. Wenn Alchemisten den Stoff reinigen, so klingt es als Refrain durch ihre Schriften, sollen sie zugleich sich selbst reinigen. Solcher moralische Firlefanz scheidet in gentechnologischen Labors von vornherein aus. Hier geht es zur Sache, wie auch immer die Person des Forschers beschaffen sei. Die Sache heißt Leben; doch auch dies ist zu subjektiv, insofern der Forscher selber Leben ist und sich als Leben spürt. Objektiviert wird Leben „genetische Information“. Deren Verwandlung bindet sich folgerich-
tig an Informationstechnologien. Ohne die Transformationsmaschine Computer wäre „genetic engineering“ undenkbar.
Schon die traditionelle Pflanzen- und Tierzucht verwandelte. Vom Wolf zum Dackel, das darf wohl Metamorphose heißen. Doch die natürlichen Grenzen der Arten zogen der Verwandlungskunst der Züchter Grenzen. Der gentechnologischen Verwandlungskunstfallen sie weg. Nicht mehr aus Eichen und Lilien, Rehen und Bienen besteht ihre Welt, sondern aus Informationsbündeln. Der Zugriff auf die DNS, die im Reich des Lebendigen – nahezu – universal ist, wird erlauben, sie fragmentiert über Arten und Gattungen hinweg zu transferieren.
Indem sie den Leib aus der Differenz von Code und Codiertem denken, geben die Molekulargenetik und aus ihr entwickelte Technologien der alten Idee früherer Verwandlungskünste eine neue Wendung. Nicht Körper werden da verändert – das wäre Chirurgie –, sondern Anleitungen zu ihrem Bau. Während die Tradition allemal imaginierte, des zu verwandelnden Körpers müsse man sich direkt bemächtigen, verfährt Molekulargenetik indirekt und darum desto nachhaltiger. Hat man einmal auf der Keimbahn interveniert, statt bloß somatisch zu verändern,dann gehen aus der Intervention verwandelte Körper in prinzipiell unbegrenzter Folge und Menge hervor. Nie war Verwandeln so effizient konzipiert worden.
Effizient wozu? Genetisch ist ein Lebewesen eine Abfolge von Informationen. Wie verwandelt man so begriffene Lebewesen? Indem man ihre genetische Information mithilfe von Restriktionsenzymen zerschneidet und neu zusammensetzt („recombinant DNA“). Leben ist manipulierbares Material. Kontrolle definiert das Muster: Genetische Codes sind Sätze von Instruktionen; ändert man einige von ihnen – schaltet sie ein oder aus („switch on“/„switch off“) –, so resultiert das Erwünschte. Arm ist die Idee von Leben, auf deren Grundlage da reicheres Leben versprochen wird. Denn Organismen sind im Weltbild der neuen Biologie kein Selbstzweck, sondern Mittel der DNS, sich zu erhalten und auszubreiten. „The organism is only DNA's way of making more DNA.“ So wird schließlich DNS verbessert, damit die Leiber immer bessere Träger und Verbreiter der DNS werden.
Eine Melancholie des Sinnlosen tönt das gentechnologische Projekt, „humanity's eventual transformation into something beyond human“, die endliche Verwandlung der Menschen in Übermenschen. Angepriesen aber wird es als frohe Erfüllung aller Wünsche und Träume. Gegen diesen Lärm mag der lustlos misstrauische, ironische Ton aus Handkes „Märchen aus den Neuen Zeiten“ taugen. Seine Souveränität über die Wunde nutzt der Verwandelte banal zu sorgsamem Zähneputzen. Vielleicht versprachen sich Menschen lange genug vom Verwandeln alles Mögliche. Sie verwandeln sich, in der Tat; es mag nun darauf ankommen, dies Verwandeln nüchtern genau zu beschreiben. ■